Video-Interview

Loyle Carner im Video-Interview: „Ich trenne nicht zwischen Rap und Poesie“


Der britische Rapper erzählt unter anderem, warum die Suche nach seiner eigenen Identität in Wut resultierte und welchen Einfluss Vaterschaft auf seine Musik hat.

Eigentlich war Loyle Carner gar nicht so lange weg. Nur drei Jahre sind seit seinem jüngsten Album NOT WAVING, BUT DROWNING (2019) vergangen. Betrachtet man allerdings das Weltgeschehen in dieser kurzen Zeit, fühlt sich seine Abwesenheit wie eine Ewigkeit an: Themen wie die Corona-Pandemie, Black Lives Matter, die Taliban-Übernahme in Afghanistan, der Krieg in der Ukraine, Klimawandel und die feministische Revolution im Iran beschäftigen rund um die Uhr. Und auch persönlich ist bei dem Rapper aus Südlondon einiges passiert: Nicht nur hat er den Kontakt zu seinem Vater wieder aufgenommen, er ist auch selbst Vater geworden. Genau diesem Konglomerat aus politischen und persönlichen Umständen liegt HUGO zugrunde, sein drittes Album, das am 21. Oktober 2022 erscheint. Wir haben uns mit Loyle Carner zum großen Video-Interview getroffen, um mit ihm über Vaterschaft, Hass und die Schönheit von Poesie zu sprechen.

Loyle Carner: Neue Single, Album-Ankündigung und Live-Gig auf dem Reeperbahn-Festival

Schaut Euch das Video-Interview hier an:

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Im Musikvideo zu Loyle Carners neuer Single „Hate“ sieht man ihn Autofahren, während er von einer anderen Version seiner selbst vom Rücksitz angegriffen wird. Auf die Frage, warum er sich dazu entschieden hat, seine Wut auf die Gesellschaft als inneren Kampf darzustellen, sagt er: „Ich denke, weil dort die Wut liegt. Ja, ich bin wütend auf all die Dinge, die da draußen sind, aber die Art und Weise, wie ich damit umgehe – das ist das Problem.“ Wut und Hass sind wiederkehrende Themen auf HUGO. „Im Laufe des Lockdowns begann ich, mich mehr mit der Black Culture zu beschäftigen, mit der ich vorher nicht verbunden war, weil sie mir nie gezeigt worden war,“ erzählt der Musiker, der eigentlich Benjamin Gerard Coyle-Larner heißt. „Und durch diese Verknüpfung damit wurde ich mehr und mehr wütend.“

Loyle Carner: „Ich ertrinke in Dingen, die mich stressen“

Coyle-Larner wuchs als Sohn britischen Mutter im Südosten Londons auf. Sein Vater stammt aus Guyana, er verließ die Familie früh. Erst jetzt, mit der Geburt seines eigenen Sohnes, hat sich der 28-Jährige dazu entschieden, den Kontakt zu seinem Vater wieder aufzunehmen, fuhr sogar mit ihm nach Guyana. „Ich wollte immer, dass er mir Guyana näherbringt und dass er mir meine Schwarze Abstammung, mein Erbe und meine Kultur zeigt. Aber eigentlich war ich es, die ihn gelehrt hat, was eine sehr schöne Sache war.“ Sie drehten dort gemeinsam das Musikvideo zu seiner neuen Single „Georgetown“. In dem Song gibt es ein Feature mit dem Dichter John Agard, die Zeile „I’m black like the key on the piano / White like the keys on the piano“ basiert auf dessen Gedicht „Half-Caste“.

Es ist nicht das erste Mal, dass Loyle Carner Inspiration aus einem Gedicht zieht – der Titel seines vorherigen Albums NOT WAVING, BUT DROWNING entstammt dem gleichnamigen Gedicht von Stevie Smith. „Ich trenne nicht wirklich zwischen Rap und Poesie“, erklärt er seine Verbundenheit zu der Kunstform. „Aber Poesie in ihrer rohen Form hat weniger Struktur und Parameter, sodass es wirklich einfach ist, frei zu fließen und herausfordernd und ein bisschen umfassender zu sein. Sie überschreitet Grenzen und es gibt nichts, was von den Worten ablenkt.“ Er lacht. „And that’s like my only thing.“

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