Kommentar

Kasabian: Schluss mit der Banden-Mentalität!

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Funktionsuntüchtigkeit, zwischenmenschliche Konflikte oder die berühmten „künstlerischen Differenzen“ – das waren über Jahrzehnte die maßgeblichen Gründe für Rauswürfe aus Bands. Selbst Legenden wie Ozzy Osbourne und Syd Barrett fanden sich so eines Tages auf der Straße wieder. Und bei nicht wenigen Beispielen führten solche Zerwürfnisse schnell zum kompletten Band-Zusammenbruch.

Das, was nun allerdings bei der britischen Indie-Stadion-Rockband Kasabian geschehen ist, erzählt eine andere Geschichte: Auch wenn der „Ausstieg“ von Sänger Tom Meighan in einem ersten Statement der Band eher allgemein damit begründet wurde, dass der offenbar alkoholabhängige Musiker seine Energie erst einmal darauf konzentrieren wolle, seine „persönlichen Probleme“ aus der Welt zu schaffen, steht doch ein ganz konkreter Anlass im Zentrum dieser Trennung: Meighan hat sich Anfang Juli vor dem Amtsgericht seiner Heimatstadt Leicester für schuldig erklärt, seine (ehemalige) Verlobte Vikki Ager gewaltsam angegriffen zu haben.

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Kurz darauf wurden Kasabian deutlicher: „Häusliche Gewalt und Missbrauch jeglicher Art sind völlig inakzeptabel“, hieß es im nächsten Statement. Der Rest der Band, neben Meighan sind das der zweite Frontmann Sergio Pizzorno sowie die Rhythmusgruppe Chris Edwards und Ian Matthews, habe deshalb schon seit der Anklage gegen Meighan für sich entschieden, nicht mehr mit ihm zusammenzuarbeiten. Dass ihr ehemaliger Sänger es zudem zuerst versäumt hatte, sich zu seiner Tat öffentlich zu erklären, habe sie darin nur bestärkt.

Die Band hat sich eindeutig für den schwierigeren Weg entschieden

Auch wenn es Stimmen gibt, die Kasabian unterstellen, durch diesen Rauswurf sogar PR in eigener Sache zu machen, hat sich die Band doch eindeutig für den schwierigeren Weg entschieden. Denn gerade auch die Bühnenfigur Tom Meighan mit ihrem klassischen Kiss-my-ass-Rocksängergestus hat die Gruppe aus den East Midlands dorthin gebracht, wo sie zuletzt stand: Sie gehört in ihrer Heimat zu den größten lebenden Livebands überhaupt.

Ob die Band letztlich tatsächlich aus persönlicher Überzeugung gehandelt hat oder einfach damit rechnete, dass der öffentliche Druck bei einem Festhalten an Meighan zu groß werden würde, spielt letztlich keine Rolle. Wichtig ist nur: Wir leben heute in anderen Zeiten. Solche, in denen es zwar auch jede Menge Vorverurteilungen und Nebengefechte im Internet geben mag, die sich aber dennoch absolut positiv dadurch auszeichnen, dass im Unterhaltungsgeschäft nicht mehr zwischen vor und hinter den Kulissen unterschieden wird. Anders als früher, als es letztlich eben nur darauf ankam, dass es innerhalb der Truppe stimmt und Frauen mies zu behandeln ohnehin meist zur „Rock-Folklore“ gehörte, scheint sich endlich die Erkenntnis breitzumachen, dass man mit solchen Arschlöchern nicht zusammenarbeitet. Sei der Erfolg auch noch so groß.

Ganz so einfach ist ein Comeback heute nicht mehr zu regeln

Die Option, irgendwann doch zurückzukehren, muss deshalb ja nicht ausgeschlossen sein. Josh Homme, der aus ganz ähnlichen Gründen 2004 Bassist Nick Oliveri bei den Queens Of The Stone Age rausgeworfen hatte, machte Jahre später wieder mit ihm Musik. Doch mit einer kurzen Pressemitteilung zum Comeback nach „erfolgreichem“ Betty-Ford-Center-Aufenthalt ist so etwas heute auf jeden Fall nicht mehr zu regeln.

Und während wir das aufschreiben, kommt die Meldung rein, dass das kalifornische Label Burger Records, welches wir im ME 5/20 noch als kuschelige DIY-Höhle vorgestellt hatten, sich des systematischen Fehlverhaltens gegenüber und Missbrauchs von Frauen schuldig gemacht hat. Bevor es besser werden kann, muss auf jeden Fall noch jede Menge aufgearbeitet werden.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME 09/20.


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