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Popkolumne, Folge 124

It’s the end of the world as we know it – and I still feel something: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Vorhin beim Einkaufen drängelte so ein Junge mit seinem Energydrink. Vor die Frau, die gerade noch hinter mir war, hatte er es schon geschafft, er habe ja nur diese eine Sache. Er guckte mich schon so an, aber ich blieb cold as ice, genau wie mein eigener Energydrink, den ich auch in dieser Form noch rausbuchsieren wollte PLUS all meine anderen Sachen!! Der Junge hat schließlich noch Zeit.

Dann wurde ich nachdenklich, philosophisch, kolumnig … Stimmt es echt? Hat nicht die Jugend am wenigsten Zeit, weil sie sich jetzt um alles kümmern muss? Weltrettung zum Beispiel? Weil wir es verbaselt haben und das Allerschlimmste gar nicht mehr miterleben werden? Braucht er den Energydrink nicht wie ich zum Arbeiten, sondern zum Anpacken? Um Bezos & Co. aus ihren Pimmelraketen zu kloppen? Denkt doch darüber mal nach, wenn ihr das nächste Mal einen drängelnden Jugendlichen nicht vorlasst.

Ich denke meanwhile zum ersten Mal in meinem Leben über Versicherungen nach, Hausratkatastrophenhaftpflicht, dabei besitze ich gar nichts. Es geht nur ums Festhalten von irgendwas, und Versicherungen in meinem Kopf sind da wohl the german way. Bei dem ganzen Wahnsinn soll man dann auch noch nicht rauchen! Auf der Eisscholle fang ich vielleicht wieder an …

Und ich hab auch ein bisschen Angst, was das jetzt wieder mit der Popkultur macht. 2012, wegen dieses Maya-Weltuntergangs, gab es ja auch schon ein paar komische Songs: Britneys „Till The World Ends“ oder Jay Sean feat. Nicki Minaj – „2012 (It Ain’t The End)“, zum Beispiel… Später dann dieses merkwürdige Video von Ariana Grande zu „One Last Time“:

Aber das ganze Apokalypse-Ding ist schon seit einer Weile null witzig mehr. Nicht so spektakulär wie in den 90ern im Kino, mit Ben Affleck und so, sondern einfach nur traurig und vom Gefühl eher so wie bei Phoebe Bridgers:

„The billboard said ‘The End Is Near’

I turned around, there was nothing there

Yeah, I guess the end is here“

Song der Woche 1: Best Coast – „Boyfriend“ (10th Anniversary Edition)

Es war nicht alles nur Ausverkauf im Pride Month. Eine richtig gute Pride-Version eines Produktes gab es nämlich doch, auch wenn ich die später mitbekommen habe. Das kalifornische Duo Best Coast hat eine Neuauflage ihres 2011er-Superhits „Boyfriend“ veröffentlicht. Sängerin Bethany erklärte dazu, dass sie zwischendurch eigentlich kein großer Fan des Songs mehr war, weil er ein so ungesundes Verliebtheitsgefühl zum Thema hat, sie habe aber irgendwann mitbekommen, welche Relevanz er für die LGBTQ+-Community hat. Und ja, „Boyfriend“ ist einfach der perfekte Verknalltheitssong, eben weil er dieses Ungesunde thematisiert und total kindisch ist, das Ganze aber auch ein bisschen ironisiert. Dazu ist er einfach cute wie Sau. In der neuen Version jedenfalls geht es jetzt nicht mehr nur um Boyfriends, sondern auch um Girlfriends und Partner, him, her, them. Lieb’s!

Song der Woche 2: Syd – „Fast Car“

Es wird in dieser Kolumne nicht mehr hetero, wartet gar nicht drauf. Syds (The Internet) Lied „Fast Car“ ist so ein Sommersexcrushsong, das man allein des Liedes losgehen und sich jemanden suchen mag. Als Datevorschlag gibt es dann diesen Romantik-Roadtrip im Video, so süß und hot. Obendrauf wird man mit diesem irren Gitarrensolo beschenkt und am Schluss fliegt auch noch das Auto in die Ferne, HILFE, es ist zu schön. „I wanted to make something for the gay Black girls“, sagt Syd selbst dazu. Hach.

