Interview

Loyle Carner: „Ich ertrinke in Dingen, die mich stressen“

Sein Debütalbum war eine Offenbarung, so pathetisch darf man ruhig direkt zu Beginn werden. Mit und auf YESTERDAY’S GONE zeigte uns Benjamin Coyle-Larner, der seine Legasthenie für sich nutzte und aus ihr seinen Künstlernamen Loyle Carner gewann, wie HipHop abseits der immergleichen Machismen und Anabolika-Beats funktionieren kann: zurückhaltende Beats, Gospel-Arrangements und ein ruhiger Flow waren es, die Songs wie „Mean It In The Morning“ und „Damselfly“ ausmachten und Loyle Carner unter anderem eine Mercury-Prize-Nominierung einbrachten.

In den kommenden zwei Jahren tourte der heute 24-Jährige aus South London um die Welt, modelte für Yves Saint Laurent und wurde Markenbotschafter für Levi’s. Genug Gründe für Außenstehende zu denken, Loyle Carner habe es geschafft. Doch der Rapper sieht sich selbst noch längst nicht am Ziel. Genau von diesem Gegensatz aus Außenwahrnehmung und eigener Realität handelt sein neues Album NOT WAVING, BUT DROWNING. Benannt nach dem vermutlich bekanntesten Gedicht der britischen Poetin Stevie Smith, in dem ein als unbeschwert geltender Mann ertrinkt, weil sein Armerudern als Winken missinterpretiert wird, verarbeitet Loyle Carner auf seinem Zweitling das Gefühl, die glückliche Fassade aufrecht erhalten zu müssen.

„Dieses Gedicht hat für mich so viel Sinn ergeben. Denn viele Leute sehen mich und denken, weil ich etwas Erfolg habe, sei ich sorgenfrei, aber in Wirklichkeit ertrinke ich immer noch in den Dingen, die mich stressen“, erklärt Loyle Carner das Leitmotiv, das Stevie Smiths „Not Waving, But Drowning“ für ihn geschaffen hat. Ihm ist jedoch wichtig klarzustellen, dass er sich – im Gegensatz zur 1971 verstorbenen Autorin – nicht als pessimistische Person einschätzen würde.

Kooperation

Man kann ihn nach dem Genuss von NOT WAVING, BUT DROWNING in seiner Selbsteinschätzung nur bestärken. Hier jammert sich kein Pessimist durch 15 Albumtrack, hier macht sich ein junger Mann einfach nur sehr viele Gedanken – ohne dabei die Erinnerungen an das Gute und das Glückliche auszuschließen. So beginnt das Album mit einem Liebesbrief an seine Mutter, der er bereits einen Großteil seines Debüts gewidmet hat: In „Dear Jean“ erzählt er ihr, dass er sich verliebt habe und deswegen ausziehen werde, sie, seine Mutter, deshalb jedoch nicht weniger lieben würde. Was sich im Anschluss entfaltet, ist eine hoffnungsvolle, wenn auch eben nachdenkliche, Coming-Of-Age-Story, die in Sound und Atmosphäre all das richtig macht, was bereits YESTERDAY’S GONE groß gemacht hat.

Loyle Carner selbst sagt, er habe nicht erwartet, dass es ein solches Album, eine Erwachsenwerdengeschichte, wird. Doch: „Ich finde das wirklich schön, weil es genauso klingt wie ich mich momentan fühle.“

Ein so persönliches Album über die Person hinter Loyle Carner, wie es NOT WAVING, BUT DROWNING geworden ist, kann nicht um zwei Themen herumkommen: Kochen und Fußball. Die beiden großen Leidenschaften des Musikers finden prominent Platz; gleich zwei Songs widmete er seinen beiden Lieblings-TV-Köchen, dem 2017 verstorbenen Italiener Antonio Carluccio und dem Israeli-Briten Yotam Ottolenghi. Wobei: Gerade „Carluccio“ ist so viel mehr als eine Hommage an einen verstorbenen Koch.

„An dem Tag, an dem Carluccio starb, hatten meine Freundin und ich einen Streit. Also schrieb ich darüber, dass ich sie nicht am selben Tag verlieren will, an dem ich bereits Carluccio verloren habe“, erzählt Loyle Carner. „Die Geschichte des Songs ist also wesentlich tiefer, als sie erscheinen mag.“

Plagen den Rapper, der im Jugendalter bereits seinen Stief- und Adoptivvater verloren hat, also Verlustängste? Loyle Carner lehnt sich zurück und scheint erstmals nicht wirklich eine Antwort parat zu haben: „Hm, vielleicht, kann gut sein. Darüber habe ich noch nie so wirklich nachgedacht.“ Sucht er vielleicht genau deshalb die Kontinuität und Geborgenheit, die ihm Freunde wie Tom Misch und Rebel Kleff, die bereits auf Album Nummer Eins dabei waren, geben? Loyle Carner nickt langsam und bedächtigt.

„Du hast recht. Ich hatte etwas Angst, ohne sie an Songs zu arbeiten“, gibt er zu und erklärt, weshalb ihm „England Penalty Shootout“ so wichtig ist: In dem gut einminütigen Soundschnipsel dürfen wir Familie und Freunde Loyle Carners beim Ausrasten zuhören, als England bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 erstmals seit 1996 wieder bei einem großen Turnier ein Elfmeterschießen gewann.

Loyle sagt: „England Penalty Shootout“ soll als Schnappschuss des vollkommenen Glücks funktionieren. Ich will mich an diesen Moment, an dem ich mit all den Menschen, die ich am meisten liebe, zusammen und glücklich war, für immer erinnern können.“

Kurzes, bedächtiges Schweigen. In Loyle Carner rattert es. Der große Grübler des britischen HipHops ist in seinem Element – und sagt: „Ich verstehe dieses Album mit der Zeit immer besser.“

NOT WAVING, BUT DROWNING erscheint am 19. April.


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