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Highlight: 22 Jahre nach „Narcotic“: Was wurde eigentlich aus… Liquido?

Interview

Ex-Liquido-Sänger Wolfgang Schrödl im Interview: „Von ‚Narcotic‘ kann ich bis heute leben“

Die berühmteste Liedzeile von Wolfgang Schrödl ist gar keine: Das hymnische „Dö dö dö dö döö dö dö döödööö dö dö dödö dödööööö“ aus Liquidos 90er-Hit „Narcotic“ ist eine Keyboard-Hook – aber eine, die auch bei drei Promille noch mitgesungen werden kann. Geschrieben hat Liquidos Sänger das Lied 1996 mit 21 Jahren. Zwei Jahre später ging es um die Welt und geht es bis heute: Galten die aus der Stuttgarter Metal-Band Pyogenesis hervorgegangenen Liquido damals als eine Art deutsche, Pullunder tragende Powerpophoffnung, hält sich ihr größter Hit 22 Jahre später vor allem am Ballermann und auf Aprés-Ski-Partys wacker.

Wolfgang Schrödl ist heute 45, lebt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und ist der Musik treu geblieben: Unter dem Namen 7fields veröffentlicht er Indietronic-Experimente, er produziert andere Musiker*innen und er war an der 2019er-Neuauflage von „Narcotic“ von YouNotUs beteiligt – als Urheber ist er es schließlich auch, der ihr seinen Segen geben musste. Zuletzt brachte er mit seinem Projekt Senex die Single „Everybody Knows“ heraus.

Wir sprachen mit Schrödl Ende Februar, also noch vor Ausbruch der Coronakrise, über reizlose Rockmusik, reizvollen Electro Pop, Fluch und Segen des weltweiten Erfolgs von „Narcotic“ und über eine mögliche Livereunion von Liquido.

Musikexpress.de: Als Senex hast du im Februar eine neue Single namens „Everybody Knows“ veröffentlicht. Beworben wird sie vom Label als „Folk House Pop“. Wie nennst du selbst die Musik, die du heute machst?

Wolfgang Schrödl: Das fällt mir schwer zu beschreiben. Folk ist drin, weil ich die Musik mit der Akustikgitarre oder am Klavier schreibe. Strophen, Refrain und Texte bedeuten mir etwas, das sind nicht nur Fragmente. Das Konzept des Projekts sieht vor: Mit dem Material gehe ich zu Produzenten, die meine Songs in ein housiges bis poppiges Klanggewand bringen.

Du selbst bist also noch immer Songwriter, Künstler und ein Stück weit auch Handwerker, aber kein Programmierer.

Ich programmiere und produziere selbst auch, aber nicht bei diesem Projekt. Ich hätte Credits haben können, vertraue da aber den Produzenten, die ich dafür entdeckt habe. Die aktuelle Nummer haben Jungs aus Frankfurt produziert, die letztes Jahr einen großen Hit mit Alle Farben hatten. Die sind schnell und sehr talentiert, gerade in dem Genre. Was ich selbst als 7fields produziere, dauert viel länger und ist eher Indietronic-Zeug mit organischen Sounds.

Was reizt dich als Künstler an diesem Genre? Wenn du die Songs an der Gitarre schreibst, könntest du sie ja auch als Singer-Songwriter herausbringen.

Sowas wie jetzt habe ich in der Art noch nie getan. Auch reine Popkompositionen habe ich seit Jahren nicht mehr geschrieben. Ich habe bisher weder Songwriter produziert noch bin ich selbst als einer aufgetreten, gehe mit dem Gedanken aber schon länger schwanger. Zu Senex kam ich wie die Jungfrau zum Kinde: Mein Management fragte mich, ob ich nicht mal wieder Pop produzieren wolle, „das kannst Du doch!“. Angestoßen vom „Narcotic“-Remake, das kommerziell viel weiter ging als ich mir das hätte erträumen lassen, dachte ich: Warum nicht? Meine einzige Forderung war: Ich schreibe die Popsongs, produziere sie aber nicht selbst. Die vier ersten so entstandenen Songs kamen sehr gut an. Das Projekt ist schön unverkopft, so habe ich Jahre nicht gearbeitet und deshalb gerade so einen Spaß daran.

Feierte seinen Durchbruch mit Liquido und „Narcotic“ und macht aktuell als Senex Musik: Wolfgang Schrödl

Electro Pop wie der von Milky Chance und Alle Farben ist der Sound der vergangenen Jahre. Warum ist er so beliebt? Was ist das Erfolgsrezept?

Ich würde zwischen Milky Chance von all den DJ-Acts unterscheiden. Milky Chance sind eine richtige Indieband in einem Housegewand. Alle Farben und Co. finde ich interessant, weil ihre Musik auf den Markt produziert ist. Texte mit Inhalt finde ich natürlich gut und sehe da einen Mangel, viele Popproduktionen kommen oft wenig authentisch daher und sind auf Mitsingbarkeit produziert. Der Inhalt spielt keine große Rolle. In meinem Alter würde ich schon gerne durch die Lyrics erahnen, wie die Person dahinter tickt.

Du bist 45 und mit Alben und Rockmusik mit „richtigen“ Texten sozialisiert. Hast du dieser Musik als Musiker abgeschworen?

Ich habe neulich Star FM gehört und gedacht: Wow, Rock ist ja wirklich das uninnovativste Genre zurzeit. Mich reizt es nicht. Ab und zu kommt mal eine Indieband, die mich begeistert. 2008 etwa dankte ich dem lieben Herrgott dafür, dass mich mal wieder eine Band umhaute, die Band Of Horses mit ihrem Song „Funeral“. Ästethisch reizen mich heutzutage statt Rock viel mehr diese Zwitter. Zum Beispiel Apparat: Indie trifft Electro trifft Dance – und das so, wie es Ende der Neunziger noch nicht möglich gewesen wäre.

Dann müsste dir REFLEKTOR von Arcade Fire auch gefallen.

Kenne ich gar nicht, obwohl mir davon schwer vorgeschwärmt wurde. Ich jedenfalls will mit dem Gewand meines Projekts nun auch überraschen. Rock spielt dabei keine Rolle.

Du bist aber auch großer Weezer-Fan. Womit die Brücke zu Liquido und eurem damaligen Powerpop geschlagen wäre.

Wir haben es College Rock genannt, aber ja: Weezer ist die in meinem Werdegang einflussreichste Band überhaupt. Vier Akkorde, Popkompositionen, aber in einem herrlich unangepassten Gewand. Und ihre Selbstironie!

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22 Jahre nach „Narcotic“: Was wurde eigentlich aus… Liquido?
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