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Interview

Hinter der Maske: Wie Fynn Kliemann zu einem der größten Hersteller für Corona-Mundschutz wurde

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Das Telefon klingelt eine Viertelstunde später als vereinbart. „Sorry, dass ich zu spät bin, ich fahre gerade Scheiße hin und her!“, brüllt Fynn Kliemann von seinem Radlader aus in die Leitung, im Hintergrund hört man dröhnendes Motorenrattern und Vogelgezwitscher. Es ist wenige Tage nach seinem Instagram-Posting, laut dem er mitten in der Corona-Krise zu einem der größten Hersteller für Schutzmasken in Europa aufgestiegen ist.

Normalerweise bietet Kliemann in seinem Online-Shop Merchandise oder seine Musik an – wie etwa 2018, als er darüber fast 100.000 Einheiten seines Debütalbums „nie“ exklusiv verkaufte. Nun reihen sich dort in das Angebot aus Beanie-Mützen, Gürteln und „Pennerbeuteln“ auch Schutzmasken ein, zu kaufen in kleinen Paketen bis zu Zehntausenden für den Großbedarf. 250.000 Stück lässt er inzwischen jede Woche in Fabriken in Serbien und Portugal produzieren – den Werken, in denen seine Firma Global Tactics normalerweise Merchandise für Clueso, Juju und sich selbst fertigen lässt. Kostenpunkt für den Kunden: 22 Euro pro Zehnerpack.


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„Wir sind die günstigsten auf dem Markt! Weil wir halt auch nix daran verdienen“, sagt er, mittlerweile in seiner Wohnung angekommen, während er eine Tüte Chips aufreißt.

Die Krise trifft auch Fynn Kliemann

Fynn Kliemanns Unternehmung entsteht, während er eigentlich selbst alle Hände voll zu tun hat. Die Krise trifft auch ihn. Dutzende Projekte (es ist ausnahmsweise keine Floskel) müssen wegen Corona pausieren. Das Kliemannsland – sein Herzensprojekt – liegt weitestgehend still. Normalerweise pilgern Fans und Besucher*innen aus aller Welt auf seinen Heimwerkerhof und bleiben ein paar Tage, machen Fotos, arbeiten an aktuellen Bastlerprojekten mit. Jetzt halten dort nur noch eine Handvoll Leute das Gelände in Schuss. Am Anfang mussten sie einem Ultimatum zustimmen: entweder hierbleiben oder Freunde und Familie besuchen – beides geht nicht.

„Das haut schon richtig rein“, kommentiert Kliemann die Schließung seines Cafés auf dem Hof und einen geplanten, aber mittlerweile abgesagten Markt. Nun betritt er das Gelände selbst nicht mehr. Die Kommunikation mit den Leuten läuft über Videochat, obwohl sie nur vier Autominuten von seiner Wohnung entfernt sind.

Dennoch macht der Künstler, Musiker und Unternehmer das Beste aus der Krise und ihren Bedingungen: ein geplatzter Musikvideodreh wurde zu einem Community-Flashmob umfunktioniert, bei dem Fans Bilder für ein alternatives Musikvideo zusenden konnten. Und nachdem seine selbstgedrehte Dokumentation nicht wie geplant in den Kinos anlaufen konnte, verkaufte er einfach Tickets für eine digitale Premiere, an deren Erlösen lokale Kinos beteiligt wurden. Und nun eben der Versuch als Schutzmasken-Entrepreneur.


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Als Geistesblitz sieht er den „Maskenkram“ trotzdem nicht. Es hätte doch alles auf der Hand gelegen. „Nach Masken gibt es eine Nachfrage, die Dinger sind aber überall zu teuer. Ich hab mir gedacht, dass das nicht wahr sein kann, dass das nicht günstiger geht“. Kurze Zeit vorher habe er eine Nachricht aus der Fabrik seiner Merchandise-Firma in Portugal erhalten. Durch die Corona-Pandemie seien dort fast alle Aufträge storniert worden. „Dann hab‘ ich gesagt: Ey, probiert doch mal Masken.“

