Kolumne

Liebs doch: Wie Lily Allen mit Gossip-Pop eine neue Sprachkultur prägt

Julia Friese beobachtet einen kulturellen Shift der Platon gefallen würde.

Drei Beobachtungen:

1. liebs doch

Als der Dialog einst verschriftlicht wurde, ließ Platon Sokrates in „Phaidros“ den Wertverlust der mündlichen Kommunikation beklagen. Nun – nur knapp 2400 Jahre später – wird der verschriftlichte Dialog entweder mündlich kurz diktiert, oder zu langen Sprachnachrichten ausgesprochen. Was man nicht weiß, fragt man ChatGPT mündlich, und statt dass man einen Artikel lesen würde, lässt man ihn sich lieber auf TikTok agitiert nacherzählen. Derweil beklagt man den Wertverlust des geschriebenen Wortes.

Dabei ergibt sich doch auch etlicher, sehr schöner, neuer Sprachgebrauch: Sagte man in den vergangenen Jahren, wenn man mindestens jüngerer Millennial war, sich also klassischerweise in Sorbetfarben kleidet, dazu bunte Fingernägel sowie das Handy an einer dickeren Textilschnur quer über den Oberkörper trägt, in Insta-Reels immer „liebs“ – und meint damit eben irgendetwas in Sorbetfarben, wahrscheinlich Fingernägel, oder einfach nur ein zu süßes, aber doch sehr fotogenes Teilchen oder anderweitiges Fast-Food-Objekt – so sagt man nun im gleichen Kontext: „liebs doch“.

„Doch“ hat im Deutschen mindestens zwei Bedeutungen. Zum einen: „dennoch“. Also etwas wird trotz eines Umstands getan. So würde „liebs doch“ bedeuten, dass der zehnte Foodtrend dieses Monats aus einem weiteren, so eilig hochgezogenen wie auch leeren Ein-Gimmick-Imbiss – nur echt mit Logo und Spiegelfolien-Aufsteller vor der Tür – trotz seiner offensichtlichen zu argen Fettigkeit und Gimmickhaftigkeit TROTZDEM geliebt wird. Oder es geht hier eben um die zweite Bedeutung von „doch“, der der reinen Nachdrücklichkeit wie in: Das ist mir doch egal.

Ganz sicher lässt sich das nicht trennen, weswegen man in „liebs doch“ immer beide Wortbedeutungen hören muss. Vor allem, da beinahe jedes „liebs doch“ in einem Kontext von Schuldigkeit fällt à la: „Ich liebs doch, zu viel Geld für Scheiße auszugeben.“

2. relatives score rating

Etwas länger virulent ist die mündliche, vormals rein digitale Relativ-Bewertung. Wenn man online eine Kund:innenmeinung hinterlässt, vergibt man meist per Klick ein paar Sterne: 4 von 5 beispielsweise. Diese Art der relativen Score-Bewertung hat sich im Sprachgebrauch nun derart verankert, dass sie die guten, alten Schulnoten ersetzt. Man sagt nicht mehr: „Ich würde diesem Dessert eine 2 geben.“ Sondern: „Das Dessert ist eine 8 von 10.“ Dass die Bewertung eine subjektive Zuschreibung ist, wie in „Ich würde XY folgende Note geben“ ersichtlich, fällt nun weg. Das zu bewertende Objekt IST sein relatives Score-Rating. Was insgesamt natürlich relativ ernüchternd ist.

3. gossip-hörspiel

Eine 0 von 10 hingegen scheint Lily Allens Ex-Mann, der „Stranger Things“-Schauspieler David Harbour, zu sein, an dem sie sich in WEST END GIRL abgearbeitet hat. Ein Album aus dem Playbook von Taylor Swift, in dem Sinne, als dass die Viralität des Album nicht primär der Musik geschuldet ist, sondern dem Text immanenten Gossip.

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Während Swift ihre Beziehung metaphorisch verzerrt verarbeitet, hat Lily Allen mit WEST END GIRL ein Gossip Hörspiel geschrieben, das das Ende der Beziehung vom Song 1 (Gemeinsamer Umzug nach New York) bis Song 14 (Du bist das Problem, ich bin trotzdem liebenswert) durcherzählt – inklusive Telefonaten und intrusiven Gedanken. Eine Erzählform, die in der Popmusik in dieser Konsequenz neu ist.

Das mündlich aus dem Leben Erzählte an sich ist im gesungenen Pop momentan eher bindend. Wer es nicht macht (Dua Lipa, Katy Perry, Miley Cyrus) riskiert einen Flop. Prominente sollen bekennen. Das sind wir jetzt aus Podcasts wie „Call Her Daddy“ gewohnt.

Los, Star, erzähl uns Schlüpfriges! Rede! Gehen wir also wieder in eine oral culture über? Für Platon ist’s ganz bestimmt eine 9 von 10. Und wie würde Sokrates sagen? Lieb’s doch!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 1/2026.