Kritik

„Freaks – Du bist eine von uns“ auf Netflix: Die, äh, Avengers von nebenan

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Superheld*innen-Offensive auf Netflix: Innerhalb weniger Tage hat der Streamingdienst US-Produktionen wie „Aquaman“, „Venom“ und neue Folgen der unsäglichen französischen Kinderserie „Miraculous“ (sorry, der Autor dieses Textes ist Vater) ins Programm genommen. Da wollte sich mutmaßlich auch die deutsche Filmindustrie nicht lumpen lassen und hat einen sehr deutschen, sehr ironischen und zum Glück sowie entgegen landläufiger Meinungen auch sehr lustigen Superheld*innen-Film beigesteuert: „Freaks – Du bist eine von uns“ kann seit 2. September 2020 im Stream gesehen werden.

Der niedergeschriebene Plot liest sich wie aus dem Marvel- oder DC-Baukasten: Die junge Mutter Wendy arbeitet in einem Diner und brät dort Burger. Ihr Einkommen und das ihres Mannes, einem Security-Mitarbeiter, reicht für die Familie vorne und hinten nicht. Eines Tages lauert ihr ein Obdachloser namens Marek auf und rät, ihre seit Kindertagen eingenommene und von einer mysteriösen Psychiaterin verschriebene tägliche Tablettenration abzusetzen. Woher weiß er davon? „Du bist eine von uns!“, sagt er, stürzt sich von einer Brücke, wird überfahren – und steht am nächsten Tag wieder quicklebendig neben ihr. Weil die von niemandem ernst genommene Wendy nicht mehr weiter weiß, befolgt sie seinen Rat – und entdeckt prompt Superkräfte in sich. Damit ist sie nicht allein: Auch ihr Kollege Elmar, ein zielloser Außenseiter und Kind aus reichem Hause, entpuppt sich als „einer von ihnen“. Er kann Strom erzeugen und beeinflussen, bestellt sich online ein Kostüm („sah im Internet irgendwie geiler aus“) und nennt sich Electroman. X-Men, irgendwer? Gemeinsam überlegt die Schicksalsgemeinschaft, ob und wie sie nach ihrem eigenen Leben das von anderen Menschen verbessern könnten. So viel sei verraten: Auf einen Nenner kommen sie – natürlich – nicht, die dunkle Seite der Macht ist zu verlockend.

Sie ist eine von ihnen: Wendy zwischen Elmar und Marek. Sehen so realistische Superheld*innen aus?

Angeblich realistische Superheld*innen

Klingt nach Popcorn-Unterhaltung? Nach Action in einer US-Metropole? Nach Margot Robbie, Woody Harrelson und Timothée Chalamet? Von wegen: Einen „realistischen Superheldenfilm“ wollten Regisseur Felix Binder („Lerchenberg“) und Drehbuchautor Marc O. Seng („Lerchenberg“, „Dark“) drehen und haben genau das nun versucht – mit komischen Highlights und erzählerischen Untiefen. Der triste Alltag von Wendy (Cornelia Gröschel), Marek (Wotan Wilke-Möhring) und Elmar (Tim Oliver Schulz) sowie dessen Wendung spielt sich nicht in Santa Monica, sondern einem Frankfurter Vorort ab. Das Diner ist nicht mehr als ein Tankstellen-Imbiss, die Special Effects und viele Dialoge muten bisweilen wie eine trashige Superhelden-Satire an. Leider ist „Freaks – Du bist eine von uns“ zumindest das nicht so recht geworden.

Schauspielerisch erscheinen die Hauptrollen völlig solide, leider kann gerade Gröschel nicht noch mehr aus ihrer sympathischen Figur machen, als sie ins Drehbuch geschrieben bekommen hat. Am auffälligsten sind deshalb abseits eines unspektakulären Wilke-Möhring Wendys Chefin, gespielt von der unter anderem aus „jerks.“ bekannten Gisa Flake sowie Elmars Vater, gespielt vom ebenfalls unter anderem aus „jerks.“ bekannten Ralph Herforth. Ein Hingucker ist auch der heute 32-jährige und einst als Teenie-Idol gefeierte Tim Oliver Schulz, bekannt unter anderem aus Felix Binders „Club der roten Bänder“.

Ein bisschen Feminismus

Für ein Sozialdrama geht „Freaks – Du bist eine von uns“ leider nicht tief genug, was dem Format eines Spielfilms geschuldet sein mag, für besagte Satire fehlt es an einer gehörigen Portion Biss. Kurzweilig, weil so schön deutsch, ist „Freaks“ allemal geworden: Wenn ein im Club von Wendy verprügelter, übergriffiger Macho von der Polizei ausgelacht wird, weil er angeblich von einer Frau mit Superkräften verhauen wurde, oder wenn Wendy den Bullys ihres Sohnes die Fahrräder verbiegt, wohlwissend, dass deren Eltern ihnen diese Story eh nicht glauben werden, sehen wir auf den ersten Blick lustige Szenen – auf den zweiten aber auch Kommentare zum strukturellen Sexismus unserer Gesellschaft. Und das ist nicht alles, was man in „Freaks“ hineindeuten könnte: Verschwörungstheoretiker*innen spielt der plumpe Plot womöglich gar in die Hände. Denn so so wie Wendy und Co. ihr Leben lang von Pillen geheimnisvoller Absenderinnen klein gehalten werden, wird es ja auch der deutsche Querdenker mit Chemtrails, Chipimpfungen und Coronatests!11!!

Das Timing von „Freaks – Du bist eine von uns“ ist sowieso gar kein schlechtes: Zwar hatten Binder und Seng die Idee dazu schon vor Jahren, aber erst seit der jüngeren Vergangenheit feiern „andere“ Superheld*innen Hochkonjunktur: Vor wenigen Wochen startete, ebenfalls auf Netflix, die zweite Staffel der Comicadaption „Umbrella Academy“; fast zeitgleich mit „Freaks“ ist nun auch die zweite Staffel „The Boys“ auf Amazon Prime Video zu sehen. Und mit 80er-Nostalgie wie „Stranger Things“ spielt der Film auch immer dann, wenn Wendy ihren Discman mit Roxette, Cutting Crew und Nick Kamen auspackt. Mit den umfassenderen Plots, den Charakterauslotungen und der Produktion genannter Serien kann „Freaks“, schon wegen seines Formats, seiner Herkunft und seines Ansatzes, freilich nicht mithalten. Was die Macher nicht davon abhält, ebenfalls in bester Marvel-Manier einen Cliffhanger auf eine eventuelle Fortsetzung inklusive neuer Superheld*innen zu platzieren. Nur eine Post-Credit-Szene, die gibt es nicht.

„Freaks – Du bist eine von uns“, 92 Minuten, mit Cornelia Gröschel, Wotan Wilke-Möhring und Tim Oliver Schulz, seit 2. September 2020 auf Netflix im Stream verfügbar


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