Kritik

„Kingdom“ (Staffel 2) auf Netflix: Der neue Zombie-Maßstab aus Korea

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Es gibt keinen Ausweg mehr – für die Soldaten des Kronprinzen, aber auch für die heranstürmenden Zombiehorden. Da die Untoten Wasser meiden, haben die Truppen einen Engpass im Feuchtland befestigt. Feuerpfeile fliegen, es schießt aus Kanonenrohren, die Zombies rennen in Draht hinein und fallen Löcher hinab, aber es nützt nichts. Die Männer fliehen auf einem Floß. Doch wie sich darauf herausstellt, wurde einer der Soldaten gebissen, was nun? So weit, so dramatisch, aber gleichzeitig gewöhnlich, könnte man für eine Horror-Serie denken. Das koreanische „Kingdom“, das seit dem 13. März bei Netflix läuft, dosiert derlei Einlagen in der zweiten Staffel dennoch genau. Bis zum nächsten Showdown dauert es noch bis zum großen Finale. Das kommt den verbleibenden Charakteren zugute, sofern sie nicht schon vorher gestorben sind.

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Zombies im 16. Jahrhundert, viel Dramatik und „Game of Thrones“-Politik

„Kingdom“ überraschte vergangenes Jahr, mischte es doch ein frisches Korea-Setting im 16. Jahrhundert mit Zombies und „Game of Thrones“-Politik. Zum Inhalt: Im koreanischen Königreich der Joseon-Dynastie erliegt der König als erster einer Seuche, wird jedoch vom Haewon-Cho-Clan im Palast angekettet am Leben gehalten – denn der Clan hat kein Interesse, dass Kronprinz Chang rechtmäßig nachfolgt. So ist es die Königin Cho, die gemeinsam mit ihrem Vater und Clan-Anführer Hak-ju Cho nach Macht strebt und dabei insbesondere in dieser Staffel alle Register zieht. Denn als hochschwangere Regentin steht sie kurz davor, einen Sohn zu gebären. Er soll auf dem Thron nachfolgen, um den Clan an der Macht zu halten. Kronprinz Chang sucht derweil Hilfe bei Fürst Ahn Heon. Schon drei Jahre vor der jetzigen Seuche kämpfte der Fürst mit Hak-ju gegen die Japaner, zog sich dann jedoch zurück. Die entscheidende Wendung für das Königreich brachten damals die Zombies – es gibt einige Figuren in „Kingdom“, die mehr wissen als sie vorgeben.

Diese „Game of Thrones“-Intrigen entfalten sich in dieser Staffel besonders. Ungewohnt dürften vielen hingegen die koreanischen Eigenheiten sein. Eine, vielleicht mehr Folgen braucht es dafür mit Sicherheit: Umstehende reagieren auf Tote oder Enthüllungen dramatisch, seufzen, stöhnen oder werfen sich bei jeder Gelegenheit auf die Knie. Außerdem unterhalten sich die Charaktere manchmal nur, um die Zuschauer*innen zu informieren – falls man etwas nicht begriffen oder mitbekommen haben sollte, müsste spätestens nach diesen Hilfestellungen alles klar sein. Innerhalb der Serie ergeben diese Dialoge begrenzt Sinn. . Diese Dialoge lassen einen wenig verpassen, etwas subtilere Erzählformen hätten der Serie aber auch nicht geschadet. Doch die drittteuerste koreanische Serie aller Zeiten fährt einiges auf: historisch akkurate Kostüme, hunderte Komparsen in einer Szene, detaillierte Zombie-Masken und weitläufige Landschaftsaufnahmen. Penibel achtet die Regie dabei auf kleinste Details. Wie Filmkritiker Donnie O’Sullivan anmerkt, fließe sogar der Nebel einer Szene exakt entsprechend der neuen Perspektive in der nächsten Szene. Und wer sein königlich weißes Gewand im Gefecht mit Blut bespritzt, behält die Flecken auch weiterhin. Schön, oder?

Untote als Vehikel und ein ziemlich klassischer Held

Die Kämpfe bieten freilich allerhand. Vom menschlichen Fleisch-Schutzschild eingesperrt zwischen Zäunen, bis zu einem Pfeil, der gleich zwei Zombies erledigt. Auch Köpfe rollen in steter Regelmäßigkeit. Die Serie ergötzt sich dabei nicht an der Gewalt – wer reines Gemetzel ohne Sinn und Verstand erwartet, wird enttäuscht. Und auch die Zombie-Plage drückt sich in einigen wenigen großen Kampfszenen aus, spielt aber nicht die Hauptrolle. Sie dient vielmehr als Vehikel; wie die Herrschenden reagieren, offenbart ihren Charakter und bereitet den Weg in eine von ihnen geformte Normalität danach. Einer strahlt dabei über alle Maßen – der Kronprinz Chang. Hungernden Kindern verteilt er Essen, er zeigt Milde bei Straftätern und schwört schon zu Beginn der Staffel, den Cho-Clan zu besiegen und eine neue gerechte Ordnung zu schaffen. Die Serie „Kingdom“ bietet mit Chang eine Identifikationsfigur, die leider allzu sehr klassischen Heldenschemata folgt.

Immerhin interessieren seine Begleiter mehr. Da wäre etwa sein Leibwächter Muyeong. In der ersten Staffel diente er eher als Sidekick für gelegentliche Humor-Einlagen. Nun lernt man, wieso er dem Kronprinzen Loyalität schwor und seine schwangere Frau wegschickte. Auch ein weiterer Wegbegleiter Changs, Yeungsin, der in der ersten Staffel noch Menschenreste zum Essen verteilte, bekommt mehr Tiefe. Er gehört einst geheimnisvollen Tigerjägern an, woraus sich auch erklärt, wieso er mit dem Gewehr besser umgeht als alle anderen. Schließlich versucht die Heilerin Seo-bi, ein Heilmittel zu finden. Denn es gibt Gründe, wieso die Zombies Wasser scheuen. Im Verlauf der Handlung trifft sie auch auf die Königin und verstrickt sich in ihre unheilvollen Machenschaften. Der Ausgang bleibt unklar. Überhaupt treffen im Verlauf der zweiten „Kingdom“-Staffel fast alle entscheidenden Charaktere aufeinander. Diese Konfrontationen fesseln.

Fazit: Eine Wohltat für das Genre

Während von der ersten Staffel des Netflix-Originals vor allem haften bleibt, wie sich die Zombies im Königreich ausbreiten und massenhaft auf Jagd gehen, so trügt der bombastische Auftakt der zweiten Staffel samt Kanonengeschoss – es ist die Reduktion auf wenige Schlüsselfiguren, die „Kingdom“ trägt. Nach zehn Jahren „The Walking Dead“-Fertigware eine Wohltat für das Genre.

Die zweite Staffel von „Kingdom“ ist seit dem 13. März 2020 bei Netflix verfügbar.


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