„Reflektor“-Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 7: Warum die Broilers für viel Gutes stehen

von
Jan Müller
Jan Müller

Die Skinheadkultur ist die komplizierteste Jugendkultur der Welt. Es gibt ja nicht nur linke und rechte Skins, sondern eben auch Oi-Skins, Redskins, Sharp-Skins, Spirit-of-69-Skins, und daran angrenzend Suedeheads, Rudeboys, Bootboys und vieles mehr. Es gibt traditionelle Skinheads, die kahlgeschorene Köpfe ablehnen und die Dresscodes in all diesen Subgenres sind ähnlich kompliziert wie die Programmiersprache Haskell.

Fast vergessen hatte ich, dass ich einst selbst mal fast ein Skinhead geworden wäre. Damals war ich Mitglied einer Anarcho-Polit-Kleinstgruppe namens „Kommando schwarzer Freitag“. Unsere Treffen fanden hauptsächlich bei Kjolm* statt, einem bärtigen Langhaarigen, der, wie die meisten von uns, noch bei seinen Eltern lebte. Er sprach sehr gern über seine Stereo-Anlage. Nach unseren konspirativen Plenen in seinem Jugendzimmer in Hamburg-Groß-Borstel legte er meist die immer gleichen Hippie-Platten auf, über die sich die Punk-Fraktion der Gruppe (drei Personen inklusive mir) dann unauffällig lustig machte.

In Bruchteilen von Sekunden lernte ich: Ich bin nicht dazu geschaffen, ein Skin zu sein

Marco* und Belgrad*, die neben mir beiden anderen Punks in der Gruppe, wurden dann, weil zu ebenjener Zeit in den späten 80er-Jahren bei Punk nur noch wenig zu holen war, Sharp-Skins. Und für eine kurze Zeit sympathisierte auch ich mit dieser Idee. Vorteilhaft war schon mal, dass die Sharp-Skins Harrington-Jacken trugen. Denn in einer Bomber-Jacke sah ich aus wie ein Hamster. Irgendwann kam einer von uns mit einer Haarschneide-Maschine an. Ich zögerte und ließ mich dann tatsächlich auch scheren. 6 Millimeter.

Der Schock war groß. Im Spiegel blickte mich ein Homo neanderthalensis an! In Bruchteilen von Sekunden lernte ich: Ich bin nicht dazu geschaffen, ein Skin zu sein. In schamvollen Wochen betete ich, dass meine Haare schneller wachsen mögen, freundete mich mit Schirmmützen an und kam ohnehin zu der Erkenntnis, dass mir diese ganze Skinheadsache zu streng und straff ist.

Wie Schlager mit verzerrten Gitarren

Und nun, Jahre später, kehrt diese Welt der Skinheads für einen Moment wieder in mein Leben zurück. Und zwar in Gestalt der Broilers. Ich hatte mir vorgenommen, den Sänger und Gitarristen Sammy Amara für meinen Podcast zu interviewen. Die Broilers sind eine Rockband aus Düsseldorf und nicht, wie ich jahrelang dachte, aus Ostdeutschland. Sie hatten mich mit ihrem Bandnamen ausgetrickst. Wichtig war ihnen bei ihrer Namensgebung wohl vor allem, die Losung Oi! im Namen zu tragen.

Wenn man ihre heutige Musik, zum Beispiel ihr aktuelles Album PURO AMOR hört, so käme man zunächst nicht auf den Gedanken, dass es sich bei ihnen um einen Teil der Skinheadswelt handelt. Manches klingt dann doch eher wie Schlager mit verzerrten Gitarren. Das war früher natürlich anders. Sammy Amara hatte genau in den Duktus des Oi! geshoutet: gepresste, leicht heisere Stimme ohne viel Sperenzchen. Irgendwann hat er dann angefangen zu singen. Gott sei Dank, denn er hat eine wirklich wundervolle Gesangsstimme.

Aufrichtigkeit, Solidarität und jegliche Abwesenheit von Überheblichkeit

Und wenn man genauer hinhört, so ist in den Texten noch viel von dem zu erkennen, was die schöne Seite von Oi! ausmacht. Aufrichtigkeit, Solidarität und jegliche Abwesenheit von Überheblichkeit. Die unangenehmen Seiten von Oi!, der Hang zu Gewalt und das Männerbündlerische, finden sich bei ihnen nicht. Ich möchte auch gerne erwähnen, dass die Broilers mit Bassistin Ines von Anbeginn an eine Frau in ihren Reihen haben.

Und Sammy entsprach nie dem typischen Klischee eines Skinheads: Er ist Sohn eines aus dem Irak stammenden Augenarztes. Allein schon die verquere Idee, mit diesem Background Skinhead zu werden, machte ihn für mich als Gesprächspartner interessant.  Schaue ich mir alte Broilers-Fotos an, so muss ich zugeben: Ihm standen die kurzen Haare wesentlich besser als mir. Er sah aus wie der junge Gabi Delgado. Und heute ist er natürlich muskulös und weitflächig tätowiert.

Als ich mir ein Foto von ihm betrachte, denke ich mir: Der ist entweder sehr groß oder eher klein. Bestimmt eher Letzteres. Als ich ihn zum Interview treffe: Klaro, ich habe recht gehabt. Eher klein und durch und durch charmant, klug und charismatisch. Das Gespräch war dann auch wirklich eines meiner positivsten Interviews bisher. Und ein paar Tage nach dem Treffen, als mir dann an einem trüben Tag die ganze Pandemie und einiges anderes auf dem Gemüt liegt, lege ich dann noch mal „Alles wird wieder Ok!“ auf und denke: Genau so einfach ist das manchmal. Danke, Broilers!

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2021.


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