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Wahre Songaussagen

I don’t like Mondays: 7 Songs, die absolut missverstanden wurden

Es gibt Songs, von denen kennt Ihr nur den Refrain? Oder nur den Werbespot, für den der Song verwendet wird? Und Ihr seid Euch absolut sicher: Es geht um… äh… Liebe – oder zumindest irgendwas mit L? Fürchtet Euch nicht, Ihr seid nicht allein.

Musikgeschichte und vor allem Songinterpretation war und ist immer auch eine lange Aneinanderreihung von Missverständnissen, Fehlinterpretationen oder gar politischer Stimmungsmache. Warum das funktioniert? Weil die Zuhörer sich auf die einzelnen Verse, eine Refrain-Zeile oder irgendeinen Strophenteil konzentrieren und dann so drauf anspringen, dass sie den Rest gar nicht mehr hören oder auch nicht mehr hören wollen. Weitere Gründe sind:

  • übereifrige Fans, die Songs als Projektionsfläche für teilweise abstruse Theorien über ihre Lieblingskünstler und ihre Songs verwenden
  • mangelnde Fremdsprachenkompetenz beim Zuhörer bzw. arges Nuscheln von Seiten des Singenden
  • selektive Wahrnehmung, denn schon Goethe wusste: „Keiner versteht den anderen ganz, weil keiner beim selben Wort genau dasselbe denkt wie der andere“.
  • richtig fiese Ohrwürmer sorgen dafür, dass der Rest des Liedes nicht mehr wahrgenommen wird
  • Instrumentalisierung: Ein Song wird für eigene Zwecke, zum Beispiel für politische oder ideologische Botschaften, instrumentalisiert
  • Oft werden Teile eines Songs aus dem Zusammenhang gerissen und zum Beispiel für Werbespots verwendet

Hier sind sieben Songs, deren Aussagen besonders gerne missverstanden wurden und werden:

Kooperation

Bruce Springsteen – ,,Born in the U.S.A.“ (1984)

Was Leute denken, worum es geht:

  • Patriotismus in Reinform

Das dachte auch das Wahlkampfteam von Ronald Reagan, dem republikanischen Präsidenten der USA von 1981 bis 1989, und fragte 1984 während der heißen Phase des Wahlkampfes, ob sie den Song verwenden dürften. Springsteen, selbst ein überzeugter Demokrat, verbat sich den strategischen Einsatz seines Songs. Trotzdem lobte Regan bei einem späteren Wahlkampfauftritt die „Botschaft der Hoffnung“ in dem Lied. Klassischer Fall von: Song entweder nicht gehört oder nicht verstanden.

Worum es wirklich geht:

  • „Born in the U.S.A.“ ist eine Amerika-kritische Antihymne mit deprimierenden Untertönen und sarkastischem Refrain.

Der Song handelt von einem jungen Mann, der in einer wirtschaftlich schwachen Region der USA („dead man’s town“) sein Leben fristet und sich nach einem Strafdelikt in seiner Heimatstadt gezwungen sieht, am Vietnamkrieg teilzunehmen, um dem Gefängnis zu entgehen. Wieder zurück, erntet er nur Unverständnis („son, don’t you understand“), ist arbeitslos und wird auch nach zehn Jahren („I’m ten years down the road“) mit seinen Erinnerungen und der perspektivlosen Gegenwart („nowhere to run, ain’t got nowhere to go“) allein gelassen.

Springsteen nutzt den Song, um sich vom Vietnamkieg sowie dem Verhalten der damaligen Regierung abzugrenzen und Sozialkritik am Umgang mit zurückgekehrten Veteranen zu üben.

Eine derartige Amerika-kritische Antihymne zu einer patriotischen Hymne umzufunktionieren – das muss man erstmal hinbekommen.

The Police – „Every Breath You Take“ (1983)

Was Leute denken, worum es geht:

  • Ach, das ist doch ein nettes kleines Liebeslied mit nicht so subtilen Schmalzelementen. Wird deshalb gerne auf Hochzeiten gespielt.

Worum es wirklich geht:

  • nicht so subtiles Stalking

In einem BBC-Interview 2009 meinte Sting„I  think the song is very, very sinister and ugly and people have actually misinterpreted it as being a gentle little love song, when it’s quite the opposite.“

Das Lied entstand in der Endphase von Stings Ehe mit Frances Tomelty, was die zentralen Elemente des Songs wie Eifersucht, Überwachung und Besitz erklärt. Das Lied, das auf dem fünften und letzten Studioalbum der Band erschien, avancierte zu einem ihrer kommerziell erfolgreichsten Songs. Dass Every Breath you Take“ ein zeitloser Klassiker ist, bewies auch Puff Daddy, der den Song 1997 mit I’ll Be Missing You“ als Trauersong für Notorious B.I.G. coverte.

