Popkolumne, Folge 70

Zwischen YouTube, HR3 und TikTok: Paulas Popwoche im Überblick


Für die neue Folge ihres Teils unserer Popkolumne hat Paula Irmschler einen Blick in die „Bitch Bibel“, „Donaulied“-Facebookgruppen und TikTok geworfen und die letzte Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ nur dank Jessica Davis ausgehalten.

„Gib’s mir doggy, gib’s mir doggy, gib’s mir doggy!“

Hallo erstmal! Habe seit zwei Tagen Ohrwurm. Habe nämlich die „Bitch Bibel“ von Katja Krasavice gelesen. Komplett! Erstmal geschockt gewesen, wie alt ich wohl bin, weil ich vorher nichts über Katja Krasavice wusste. Dieses Doggy-Lied, ach, das war von der? Ah, doch, das hatte ich mal mitbekommen und es wohl verdrängt. Was soll ich sagen. Ich pumpte es mir ein paar mal während des Lesens rein. Besser finde ich allerdings den Song „Casino”. Das Phänomen KK hat letztendlich mit dieser ganzen Big-Brother-Brustimplantate-Pornosternchen-RTL-Exklusiv-Welt zu tun, von der mir nicht mehr klar war, dass es sie noch so gibt, aber klar gibt es sie noch und ihre Protagonistinnen kommen eben jetzt zum Beispiel von YouTube, so wie KK. Das Buch ist, sagen wir mal INTENSE, weil die Frau viel Shit erlebt hat. Und wie sie darüber reflektiert, ist interessant und schön zu lesen. Ja, man kann es hier mal bemühen: Hier ist sich eine stets treu geblieben, trotz harter Widerstände. Wenn man alt ist wie ich, kann man auch viel darüber erfahren, wie das ist, mit dieser YouTube-Welt, wie da Leute bekannt werden und wie sie tatsächlich Geld damit verdienen können und wie das mit dem Beef läuft. Sonst ist in dem Buch viel Nervkram auch, viele Begriffe für Sex und Geschlechtsteile, von denen ich wirklich dachte, sie wären ausgestorben, pimpern, Lötkolben, so die Ecke. Aber man kann es mal lesen, aber Achtung, es wird einen auf eine krude Weise „einnehmen“. Gibsmirdoggygibsmirdoggygibsmirdoggy.

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Apropos weibliche role models: Jessica Davis aus „Tote Mädchen lügen nicht“

Jessica Davis gibt es nicht wirklich, sie ist eine von Alisha Boe gespielte Figur aus „13 Reasons Why“ aka „Tote Mädchen lügen nicht“, einer Netflix-Serie, die jetzt endlich geendet ist. Sie hatte teilweise interessante, gut erzählte Geschichten, ich mochte vor allem die zweite Staffel, die die erste erst vollständig machte, aber dann wurde es ein bisschen zu viel herbeikonstruiertes Drama und zu dick aufgetragene Messages. Ursprünglich (aber das wissen mittlerweile bestimmt alle) ging es um die Schülerin Hannah Baker und die Frage, warum sie sich suizidiert hat. Und es ging darum, wie ihr Umfeld damit umgeht und wie viel Scheiß alle selbst mit sich herumtragen und wie das zusammengehört. In Staffel 3 und 4 wird es dann plötzlich sehr crime-mäßig und es passieren zu viele krasse Sachen nacheinander, was halt einfach dazu führt, dass man sich immer weniger identifizieren kann mit den Figuren, sondern eher ein „Come on!“ nach dem nächsten ausstößt.

„Tote Mädchen lügen nicht“, Staffel 4: Ein buntes Potpourri verzweifelter Palliativ-Maßnahmen

Normalerweise wäre ich schon eher ausgestiegen. Aber da ist nun mal Jessica, die meiner Meinung nach eigentliche Hauptrolle der Serie. Ihre Geschichte hielt mich. Sie führt den Kampf einer von sexueller Gewalt Betroffenen, aber wird dabei nicht eindimensional dargestellt. Sie ist superviel: Sie ist gemein, sie ist fürsorglich, sie ist ängstlich, sie ist kämpferisch, sie ist lustig, sie ist ernst. Und darf in der Serie mehr sein als eine von sexueller Gewalt Betroffene, sie darf widersprüchlich sein. Sie macht Schritte vor und macht einige wieder zurück und manchmal beides zusammen, aber entwickelt sich dabei weiter. Ich habe selten bis nie eine so vielseitige Rolle in einer Teenagerserie gesehen.

Trotzdem gut, dass es jetzt vorbei ist. Hoffe einfach, Alisha Boe beim nächsten Mal in einer Hauptrolle zu sehen. Bei Refinery 29 gibt es ein sehr schönes Interview mit ihr, in dem sie zum Beispiel sagt:

„I’m aware that a lot of people have an aversion to seeing a young girl or a young girl of color speaking her mind, not being quiet, and taking her sexual power. Some people really hate it and will dismiss it. They will be like, ‘She’s bitchy. She’s a know-it-all’ […] But most of the people who are like me or identify with me, who find power in it; you should find power in it. Because you shouldn’t have to quiet yourself down, ever, and you should never have to feel like you need to say ‘I’m sorry for speaking.’ You should be absolutely fearless in this world.”

Hach.

