Im Gespräch

Helge Schneider im Interview: „Ich habe einfach meine normale Jacke angelassen“


Helge Schneider verschränkt bis heute Eigensinn mit Gaga und Musik und was ihm sonst so gefällt, und kann selbst im Rentenalter nicht damit aufhören, groß- und einzigartig zu sein. Höchste Zeit für ein großes Interview mit dem Meister aus Mülheim.

Schlimmer als die Qualität des hiesigen Humorhandwerks sei nur das endlose Gejammer darüber, heißt es. Aber es muss ja etwas bedeuten, wenn man nach 20 Jahren Comedy-Terror und trotz randvoller Gag-Nachwuchs-Kanäle bei YouTube dann doch immer wieder in einer Diskussion über die Ausnahmestellung von Loriot landet. Und bei Helge Schneider! Der Künstler und Entertainer verschränkt bis heute Eigensinn mit Gaga und Musik und was ihm sonst so gefällt, und kann selbst im Rentenalter nicht damit aufhören, groß- und einzigartig zu sein. Höchste Zeit für ein großes Interview mit dem Meister aus Mülheim.

Am Tag nach dem Treffen in Mülheim an der Ruhr findet sich eine Nachricht auf der Mailbox: „Hallo, hier ist der Helge!“ Er klingt auffallend ernst. „Seit dem Interview fehlt doch einiges …“ Schrecksekunde: Hält einen der Gastgeber etwa für einen Dieb? Was ist denn da bloß los? „ … Wir vermissen einen Sportwagen und zwei Motorräder.“ Nur ganz allmählich sickert ins Bewusstsein, dass sich Schneider, der legendäre Spaßkünstler, tatsächlich einen Spaß mit einem erlaubt hat, einen Prank-Call. Als ob es den gebraucht hätte, um sich zu vergewissern, dass die bald 65-jährige singende Herrentorte immer noch zu schocken weiß, wenn sie mag. Helge Schneider ist seit 30 Jahren die große Ausnahmeerscheinung in Sachen Humor aus Deutschland. Ohne jede Übertreibung unvergleichlich. Und da hat man mal wieder noch kein Wort darüber verloren, was für virtuos verballerte Jazzmusik er schon seit 50 Jahren auf allen erdenklichen Bühnen spielt …

Tags zuvor

Von rechts und links rasen unablässig Autos und Laster vorbei, auf dem Gehweg machen Fahrradfahrer den Platz eng und ein Flanieren unmöglich. Der herbe Charme von Industriegebiet und Ausfallstraße wird allerdings konterkariert durch die Ruhr, die parallel hinter den Häuschen am Wegesrand verläuft und immer wieder durch vereinzelte Baulücken hervorblitzt.

Angekommen. Helge Schneider hält zur Begrüßung den Ellenbogen hin – eine jener Gesten, die sofort wieder die besondere Lage gewahr werden lassen. Doch für eine Begegnung mit Helge Schneider passt sie eigentlich ganz gut. Ellenbogen statt Hand. Bräuchte der Mann kein Corona für. Immer gerade nicht das Naheliegende tun. Einfach nicht den Ton spielen, der gerade kommen müsste.

„MAMA“: Helge Schneider kündigt neues Album an

An seiner Seite ein Junge, den man als treuer Konzertbesucher schon von der Bühne her kennen kann. Schneiders jüngster Sohn Charly ist mittlerweile zehn Jahre alt und tut manchmal bereits in der Band seines Vaters mit – am Schlagzeug zum Beispiel. Vom Garten seines Häuschens schaut man direkt auf den Fluss, ein kleiner Steg führt hinunter. Übertrieben idyllisch möchte man das alles finden, gerade als der Blick dann auch noch einen Strandkorb auf der Terrasse einfängt.