Ansturm auf Kliemanns Masken-Angebot

Via Instagram kündigte Fynn Kliemann sein Masken-Business an

Noch während das Virus in Wuhan wütet, werden von Hand Zuschnitte gemacht und Näherinnen und Näher angelernt. Designer tauschen sich via Zoom aus; prüfen, wie die Maske am besten auf der Nase sitzt. 10.000 Exemplare gibt Fynn Kliemann anfangs in Auftrag, gedacht für Abnehmer wie Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser. Klar, medizinisch zertifiziert seien sie nicht. Aber besser als nichts – und nur einen Bruchteil so teuer wie die eBay-Zweitverkäufer, die teilweise 20 Euro für ein Exemplar verlangen. Als COVID-19 ein bis zwei Wochen später in Deutschland ankommt, fragen ihn auch Leute in seinem Freundeskreis plötzlich nach den Masken. „Da hab‘ ich gesagt: scheiß drauf, wir hauen die in den Shop“.

Seitdem gibt es dort einen regelrechten Ansturm auf das Angebot. Bevorzugt werden neben den medizinischen Einrichtungen vor allem der Großhandel, etwa der Bauernhof in der Nähe („wäre ja scheiße, wenn es demnächst keine Milch und Quark mehr gibt“). Drei Leute sind rund um die Uhr damit beschäftigt, dreiste Reseller mit Fragebogen nach Steuer-IDs aus den Interessenten herauszufiltern.

Nur: Warum überhaupt ein so großer Aufwand für ein Geschäft, das sich am Ende nicht einmal rechnet? „Die meisten Sachen, die man so macht, macht man ja auch ein bisschen für sich. Wenn unsere Fabrik wegen der Krise bankrott geht, kann ich danach nicht mehr produzieren. Wenn sie jetzt aber Masken produzieren kann, ist das Win-Win für beide. Man muss das nicht immer so christlich darstellen“. Leute, die sich permanent durch ihr Helfersyndrom profilieren, würden ihm „auf den Sack“ gehen.

Maskenspenden nach Lesbos und zu Townships

Und es geht ihm auch um gesellschaftliche Verantwortung. 100.000 Masken hat Kliemann mit seiner Unternehmung an Flüchtlingscamps in Lesbos und Townships in Südafrika gespendet. Mittlerweile sind auch dm und Rossmann an den Produkten interessiert, der Deal käme allerdings nur mit einer Preisbindung zustande. Die anfangs kleine Idee wird immer größer – und angesichts der neuen Schutzmaskenpflicht zunehmend politisch bedeutend.

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet ein Musiker ein solches Unternehmen hochziehen muss. „Vielleicht, weil ich nicht zuhause bin in den ganzen Gebieten und nicht unter ’nem Chef sitze, der einem sagt, wie es zu laufen hat“, vermutet Kliemann. „Ich frag mich ganz oft in meinem Leben, warum das noch niemand macht. Ob das jetzt meine Platte, mein Film oder sonst was ist. Da sind so viele Sachen dabei, die haben alle nur einen Mini-Twist und werden dann super erfolgreich und es hat noch nie jemand auf der ganzen Welt vor mir gemacht.“

Trotzdem kommt ihm seine Idee zur Maskenproduktion nicht außergewöhnlich vor. Unter dem Strich ist sie für ihn nur eines von vielen Projekten, die Kliemann neben YouTube-Heimwerker-Kanal, seiner Web-Agentur und dem Künstlerdasein hochzieht. „Das mache ich ja ständig. Es gibt eine Idee, man prüft sie und setzt sie dann um. Das ist mein Leben. Ich fahr‘ ja nicht ins Büro, sondern wach‘ auf und denk: Was machen wir denn, was gibt es denn, was brauchen wir denn?“

Und vielleicht ist es auch die fehlende Angst vorm Scheitern, die Kliemanns Unternehmungen gelingen lässt. „Es klingt ein bisschen abgehoben, aber ich habe viel zu wenig Zeit, mir Gedanken zu machen, was alles in die Hose gehen könnte.“


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