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#blacklivesmatter

Es geht weiter, immer weiter. Und das muss es auch. Wenn jetzt ein paar Weiße genervt sind, ist das genau richtig, oder wie die wunderbare Ash auf Twitter schreibt:

https://twitter.com/migrantifa/status/1270791998379868160

 

Es muss nerven und es nervt eh niemals annähernd so sehr, wie BIPoC Rassismus nervt, wie er sie in ihrem Alltag einschränkt und wie er ihr Leben bedroht. Ich kenne mittlerweile das Gefühl beim Thema Misogynie, dass ich ermüdet bin, dass wir einen Hashtag nach dem nächsten durchs Netz pfeffern, mit dem wir immer wieder erklären müssen, was abgeht und kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie das für von Rassismus betroffene Menschen sein muss, immer wieder ihre Erfahrungen raushauen zu müssen, damit ihnen geglaubt wird. Zumal mit Rassismus auch andere Diskriminierungsformen einhergehen, Misogynie und Klassismus gehören zum Beispiel immer auch dazu. So sind BIPoc-Frauen häufiger von sexueller Gewalt betroffen, aber viel unsichtbarer als weiße Frauen. Unter #schwarzesDeutschland berichten gerade Schwarze Menschen aus Deutschland von ihren Erfahrungen. In den USA gibt es #sharethemicnow: Weiße Prominente mit hoher Reichweite treten ihre Accounts ab, an Aktivistinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen. Unter #blacktranslivematter wird an all die ermordeten nichtweißen Transmenschen erinnert und eingefordert, diese Menschen endlich mitzudenken und nicht aus den aktivistischen Kreisen auszuschließen.

Aber auch der Protest auf der Straße hat weiter Fahrt aufgenommen. In vielen deutschen Städten waren am vergangenen Wochenende Menschen im fünfstelligen Bereich gegen rassistische Polizeigewalt auf den Straßen, allen voran junge BIPoC. Ältere Menschen habe ich auf den Demos bisher kaum gesehen, aber drauf geschissen. Die alte Welt ist hoffentlich bald vorbei. Jetzt müssen auch endlich diese ganzen blöden Statuen von Kolonialherren und anderen Rassisten dran glauben. Die Geschichte wird weitergeschrieben und um Wahrheiten ergänzt, von denen wir in der Schule nichts gehört haben. Keine Träne!

https://twitter.com/YourAnonCentral/status/1270548195613925381

 

 

Kurze Zwischennotiz: Down ist jetzt auch Bento.

Das Jugend- oder Jungeerwachsenemagazin vom Spiegel mit den für keine Generation repräsentativen Autor:innen wird endlich eingestellt. Gut. Hoffe natürlich trotzdem, dass alle Beteiligten weiterhin oder bald wieder in Lohn und Brot stehen.

Was es leider noch gibt: Sauunangenehme Songs

Die Debatte um das Donau-Lied ist in vollem Gange. Corinna Schütz aus Passau hatte eine Petition gestartet, weil sie ein Lied über Vergewaltigung nicht mehr auf Passauer Bierfesten hören will.

Soweit, so okay. Jetzt geht natürlich diese ganze, schon tausend Mal geführte Diskussion über übersensible Frauen los, die sich nicht so anstellen sollen, yada yada, Kunstfreiheit, es ist schon immer so gewesen. Ist mir doch alles egal, ihr verdammten Arschlöcher! (Notiz an mich: Nachschlagen, wie man Bayern vernünftig beleidigt). Worum es mir geht, ist sowas hier:

von der Facebook-Seite „Rettet das Donaulied”

Wenns nach mir geht, würde ich Bayern noch viel mehr verbieten. Alles!

Mit dem zweiten Wow-Song in diesem Abschnitt möchte ich euch ein bisschen allein lassen, damit ihr genug Zeit habt, eure Gefühle zu ordnen. Alles Gute.

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Radiosender des Halbmonats: HR3

HR3 ist der ideelle Gesamtsender, der Protosender, der Durchschnitt. HR3 ist der Sender, der den Sprung in die digitale Welt geschafft hat. HR3 macht Podcasts. HR3 macht Videos. HR3 hat eine aufgeräumte Webseite. Bei HR3 funktioniert sogar das, was ich in meiner vorherigen Kolumne noch bei anderen bemängelt hatte, nämlich der Onlinestream so, dass wirklich die aktuellen Songs angezeigt werden. Bei HR3 hat man die „perfekte Mischung”, nicht zu altbacken, nicht zu nischig, keine Schrullen, von allem das richtige Maß. Deswegen klingt alles falsch.

Auf nichts mag man sich einlassen. HR3 stößt den Menschen ab. Es ist nur Radio, kein Mensch. Da dieser Song von Nena und Kim Wilde, dort James Arthur, und dann noch Rihanna, mh mh mh. Moderiert wird anständig und nett und freundlich. HR3 ist langweilig, HR3 ist Blaupause, HR3 macht uns stumpf. HR3 klingt wie die Sitze im ICE aussehen. HR3 ist der Kapitalismus, der „richtige Weg”, die Vernunft. HR3 tötet uns. HR3 ist nichts. Hört bitte nicht HR3.

Musikentdeckungen im Internet:

Mir entgeht leider oft mal was, doch endlich habe ich Benee aus Neuseeland entdeckt. Zu spät mal wieder, sie hat schon unnormal viele Klicks auf allen Kanälen. Bei YouTube erfahre ich, dass sie durch die Verwendung ihres Songs „Supalonely“ bei TikTok bekannt wurde.

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Ich liebe die TikTok-Kids. Huhu, beachtet mich, ich bin auch cool! Muss mir dringend die Haare färben.

#BlackLivesMatter, ein Kanal voller Egoist*innen, Malonda und Coolio: Volkmanns Popwoche im Überblick

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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