Semisonic – „Closing Time“ (1998)

Was Leute denken, worum es geht:

  • um diesen Moment, wenn in Bars die letzte Runde ausgerufen wird

Worum es wirklich geht:

  • Geburten und Babies

Zugegeben, die Zeile „One last call for alcohol so finish your whiskey or beer“ versetzt einen schon sehr leicht in die rauchgeschwängerte Luft irgendeines x-beliebigen Pubs. Tatsächlich erklärte Dan Wilson, der Sänger und Songwriter der Band, während einer Performance an seiner ehemaligen Uni Harvard den Song jedoch jedoch wie folgt: „Millions and millions of people bought the song and heard the song and didn’t get it. They think it’s about being bounced from a bar but it’s about being bounced from the womb.“

Johnny Cash – Ring Of Fire“ (1963)

Was manche Leute wollen, das andere Leute denken:

  • Hämorrhoiden: „It burns, burns burns…the ring of fire“  (jap, der Feuerring ist in dieser Interpretation sehr plastisch zu verstehen)

Worum es wirklich geht:

  • laut den Cash-Erben um die transformative Kraft der Liebe

Spätestens, seit Don Draper uns in sieben Staffeln „Mad Men“ in die Welt der schnellen Wortspiele und den noch schneller wirbelnden Hexentanz aus Werbeschaffenden und  Konsumenten entführt hat, wissen wir: Gute Werbung lebt von Witz und Ironie. Häufig entstehen die Lacher oder das Interesse dadurch, dass ernste Bilder mit bekannten Liedern ironisch gebrochen werden. Das dachte sich vermutlich auch die amerikanische Werbetexterin Sula Miller, als sie Johnny Cashs wohl erfolgreichsten Song „Ring of Fire“ für die Werbung verwenden wollte. Das zu bewerbende Produkt: Hämorrhoidensalbe, die passende Songstrophe: „And it burns, burns, burns, the ring of fire, the ring of fire. Aus der Idee wurde jedoch nichts, da die Cash-Erben alles andere als angetan davon waren.

The Goo Goo Dolls – Slide(1998)

Was Leute denken, worum es geht:

  • um eine Rutsche (slide) als Metapher für die Liebe

Worum es wirklich geht:

  • ungewollte Schwangerschaften

Einige Leute lassen sich beim Hören dadurch in die Irre führen, dass das Subjekt des Songs als wunderschön beschrieben wird („what you feel is what you are, and what you are is beautiful“) und vermuten ein Liebeslied. Die Zeilen „Don’t you love the life you killed?“, die auf eine Abtreibung anspielen und wunderbar auch 20 Jahre später von Befürwortern des Paragraphen 219a gesungen werden könnten, passen aber irgendwie nicht so recht zu einem Liebeslied. Ebenso wenig wie die Zeilen „Your father hit the wall, Your ma disowned you“.

„I was thinking a lot about the neighborhood I grew up in“, so John Rzeznik in einem Interview mit „Billboard“ 2018, „Slide is about a teenage boy and girl. They’re trying to figure out if they’re going to keep the baby or if she’s going to get an abortion or if they’re just going to run away.“

The Boomtown Rats –I Don’t Like Mondays(1979)

Was Leute denken, worum es geht:

  • um den siebtliebsten Tag vieler Menschen, oder auch das grauenhafte Ding, das unweigerlich nach Sonntagen auf einen zugekrochen kommt

Worum es wirklich geht:

  • um ein Massaker an einer Schule

Der Song kommt als fröhlicher Ohrwurm daher und wer nicht mindestens einmal in seinem Leben montags das Bedürfnis hatte, sein Radio zu zertrümmern, weil das in Endlosschleife läuft, besitzt vermutlich gar kein Radio. Die Inspiration für den Klassiker und größten Hit der Boomtown Rats zog Sänger Bob Geldof aus den lapidaren Worten einer 16-Jährigen. Brenda Ann Spencer antwortete der Polizei bei ihrer Verhaftung 1979: „I don’t like Mondays. This livens up the day.” Vorher hatte sie mit einem halbautomatischen Gewehr aus dem Fenster ihres Elternhauses schießend den Schulleiter ihrer Schule sowie den Hausmeister getötet und neun andere Menschen verletzt.

The Beatles – Got to Get You Into My Life(1966)

Was Leute denken, worum es geht:

  • um ein Liebeslied (auf einen anderen Menschen bezogen)

Worum es wirklich geht:

  • um die Liebe zu Gras (das rauchbare)

Der Song ist tatsächlich über einen Mann, der sich unsterblich verliebt – in Marihuana. Um es in Paul McCartneys Worten im Buch „Paul McCartney: Many Years from Now“  zu sagen: „It’s actually an ode to pot, like someone else might write an ode to chocolate or a good claret. ‚Got to Get You into My Life‘ was one I wrote when I had first been introduced to pot … So [it’s] really a song about that, it’s not to a person.

Lobende Erwähnungen in der Kategorie: Einfach nur verhört

Ich und Ich – Pflaster

Falsch: „Es tobt der Hamster vor meinem Fenster

Richtig: „Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster

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