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Die besten US-Rap-Alben der 90er: Eminems Auferstehung auf THE SLIM SHADY LP

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Seit einigen Wochen wagen wir auf musikexpress.de einen Rückblick und nennen zehn bahnbrechende HipHop-Alben der Neunziger. Diesmal, nach 2Pac und seinem Doppelalbum ALL EYEZ ON ME befassen wir uns mit Eminem und seinem Album THE SLIM SHADY LP.

Frühe Gehversuche

„Sobald ich aufhörte, mich darum zu scheren, was ich sagte, fingen die Leute an, sich dafür zu interessieren. Es war wie ein umgekehrter Effekt“, sinnierte ein zu diesem Zeitpunkt 26-jähriger Eminem (bürgerlich: Marshall Mathers) nach dem Release seines Debüts 1999 auf dem Aftermath-Label von Dr. Dre (bürgerlich: André Romelle Young).

Die SLIM SHADY LP stellte nicht das eigentliche Erstlingswerk des Rappers aus Detroit, Michigan dar. Dieses erschien bereits drei Jahre zuvor am 12. November 1996 und trug den Titel INFINITE. Allerdings hinterließ das Album keinen bleibenden Eindruck. INFINITE war nicht mehr als musikalisches Mittelmaß und kommerziell ein Misserfolg. Folglich musste sich Eminem, der bereits Vater war, für die junge Familie frustriert mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten.

Zwar verfügte Em längst über die Fähigkeit, seine Texte mit Wortwitz zu füttern und fehlerlos in das Mikrofon zu spucken, jedoch fehlte es ihm noch an einem Alleinstellungsmerkmal. Schließlich rappte er noch nicht unter seinem Pseudonym Slim Shady – einer zweiten künstlerischen Identität, die durch lyrischen Wahnsinn bestach und schon bald die Medienlandschaft in Aufruhr versetzen sollte.

Die Gabe der Absurdität

Wir schreiben das Jahr 1997. Seit INFINITE hatte sich Ems Alter Ego Slim Shady auf der gleichnamigen EP herausgebildet. Eminem rappte auf der SLIM SHADY EP wilder, rücksichtsloser und steigerte die grotesken und irrwitzigen Momente seiner Musik. Es entstand ein erster Medienrummel um Mathers und das Szene-Magazin „The Source“ berichtete im März 1998 in seiner „Unsigned-Hype“-Kolumne über den Rapper aus Detroit.

Außerdem gab ihm eine glückliche Fügung den nötigen Schub auf dem Weg zum Rap-Superstar: Ein Praktikant des Musikproduzenten und damaligen Präsidenten Interscope Jimmy Iovine sah Eminems Auftritt bei den Rapolympics 1997 und leitete die SLIM SHADY EP an Iovine weiter. Dieser machte schließlich Dr. Dre auf Marshall Mathers aufmerksam. Der Start einer äußerst erfolgreichen Zusammenarbeit – Eminem konnte seit seiner Vertragsunterschrift 1998 bei Aftermath weltweit mehr als 100 Millionen Alben verkaufen.

Dr.Dre verfeinert das Rezept

Neben dem geschäftlichen Erfolg harmonierten André Young und Marshall Mathers auch künstlerisch. Eminem berichtete in der Vergangenheit wiederholt von der einmaligen Chemie zwischen ihm und Dre im Studio. Und diese Zusammenarbeit trug bereits 1999 erste Früchte: Dr. Dre kreierte den Beat zu Eminems erste Hitsingle „My Name Is“. Der Track ging durch die Decke und Slim Shady wurde über Nacht zu einem Star. Der Startschuss war geglückt und auch das dazugehörige Album THE SLIM SHADY LP war ein riesiger Erfolg. Es verkaufte sich bis heute über 18 Millionen Mal.

Bass Brothers

André Young wirkte als Executive Producer des Albums – lediglich drei Songs produzierte er selbst. Neben dem eben erwähnten „My Name Is“ waren da noch „Role Model“ (zusammen mit Mel-Man) und „Guilty Conscience“, auf dem Dre auch rappte. Für die restlichen Songs waren die Bass Brothers (bestehend aus Jeff und Mark Bass) oder Jeff Bass alleine verantwortlich. Diese kannte Eminem schon vor dem Aftermath-Deal. Sie produzierten bereits 1997 den Song „If I Had…“ und waren als ausführende Produzenten der SLIM SHADY EP tätig. Eminem wirkte zudem bei elf von 20 Titeln als helfende Hand bei der Produktion mit, eine Tätigkeit, die er bei seinen späteren Alben noch weiter vertiefen sollte.

Die Geschichte, dass Dre den Rapper aus Detroit mit seiner Genialität zum Durchbruch verhalf, mag dahingehend stimmen, dass er ihn und seine Hauptproduzenten beflügelte – das notwendige Sound-Fundament wuchs jedoch schon davor durch die Zusammenarbeit zwischen Eminem und den Bass Brothers zusammen. Auf der SLIM SHADY EP befanden sich bereits die Originalversionen von „As the World Turns“ und „Just Don`t Give a Fuck“. Außerdem sind das „Mommy“-Skit sowie „Just the Two of Us“ enthalten, die später zu „97’ Bonnie & Clyde” führten.

Engel links, Teufel rechts

Nichtsdestotrotz war das Zusammenspiel zwischen Dr. Dre und Eminem essentiell für den späteren Erfolg der Platte. Auf „Guilty Conscience“ boten sie eine Art Rap-Hörspiel und lieferten einen der spannendsten Tracks des Albums. Die Hörer*innen erwarteten verschiedene Protagonisten und Szenarien mit realitätsnahen Hintergrundgeräuschen  – samt eines Erzählers, der durch die Geschichte führte. Hierbei spielte Slim Shady den Teufel auf der linken Seite, während Dre den Engel auf der rechten Seite mimte. Dr. Dre versuchte sein Bestes, um den einzelnen Charakteren einen möglichst reibungslosen Ausweg aus der Bredouille zu weisen, doch Eminem machte sich über die moralischen Einwände des Docs lustig und beeinflusste die Figuren auf fragwürdige und humoristische Weise. Schlussendlich knickte Dre ein und die Story nahm ein übles Ende.



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