Podcast-Empfehlung

„Cuts“: Ein Podcast für alle, für die ein Film nicht einfach mit dem Abspann aufhört

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Wer kennt diese Szene nicht: Ihr verlasst das Kino, grübelt noch über den eben gesehenen Streifen, während die Clique schon wieder ausknobelt, zu welcher Dönerbude es nun gehen soll. Dabei habt ihr doch noch vor wenigen Minuten ein Stück Kinogeschichte er- oder überlebt. Das hat Euch zum Lachen, Weinen, Ekeln, Verzweifeln, Erschrecken oder Gähnen gebracht. Es rattert im Kopf. Aber warum ist das eigentlich so? In seinem Podcast „Cuts“ begibt sich Christian Eichler auf Spurensuche. Der Journalist schabt nicht nur an der Oberfläche von Blockbustern, sondern schneidet gemeinsam mit anderen Filmexperten tief in das Dispositiv Film.

Aus „Shots“ wurde „Cuts“

„Ich halte es da mit Friedrich Kracauer und denke, dass Filme ein Spiegel der Gesellschaft sind. Wir können so schön über Politik und gesellschaftliche Fragen anhand von zwei Stunden Kino diskutieren. Ich liebe dieses Projekt, deshalb mache ich es auch weiter“, sagt Christian Eichler vor der Premiere von „Cuts“. Ein Jahr lang hatte Eichler den Podcast zuvor unter dem ähnlich schnittigen Titel „Shots“ und der Obhut des Netzradios „detector.fm“ produziert. Schon 2019 zankte er sich eifrig mit Freund*innen und Kolleg*innen über den Faschismus im „König der Löwen“, das Ende vom Popfeminismus oder das Unbehagen in der Kultur. Trotz des Zuspruchs, konnte das Projekt beim Onlinesender letztlich aus wirtschaftlichen Gründen nicht verlängert werden. Zum Jahreswechsel wurde „Shots“ beerdigt.

Die frohe Nachricht? Seither erfreut sich das Nachfolgeformat einer wachsenden Fangemeinde. Jeden Donnerstag wird in „Cuts“ unter Cinephilen über einen aktuellen Film geredet. Sobald dieser im Kino zu sehen oder er als Stream verfügbar ist, kann man sicher sein, dass er bereits von Christian Eichler und Co. gelobt, zerlegt und ganz sicher mit Wissenswertem verknüpft wurde. In nur wenigen Monaten ist „Cuts“ so zum kleinen Juwel unter den Film- und Serienpodcasts gewachsen.

Grund für den Erfolg könnte der Jahresrückblick sein: In zweieinhalb Stunden verhandelten Eichler und seine Gäste in einer Art Knockout-System über den besten Film des Jahres 2019. Vom Meisterstück „Parasite“, über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, bis hin zum mit Lob überschütteten Drama „Marriage Story“ und dem Endlos-Epos „The Irishman“ – alles wurde verglichen, die Gewinner, in die nächsten Runden gevotet. Daniel Schröckert vom YouTube-Kanal „Rocket Beans TV“, der Einzige in der Runde, der am ehesten ohne Krakauer- oder Sartre-Referenzen auskommt, zieht zum Schluss der Folge das Fazit über den Gewinnerfilm: „Der ist wirklich ein richtig tolles Gesamtpaket und nicht doof, sondern gleichzeitig unterhaltsam und mitreißend für viele Leute. Selbst wenn sie vielleicht nicht alles an Euren berühmten Dichtern oder Philosophen rezitieren können.“ Darauf können sich dann am Ende alle einigen.

Im Widerspruch liegt die Qualität

Dabei lebt das Format im Kern davon, dass eben nicht immer alle einer Meinung sind. Während Christian Eichler selbst etwa überhaupt keinen Zugang zum brasilianischen Mystery-Sci-Fi-Drama „Bacurau“ aufgrund der Länge und Unentschlossenheit findet, lobt Filmwissenschaftler Martin Schlesinger die dargestellte Ausweglosigkeit und Isolation in die Höhe.

So öffnet „Cuts“ neue Perspektiven. Auffällig wird das auch in der Folge „Wagenknecht“. Hier bespricht Eichler die Doku von Sandra Kadelka über Sahra Wagenknecht. Angesprochen auf deren kühle Attitüde, die im Film nicht immer gebrochen wird, wirft Buch-Autor Christian Schneider ein, wie er selbst Wagenknechts Fassade in einem Portrait brechen konnte. Und das, obwohl er ihr in an einer Stelle Autismus unterstellte. Wer sich jetzt noch fragt, was gute Kritik leisten soll – genau das.

Sehen statt schauen

Einer, der bei „Cuts“ auch immer mal wieder zu Wort kommt, ist Wolfgang M. Schmitt. Schmitt, der mit seinem eigenen YouTube-Kanal „Die Filmanalyse“ schon länger durch sein gebügeltes Auftreten vor einem großen Bücherregal und den mahnenden Schlusssatz „Sie Schauen nur, aber Sie sehen nicht“, bekannt ist. Schmitts Mantra ist zugleich der gute Geist, der diesem Podcast innewohnt: In „Cuts“ schaut man eben nicht nur einfach mal kurz in einen Film hinein, man sieht ganz genau hin. Wer das verinnerlicht, für den werden plötzlich auch vermeintlich schwächere Filme sehr sehenswert. Und was sich zunächst nischig anhört, rutscht doch nie in einen reinen Nerdtalk ab – dank Christian Eichlers Charme (seine Stimme klingt immer so schön neugierig, sie hätte auch bei den „Drei Fragezeichen“ einen Platz verdient) und dank der wirklich gut kuratierten Filmauswahl. Ein Hör-Tipp für alle, für die der Film nicht mit dem Ablaufen der Credits aufhört und für die ein „ja, hat mir gut gefallen“ als Nachbesprechung nicht ausreicht.

In der Zeit des grassierenden Coronavirus und dadurch fehlenden Kinostarts wendet sich „Cuts“ mitunter mehr den Streamingangeboten von Netflix und Mubi zu. Außerdem bespricht Christian Eichler wöchentlich die Lieblingsfilme seiner Gäste. Darunter tummeln sich meist Klassiker, wie zum Beispiel das Liebesdrama „L’Atalante“ (1934).

Die Folgen erscheinen wöchentlich. 24 Episoden gibt es bislang. Für diese sollte man im Schnitt eine Stunde Zeit einplanen. Hört hier in den Podcast rein.


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