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Kritik

„Marriage Story“ auf Netflix: Scheidung unter Palmen

„Marriage Story“ beginnt brillant: Der Zuschauer lernt die in New York City lebenden Eheleute Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson) mit der stärksten Szene des Films kennen. Charlie und Nicole erzählen jeweils aus dem Off, was sie an ihrem Ehepartner lieben. Gezeigt wird das in zwei Abschnitten, bebildert wird es mit Rückblenden. Charlie lobt Nicoles tolles Gespür für Geschenke (eine Trompete), Nicole lobt Charlies besondere Sorgfalt. Diese Eröffnungsszene beginnt ohne Kontext, acht Minuten lang hört man den beiden zu, wie sie sich Komplimente geben, sich Gründe liefern, warum sie das Gegenüber so sehr schätzen. Die Rückblende endet mit einem Cut in das eigentliche Setting – ein Kunstgriff, der ans Herz geht.

Der tatsächliche Kontext der Komplimente: In einer Sitzung beim Paartherapeuten sollen die Eheleute aufschreiben, was sie an ihrem Partner lieben und sich dann ihre Notizen gegenseitig vorlesen, doch so weit kommt es nicht. Nicole weigert sich, ihren Text laut vorzulesen, da ihr nicht gefällt, was sie geschrieben hat. Die wärmenden Worte aneinander, die wir, die Zuschauer, hörten, haben Nicole und Charlie an diesem Tag voneinander nicht zu hören bekommen. Dieser frühe emotionale Gipfel ist gewissermaßen exemplarisch für „Marriage Story“, der seit Freitag auf Netflix zu sehen ist: Der neue Film von Noah Baumbach handelt dennoch nicht nur vom Scheitern einer Ehe. Er ist vor allem eine emotionale Chronik über die Wirren einer Scheidung.

Während Charlie in New York City seinem Job als Theaterregisseur nachgeht, nimmt Nicole ein Angebot aus Los Angeles an. Sie soll die Hauptrolle in der Pilot-Folge einer neuen Fernsehserie spielen, was für sie eine Chance für eine Rückkehr bedeutet, spielte sie doch früher als Filmschauspielerin mal die Hauptrolle in einem Kassenschlager. Die Leinwandkarriere gab sie jedoch zugunsten einer Theaterlaufbahn in New York auf und spielte zuletzt vor allem in Charlies eigenen Stücken mit.

Nicole geht zurück in ihre Geburtsstadt Los Angeles, ihre Familie um Mutter Sandra (Julie Hagerty) lebt noch immer dort. Sie geht ohne Charlie, aber mit Sohn Henry. Als Charlie für ein Wochenende zu Besuch kommt, reicht man ihm dort prompt die Scheidungspapiere.

Nicole lässt sich bei der Scheidung von der knallharten Anwältin Nora (Laura Dern) vertreten. Charlie, der unglücklich damit ist, dass die Scheidung über das Gericht geklärt werden muss, tut sich schwer mit der Situation. Weil er muss, nimmt er sich letztendlich auch einen Anwalt, nämlich den gutmütigen Bert Spitz (Alan Alda). Der Rechtsstreit findet in Los Angeles statt, womit sich Charlie, der eigentlich in New York ein Theaterprojekt leiten muss, zwangsläufig arrangiert – und somit einer Coast-to-Coast-Scheidung einwilligt.

Mit steigendem Einfluss der Anwälte verschärft sich der Ton zwischen den beiden Parteien; da die Bandagen härter werden wechselt Charlie gar den Anwalt und wird nun vom ausgefuchsten Jay Marotta (Ray Liotta) vertreten. Die gegenseitigen Vorwürfe nehmen derweil kein Ende, vor allem aber übt die unbarmherzige Härte des amerikanischen Scheidungsrechts einen großen Druck auf Nicole und Charlie aus, bringt so ein Rosenkrieg doch nicht nur einen enorm hohen finanziellen, sondern auch einen seelischen Preis mit sich. Das kulminiert nicht nur in ständig schärferen Forderungen, sondern auch in einem heftigen Streit zwischen den beiden Noch-Eheleuten.

Fokus auf die Eltern

Der Autorenfilmer Noah Baumbach greift in „Marriage Story“ einige Motive aus früheren Filmen auf: Sein Talent für Porträts verquerer Familienverhältnisse zeigte er zuletzt bei der ebenfalls für Netflix produzierten Tragikomödie „The Meyerowitz Stories“, in der er sich einer New Yorker Patchwork-Familie voller exzentrischer Charaktere widmete.

Zudem ist „Marriage Story“ für Baumbach nicht der erste Film, in dem er sich einer Ehekrise inklusive Scheidung widmet. Schon in seinem Durchbruchsfilm „Der Tintenfisch und der Wal“ aus dem Jahr 2005 ließ sich das von Jeff Daniels und Laura Linney dargestellte Ehepaar scheiden. Damals legte Baumbach vor allem den Fokus auf die Auswirkungen, die die elterliche Trennung (sowie deren neue Beziehungen) auf die beiden Söhne hatte. In „Marriage Story“ verliert Baumbach nun zwar nicht das Schicksal des Sohnes Henry aus den Augen, fokussiert sich aber mehr auf die Wirren, die das Ehepaar selbst in diesem zehrenden Vorhaben durchlebt.

Auch in der Filmgeschichte haben Scheidungsfilme eine gewisse Tradition: Ob im europäischen Autorenkino („Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman) oder im amerikanischen Film („Kramer gegen Kramer“ von Robert Benton) – „Marriage Story“ ist nicht der erste Film, der diese menschliche Ausnahmesituation beleuchtet. Was Baumbachs Werk trotzdem besonders macht, ist die Schilderung des Irr-, ja Wahnsinns des amerikanischen Scheidungsrechts und den Auswirkungen, die es auf die beteiligten Menschen hat. „Marriage Story“ ist eine feinfühlig beobachtete Chronik eines zehrenden Prozesses und einer verlorenen Liebe geworden, der – und das ist sicherlich das wichtigste Signal – nicht die menschliche Note abhandenkommt.

Der Film profitiert vor allem von lebhaften Dialogen, die bei all der Schwere der Thematik auch immer mal wieder Raum für auflockernde und erleichternde Momente lassen. Auch die grandiosen Hauptdarsteller Scarlett Johansson und Adam Driver – mit letzterem arbeitete Baumbach bereits häufiger zusammen – spielen fulminant und facettenreich. In ihrer Nebenrolle als aalglatte Scheidungs-Anwältin weiß wiederum Laura Dern zu überzeugen.

Baumbachs Film lässt sich mit mehr als 130 Minuten Lauflänge viel Zeit und schafft so Raum für jegliche Gefühlsregung. In diesem Scheidungs-Battle zwischen West- und Eastcoast darf somit nicht nur viel gestritten und geweint, sondern auch mal gelacht oder gar gesungen werden. Davon profitiert „Marriage Story“ – ein Film, der realistisch und erschütternd, vor allem aber besonders ist. Und sicherlich ein Oscar-Kandidat.

„Marriage Story“ ist seit dem 06. Dezember 2019 auf Netflix verfügbar. Bereits ab dem 21. November wurde er in einigen Kinos gezeigt.


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