Helge Schneider trägt Leinen, dazu Schuhe ohne Socken, gönnt sich lecker italienischen Espresso. Ist das wirklich derselbe Mensch, der zuletzt in einem trostlos anmutenden YouTube-Video verlauten ließ, wegen der aktuellen Lage selbst einen endgültigen Bühnenabschied nicht auszuschließen?

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Es sind bewegte Zeiten, Herr Schneider, wie geht es Ihnen?

Grundsätzlich sehr gut. Ich habe alles runtergefahren, da kommt man zumindest mal wieder auf dem Teppich an. Da ich meine Shows unter den jetzigen Abstandsbedingungen nicht machen kann, musste ich mir neue Möglichkeiten suchen, um Kontakt zu den Leuten zu halten. Wir sind jetzt in kleiner Besetzung mit ein oder zwei Wohnmobilen unterwegs, schmieren vorher ein paar Brote und spielen meist unter freiem Himmel.

Aber keine Straßenmusik?

Nein, das sind schon offizielle Konzerte. Aber ich gucke genau hin. In einem Eisstadion, in das sonst 50.000 Leute reinpassen und in das jetzt 900 reindürfen, die wegen Abstand vielleicht noch in Strandkörben sitzen … das funktioniert für mich überhaupt nicht. Ich will in diesenTagen lieber auf dem Hinterhof eines Blues-Clubs für 150 Leute spielen.

Klingt bescheiden, aber trotzdem recht zugewandt. Nach Ihrem YouTube-Statement musste man fürchten, Sie würden gar nicht mehr rauskommen.

Wo für mich wirklich die Grenze ist: Ich werde nicht vor Autos auftreten. Mit meiner Show bin ich darauf angewiesen, die Leute auch zum Lachen zu bringen, Reaktionen hervorzurufen. Musik, die macht man ein großes Stück weit auch untereinander. Aber damit ein Witz funktioniert, brauchst du das Publikum an dir dran. Ich kann es schlecht beschreiben, aber erst mit ihm entsteht eine Atmosphäre, die mich dazu bringt, etwas spontan zu erfinden.

Also Musik geht, Humor nicht?

Na ja, ich denke, man kann Jazzmusik eigentlich auch nicht machen, wenn man die anderen nicht anfassen kann.

Gehen Sie davon aus, dass diese Corona-Situation bald ausgestanden ist?

Leider nicht. Es wird nicht so sein, dass wir jetzt in drei Monaten wieder normale Verhältnisse haben. Allein diese Angst, die jetzt so viele erlebt haben, die wird bleiben und vieles verändern. Ich denke, mindestens 50 Prozent der Bevölkerung fürchten sich wirklich vor dem Virus … und das ist ja auch berechtigt! Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal jemand hier mit Maske gesehen habe, bei uns in der Straße. Da dachte ich, das ist ja wie in einer verrückten Utopie – und heute geht es mir so, wenn ich jemanden ohne Maske sehe.

Sie haben für Ihre neue Platte dennoch eine große Tour im kommenden Jahr anstehen. Denken Sie, die kann stattfinden?

Es ist mittlerweile tatsächlich so weit gekommen, dass ich mich sehr wundern würde, wenn das stattfindet.

Wie war der Einschnitt für Sie selbst? Wie haben Sie Lockdown, die Angst und die Ereignisse des Frühjahrs getroffen?

Als im Januar bereits Nachrichten über Corona in China kursierten, da fing ich automatisch an, keinem mehr die Hand zu geben. Ich habe ganz früh gespürt, was alles auf uns zukommen wird. Wir haben daher unsere Konzerte Anfang des Jahres richtig ausgekostet. Bei dem letzten, das war in Halle, da mussten die Besucher bereits Zettel ausfüllen mit zweimal ankreuzen, dass sie kein Fieber haben – und es durften auch nicht mehr als 1.000 kommen. Letztlich waren dann 999 da und ich habe meinen Leuten gesagt, das war es jetzt auf ganz lange Sicht. Wir haben uns dann noch mal sehr anarchistisch aufgeführt.

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