Spezial-Abo



Alice Merton im Livestream mit  


Popkolumne, Folge 123

Wie Social Media das Verzeihen abgeschafft hat – Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

„Ich nehme die Entschuldigung nicht an“ – Kein Verzeihen mehr im Netz

„Um Verzeihung bitten, das kann auch etwas Lustvolles besitzen“, dieser Satz einer Freundin über Beziehungen ist mir auch noch nach Jahren in Erinnerung.

Verstanden habe ich ihn nie ganz, ich weiß nur, dass er nicht einfach bloß gemünzt war auf die berüchtigte Kulturpraxis des sogenannten „Versöhnungs-Sex“. Es ging eher darum, dass jemand, der um Verzeihung bittet, sich eine gewisse Gnade und Befreiung von Schuld erhoffen kann – was natürlich eine echte Erleichterung darstellt.

Dieses Gespräch muss zur Jahrtausendwende stattgefunden haben, es kommt mir in diesen Tagen immer mal in den Sinn, wenn mir wieder bewusst wird: Es gibt gar kein Verzeihen mehr. Ist euch das auch aufgefallen? Das Internet hat das Verzeihen abgeschafft.

Alle in den Staub

Irgendjemand hat etwas Dummes gesagt, etwas Unangenehmes geschrieben – gestern, heute oder vor langer Zeit? Egal. Wird es in den Sozialen Medien aufgegriffen, kann es sein, dass sich zigtausend Menschen zusammenfinden, die nun Konsequenzen, den Kopf oder Schlimmeres fordern. Hart aber Algorithmus.

Man kann sich dem schlecht entziehen – seitens des eigenen Newsfeed, aber auch seitens seiner selbst. Denn mal ehrlich: Wohin mit all dieser gerechten Wut gegenüber, keine Ahnung… Tierquälern, Fahrraddieben, bestechlichen Beamten, Rasern, sonstigen Alltagsmonstren – sollen sie doch alle in den Staub! Geschieht ihnen nur recht.

Was allerdings eine Folge des Dauerfeuers digitaler Standgerichte ist: Wenn jemand tatsächlich einen Fehler einsieht und um Verzeihung bittet, dann kann in den distinktionsreichen Schauprozessen keiner mehr gewährt werden. Schließlich könnte der andere sein Einsehen heucheln, oder hat schon wieder nicht den richtigen Ton getroffen und da man sich nicht persönlich kennt, siegen eben Misstrauen oder Überheblichkeit. Steck dir deine Entschuldigung an den Hut! Es geht darum, Ausschlüsse zu produzieren.

„I’m sorry“, das ist nicht mehr vorgesehen, ein solches fungiert meist sogar noch als Verstärker der Abrechnung. Man kann sich Entschuldigungsversuche im Shitstorm eigentlich sparen. Ist das wirklich wünschenswert?

Sich bloß nicht selbst verdächtig machen

Neben all den zurecht Geschmähten, den Wiederholungstätern, den Rassisten, Faschisten etc., finden sich doch auch weniger verderbte Personen, die ihren Fehler bedauern. Auf Gnade 2.0 können sie dennoch nicht hoffen. Gruselig.

Denn schließlich beruht unser ganzes Rechtssystem auf der Annahme, dass Menschen sich ändern können. Dieses Angebot sollte nicht aufgegeben werden, wenn einem etwas an einem besseren Zusammenleben in der Gemeinschaft liegt. Doch diese Annahme findet online wie gesagt keine Entsprechung mehr. Vielmehr gilt: Wer einem Geächteten die Hand reicht, macht sich selbst verdächtig.

Kein Wort gegen #metoo

‚Die trendenden Hashtags auf Twitter sind längst das Inhaltsverzeichnis einer Shitstorm-Kultur, die Nichts und Niemanden mehr davon kommen lassen kann, der oder die einmal ins Visier geraten ist.

