Meinung

„Burger Records“: Was die Missbrauchsvorwürfe für die Indie-Szene bedeuten könnten (und sollten)

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„Wie bescheuert, der Kerl hat doch gar nichts falsch gemacht. Warum erhält sie die Macht, wegen absolut gar nichts sein Leben zu ruinieren? Das ist KEIN Missbrauch!“ – so oder ähnlich lesen sich zahlreiche Kommentare unter Social-Media-Beiträgen über jene Vorwürfe gegen SWMRS‘ Joey Armstrong, mit denen The-Regrettes-Sängerin Lydia Night kürzlich an die Öffentlichkeit trat. In einem detaillierten Instagram-Post schilderte die Musikerin ihre vergangene Beziehung zu Armstrong, der Night damals mit dem Angebot einer gemeinsamen Tour der beiden Burger-Records-Bands kontaktierte.

 

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Night selbst war zu diesem Zeitpunkt mit 16 Jahre noch minderjährig, während Armstrong mit seinen 22 Jahren bereits als volljährig galt. Im Laufe ihrer zwei Jahre andauernden, größtenteils geheimen Beziehung soll der Schlagzeuger seine Ex-Freundin immer wieder zu sexuellen Handlungen gedrängt haben, wohl wissend, dass er sich durch sein Alter und den Headliner-Status seiner Band in einer gewissen Machtposition gegenüber der verhältnismäßig unerfahrenen Sängerin befand.

Bei Armstrong handelt es sich nicht nur um den Drummer einer beliebten Indie-Band, deren Mitglieder sich ironischerweise nach außen stets als Feministen präsentierten, sondern außerdem um den Sohn keines Geringeren als Green-Days Billie Joe Armstrong. Es wundert einen also nicht wirklich, dass sich aktuell zahlreiche, vornehmlich männliche Fans auf Facebook und Co. versammeln, um den Punkrock-Protegé in Schutz zu nehmen. Umso überraschender sind jedoch die Reaktionen innerhalb der Indie-Szene, die von purer Ignoranz bis hin zu verbalen Attacken gegen die eigenen Fans reichen.

Keine vereinzelter Vorfall

Dass Armstrongs mutmaßliches Verhalten in der Szene keine Ausnahme darstellt, legen zahlreiche weitere Vorwürfe nahe, die allein bei dem Indie-Label Burger Records gegen Bands wie The Buttertones, The Frights, Cosmonauts und The Growlers hervorgebracht wurden. So beschuldigte zuletzt Cherry Glazerrs Clementine Creevy den Buttertones-Bassisten Sean Redman, als 20-Jähriger eine Beziehung mit ihr eingegangen zu sein, als sie gerade einmal 14 Jahre alt war und sie bereits bei ihrem ersten Treffen zum Sex überredet zu haben.

The-Frights-Sänger Mikey Carnevale wird wiederum vorgeworfen, einen damals 16-jährigen Fan nach einer Show in den Tourbus eingeladen und zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Während sich Carnevale inzwischen zumindest für einen Teil des Vorfalls entschuldigt hat, bekleckert sich The-Strokes-Sänger Julian Casablancas gerade wenig mit Ruhm. Denn auch Mitgliedern der bei seinem Label Cult Records unter Vertrag stehenden Growlers wird inzwischen sexuelles Fehlverhalten bis hin zur Vergewaltigung vorgeworfen. Zusätzlich sind unzählige Frauen an die Öffentlichkeit getreten, die behaupten, Jeramy „Beardo“ Gritter, Gitarrist bei Casablancas‘ Band The Voidz, sei in der Szene bekannt dafür, regelmäßig sehr junge Fans sexuell zu belästigen.

 

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„Jeramy ist ein sensibler, guter Mensch“

Statt die Vorwürfe gegen seinen Bandkollegen ernst zu nehmen, scheint es Casablancas jedoch für sinnvoller zu halten, seine eigenen Fans auf Instagram und Co. zu attackieren. Ungeachtet der zahlreichen Anschuldigungen behauptet er dort, es handle sich dabei um vereinzelte Lügnerinnen und Trolle, die „vielleicht irgendwann mal das Gefühl hatten, zu aggressiv angegraben worden zu sein“ und jetzt den Ruf eines „sensiblen, guten Menschen“ zerstören.

 

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Und genau hier liegt offensichtlich die Krux an der Sache: Dass in der Indie-Szene nach wie vor die Annahme zu herrschen scheint, junge, weibliche Fans seien allesamt nymphomane Groupies, die es darauf anlegen, von den Mitgliedern ihrer Lieblingsbands flachgelegt zu werden und nun für ein bisschen Ruhm rücksichtslos Karrieren zerstören. All diese Berichte untermauern den Eindruck, dass man aus der MeToo-Debatte relativ wenig gelernt hat.

Kein Mensch sollte jemals zu einer sexuellen Handlung überredet werden müssen

Gerade weil es sich bei Fans häufig um beeinflussbare junge Musikliebhaber*innen handelt, die einzelne Bandmitglieder geradezu anhimmeln, obliegt (älteren) Musiker*innen eine besonders große Verantwortung. Kein Mensch, unabhängig seines Alters, sollte jemals zu einer sexuellen Handlung überredet werden müssen. Jedes Verhalten, das solch eine Einvernehmlichkeit missachtet, kann als Missbrauch bezeichnet werden: entweder sexuell oder aber im Bezug auf die eigene Macht, völlig egal, ob es sich dabei um ungewolltes Begrabschen oder eine tatsächliche Vergewaltigung handelt.

Burger Records, dessen Gründer ebenfalls mindestens für den ein oder anderen schmierigen Kommentar bekannt sind, hat sich inzwischen nach einem anfänglichen Rebranding-Versuch komplett aufgelöst und öffentlich dafür entschuldigt, eine Umgebung geschaffen zu haben, in der ein solch verwerfliches Verhalten toleriert und gefördert worden sei. Die Mitglieder der betroffenen Bands heucheln entweder Unwissen (The Growlers), relativieren ihr Verhalten (SWMRS) oder streiten sämtliche Vorwürfe ab (The Voidz). Um aber tatsächlich etwas an dem in dieser Szene anscheinend vorherrschenden Klima zu ändern, braucht es vor allem dreierlei Dinge: Die Anerkennung des aktuellen Status quo, ein Bewusstsein über die eigene Machtposition und die Bereitschaft, die bestehenden Verhältnisse zum Besseren zu verändern.

Denn um es mit den Worten Clementine Creevys zu sagen:

„Dies ist KEIN ATYPISCHER VORFALL IN DER MUSIKSZENE. Unzählige Frauen aus meinem Umfeld haben ähnliche Erfahrungen mit männlichen Musikern gemacht und es bricht mir das Herz und macht mich wahnsinnig wütend, zu wissen, dass so viele junge Frauen, die einfach nur Musik machen oder ihr zuhören wollen, von älteren Männern in der Musikszene sexualisiert werden. Es ist widerlich und muss unbedingt aufhören!“


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