Song der Woche 3: Normani feat. Cardi B – „Wild Side“

Es gibt nichts, wirklich gar NICHTS an diesem Song und Video auszusetzen (außer vielleicht das mit Cardi B … Ach, egal). Über die Stelle wo Normani mit sich selbst tanzt, kann ich nicht mal sprechen, so fertig macht das mich. Normani ist eh die übelste Hoffnungsträgerin für alles (WANN KOMMT DAS ALBUM?) und es ist übermenschlich wie sie tanzt. Verschiedene Leute haben versucht es nachzumachen und sich schon die Füße gebrochen (kein Scherz). Vor allem liebe ich auch ihr Selbstbewusstsein:

Wegen des Aaliyah-Samples habe ich mir noch mal „One In A Million“ angeguckt. Es ist verdammte 25 Jahre alt, was? Ist R’n’B vielleicht das einzige Genre, das nicht schlecht altert und wo der Cringe gegen null geht?

Date der Woche: Princess Charming

Also, ich gucke „sowas“ „sonst nicht“. Mir ist diese ganze Datingideologie einfach ziemlich unangenehm, dieses Betrachten wie auf dem Markt, dieses Abstecken und dass alle immer parat haben sollen, worauf sie stehen und dass das immer und bei jeder Person gelten soll und so weiter. Dementsprechend schüttele ich auch bei „Princess Charming“ (TV Now) oft genug mit dem Kopf. Wie findet man eine Person, auf die 20 Leute stehen sollen, wie kann man davon ausgehen, dass alle automatisch Interesse haben und so weiter? Für Normschönheit fehlt mir glaube eh irgendein Enzym, aber für die 20 Kandidatinnen scheint das mit der Princess Irina Schlauch zu passen, also goen sie for it. Da es die erste lesbische Datingshow in Deutschland ist, musste ich natürlich mal reingucken und war dann doch sehr schnell drinnen.

Wenn man dieses schreckliche Zusammengeschnipsel der Situationen mal außer Acht lässt und dass natürlich relativ wenig natürlich sein kann mit einem Haufen Kameras um einen herum, kann man trotzdem nur weich werden bei soviel Solidarität und Liebe zwischen den Kandidat*innen. Es gibt kaum Konkurrenz und wenn, wird sie eingeordnet und reflektiert, sondern ehrlichen Austausch und gegenseitige Gönnung. Man merkt bei allem Unechten, dass sich zwischen all den Teilnehmer*innen echte Freundschaften entwickelt haben. Egal, wer jetzt wirklich mit Irina zusammenkommt oder untereinander, das ist schon geil. Plus: Auf ihren Social-Media-Kanälen sorgen sie noch für mehr Sichtbarkeit für junge queere Menschen. Teilnehmerin Wiki war kürzlich auch beim Missy-Podcast zu Gast. Das lohnt sich:

Date der Woche 2: „Loving Her“

Lange dachte ich, es gäbe wirklich gar keine lesbischen Frauen. Also ich wusste um ihre Existenz, aber wo sind sie denn gewesen, außer in geschlossenen Gruppen und Bubbles, zu denen man keinen Zugang hat? So langsam habe ich das Gefühl, dass es ein neues Selbstbewusstsein gibt, und wenn man sich diese Kolumne bisher anguckt, wird das auch offensichtlich. Was ich leider immer noch glaube, ist, dass diese Sichtbarkeit vor allem junge, schlanke Großstadtlesben betrifft und das macht natürlich was mit allen, die da nicht reinpassen. Die Einsamkeit von queeren Leuten, die nicht so szenig drauf sind, ist halt leider ein weit verbreitetes Ding. Muss man nach Berlin, um sich auszuleben?

„Loving Her“ (hier zum Stream) stellt diese Frage auch, zumindest mir. Hanna (gespielt von der ganz wunderbaren Banafshe Hourmazdi) zieht mit ihrer Freundin Franzi (die nicht minder wunderbare Lena Klenke) nach Berlin und erlebt verschiedene Liebesabenteuer, bis sie dann Coronabedingt zurück nach Hause ziehen muss. Leider sind die Folgen aber so kurz, so dass die Figuren oft nur angedeutet bleiben, manchmal reicht das und funktioniert, manchmal wird das zum Klischee. Bei jeder Folge denke zumindest ich: WIE, DAS WAR’S SCHON? Aber so fungiert die Serie auch als Brücke. Einerseits können sich viele mit diesen ersten Liebereien identifizieren, dem Suchen ohne zu wissen, wonach, dem Enttäuschen und Enttäuschtwerden, ganz unabhängig von der sexuellen Orientierung. Aber sie zeigt auch: Wir brauchen dringend noch mehr und vielfältige lesbische Geschichten. 

Statement der Woche

Hashtag Ben & Jerry’s.

 

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