Das ist – und das macht das Ganze so schwierig – in vielen Fällen sehr zielführend. Die Skandalisierung und der Impact, der durch Hashtags wie #metoo erreicht wurde, hat ein jahrzehntelanges Schweigen gebrochen, hat Betroffene ermächtigt, hat Täter überführt. Hier ist die Empörung ein kraftvolles Tool, das die Möglichkeit besitzt, dauerhaft eine Machtverschiebung zu etablieren. Das sind wichtige emanzipative Prozesse, die stattfinden und deren Furor nicht zur Debatte stehen sollte.
Hinsichtlich der kleinen Fische, hinsichtlich von weniger nachhaltigen Verfehlungen sollte es dagegen wünschenswert sein, dass es aber auch noch Gnade geben möge im System.

Ich meine, ich bin nicht mal Christ oder welcher Hintergrund einen sonst befleißigen könnte, von sowas wie Gnade und Verzeihung zu sprechen. Es handelt sich hier vielmehr um eine eher gottlose Beobachtung der Netzkultur, die mich immer wieder fertig macht. Denn wenn es überhaupt keine Vergebung gibt, welchen Anreiz soll denn jemand noch haben, sich zu ändern, sich zu bessern?

Ich selbst habe längst nicht allen Arschlöchern verziehen, aber wenn eines davon um Entschuldigung bittet, ziehe ich es jedes Mal auf jeden Fall in Erwägung. Da kann Twitter mir vorleben, was es will.

Don’t hate the Lieferando-Fahrer, hate the game

Nicht lange her, ein Tweet macht die Runde. Er lautet:

„Es fuckt mich so ab, wenn der Lieferando-Fahrer den Lift benutzt. Der Lift ist nur für Hausbewohner und ihre Gäste, und nicht für Arbeiter. Ich bestelle fast jeden zweiten Tag und schreibe es immer bei der Bestellung dazu, aber die lernen es einfach nicht.“

Krass, oder? Wen juckt es da nicht in den Tasten, hier der ganzen gerechten Empörung gegenüber Ausbeutung im Dienstleistungssektor Ausdruck zu verleihen? Mir ging es nicht anders, ich war sogar so sauer, dass ich den eher marginalen Account checkte. Wobei ich feststellen musste, dass es sich um ein Satire-Profil handelt. Das Posting wollte tatsächlich auf die schlechten Bedingungen in der Dienstleistungsbranche hinweisen.

Heute, ein paar Wochen später, ist der Tweet gelöscht, der ganze Account existiert so nicht mehr. Grund: Ein Shitstorm fegte alles weg, die gar nicht so versteckte Ironie war am Ende auch egal. Kollektiver Vernichtungswille als Zeitvertreib zwischen zwei Büromails. That’s life auf Social Media 2021.

Entschuldige bitte, was erzählst Du mir da über meinen Körper?

The TCHIK legen im ersten Video zur neuen Platte (GEFÜHLE, VÖ 15. Oktober 2021) ein Vielzahl an unverlangt reingelaberten Kommentaren offen, die über die Zeit so angefallen ist. Wer sich hier wiederfindet, sollte dringend mal an Entschuldigungen bis Wiedergutmachung arbeiten.

Wofür man sich niemals entschuldigen sollte

„Vieles von dem kann ich nicht mehr gut machen, aber es tut mir von ganzem Herzen leid“

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Entschuldigung ist folgender: Wie glaubwürdig kann das Bedauern einer Person erscheinen, die ja doch erst reagiert, wenn Verfehlungen öffentlich gemacht wurden? In der Debatte, die sich gerade um den überfälligen Hashtag #deutschrapmetoo entspinnt, kommt immer wieder eines auf: Warum muss die ganze Aufklärungsarbeit von den Opfern geleistet werden, wenn es den allermeisten doch ein Anliegen ist, in einer von Übergriffen freien Szene zu agieren, wo bleiben dann die Statements männlicher Rapper? Das hat sich auch Spezial Kay gedacht, der unter anderem zusammen mit der Rapperin Babsi Tollwut Musik macht, und tatsächlich mal ein solches nach draußen gegeben hat. Das verdient Respekt.

„Sorry… somehow“: 5 Songs zum Thema „Entschuldigung“

  • Beyoncé – „Sorry“

  • The Decemberists – „Apology Song“

  • Hüsker Dü – „Sorry Somehow“

  • Elton John – „Sorry Seems To Be The Hardest Word“

  • Wolfgang Petry – „Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen“

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

„afffirmations“: Dieser 21-Jährige steckt hinter dem hyper-positiven Meme-Account
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €