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Kommentar

Depressionen in der Rock- und Popmusik: Lasst uns darüber reden!

Gestern, am 19. Juni, hätten Frightened Rabbit auf dem Meltdown Festival in London spielen sollen. Robert Smith hat als Kurator das Programm zusammengestellt, er war Fan der Band, liebte die Songs von Scott Hutchison. „Ich habe ihn nie getroffen, aber durch seine Stimme fühlte ich, dass ich ihm nah war“, sagte Smith in einem Interview eine Woche vor dem Gig, der nicht stattfand: Am 9. Mai wurde Hutchison als vermisst gemeldet, die Sorge war groß, da er sich via Twitter von der Welt verabschiedet hatte. Einen Tag später fand man seine Leiche.

Die Bühne auf dem Meltdown Festival am südlichen Ufer der Themse blieb am Dienstag aber nicht leer. In der Queen Elizabeth Hall versammelte sich ein Panel, um über das Thema „Mental Health & Music Industry“ zu sprechen, Kristin Hersh von den Throwing Muses nahm daran teil, Stefan Olsdal von Placebo, Christine Brown von der Initiative „Help Musicians UK“, Moderator des Abends war der Psychologe Jay Watts. Der Anlass der Diskussion war traurig. Der Abend selbst war überfällig.

Debatten über Depressionen faden immer wieder aus, und am Ende ändert sich nichts

Die Musikwelt hat in den vergangenen Monaten eine Reihe von Talenten verloren, die sich wegen langanhaltender psychischer Probleme das Leben nahmen. In den sozialen Medien starten zuverlässig die gleichen Mechanismen: Man erinnert sich gemeinsam an Lieder und Momente, das ist ein großer Trost. Man sagt, es könne doch nicht sein, dass psychische Probleme ausgerechnet in der Rock- und Popmusik ein Tabu seien – schließlich gehe es in neun von zehn Texten um Melancholie und Trauer, Selbstzweifel und Depressionen. Doch dann faden die Debatten langsam aber sicher aus, und am Ende ändert sich nichts.

Daher ist es so bedeutsam, dass sich Robert Smith und die weiteren Verantwortlichen vom Meltdown Festival dafür entschieden, den Slot von Frightened Rabbit zu nutzen: Die Debatte über psychische Probleme von Musikerinnen und Musikern darf nicht nur in den Nischen der Pop-Kongresse stattfinden, sie muss auf die Bühne geholt werden. Denn es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Noch immer können sich viele Menschen (selbst echte Fans) nicht vorstellen, warum eine Person, die in einer Rockband spielt und sich damit einen Traum verwirklicht hat, depressiv werden kann. Das gleiche gilt übrigens auch für Fußballprofis. Bei der Musik kommt hinzu, dass der finanzielle Druck zuletzt enorm gestiegen ist: Eine Indierockband wie Frightened Rabbit kann heute kaum noch von ihren Tantiemen leben, aus dem Traumjob wird schnell ein Albtraum, wenn die Zuschauerzahlen bei Liveshows rückgängig sind. Einen Blick auf die Verkaufszahlen der Tonträger zu werfen, trauen sich viele Musiker schon gar nicht mehr.

Dieser Druck erklärt nicht die Suizide von Chris Cornell von Soundgarden oder Chester Bennington von Linkin Park. Beide spielten in großen Bands, füllten Hallen. Was nur zeigt: Selbst anhaltender Erfolg schützt nicht vor den Dämonen im Kopf. Das einzige, das hilft, ist es, darüber zu reden. Immer wieder, gerade nach Rückschlägen, die bei psychischen Krankheiten oft unvermeidbar sind. Um immer reden zu können, benötigen wir aber eine offene Debattenkultur, die psychische Krankheiten nicht länger tabuisiert, Patienten nicht stigmatisiert.

Lasst uns darüber reden!

Das Panel auf dem Meltdown Festival steht für eine solche Kultur. Aber auch das neue Album von Rapper Danger Dan: Das Mitglied der Antilopen Gang sagt, er habe im vergangenen Jahr eine Psychotherapie begonnen – das als Künstler der HipHop-Kultur zuzugeben, in der es teilweise nur um Alphatierchen geht, ist schon nicht ohne. Danger Dan sagte aber auch, er habe im Umgang mit an Depressionen erkrankten Menschen in seinem Umfeld eine Unsicherheit gespürt – und dagegen wollte er etwas machen.

So muss es weitergehen: sich informieren, Unsicherheiten abbauen, Probleme ansprechen – auch auf der großen Bühne. Als Fans von Bands wie Frightened Rabbit haben wir unzählige Stunden Trost abgegriffen. Es ging uns ähnlich wie Robert Smith, wir kannten Scott Hutchison nicht persönlich, aber wenn wir seine Stimme hörten, dann wussten wir: Er singt für uns, grübelt für uns, trinkt für uns. Er hat wohl auch für uns gelitten. Doch soweit sollte es bitte nicht gehen. Darum: Lasst uns darüber reden!


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