Meinung

Make villains bad again: Warum dürfen Bösewichte nicht mehr einfach böse sein?

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Horror und Grusel haben es in den Mainstream geschafft. True Crime ist zu einem konsumierbaren Produkt geworden, der Horrorfilm „Get Out“ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet und das „Saw“-Franchise geht dieses Jahr in die neunte (!) Runde. So ist es auch wenig verwunderlich, dass immer mehr Antagonist:innen ihre eigenen Filme oder Serien bekommen: Ob Hannibal Lecter, Darth Vader, Harley Quinn, Loki, Maleficent oder der Joker – fast jede wichtige Filmfigur, die im popkulturellen Verständnis den Stempel „Bösewicht“ aufgedrückt bekommen hat, darf seit einiger Zeit in einem Prequel ihre Seite der Geschichte erzählen. Das könnte eigentlich wunderbar funktionieren – schließlich war die Faszination mit komplex gestrickten Antagonist:innen fast schon immer größer als bei weichgespülten Held:innen wie Luke Skywalker. Doch was passiert, wenn sogenannte „Bösewichte“ in diesen Prequel-Stories nicht mehr böse sein dürfen? Sie verlieren ihren Charme.

Wie wird aus einer aufstrebenden Modedesignerin eine Welpen-schlachtende Furie?

Das prominenteste Beispiel dafür ist „Cruella“ – der jüngste Live-Action-Film aus dem Hause Disney. Der Blockbuster mit der fantastischen Emma Stone in der Hauptrolle funktioniert in vielerlei Hinsicht – spektakuläre Klamotten, ein Soundtrack, der einen direkt in die 1970er-Jahre in London katapultiert und eine der spannendsten und fiesesten Schurkinnen im Fokus, die Disney je erschaffen hat. Doch hier liegt das Problem: Der Film gibt sich mehr Mühe damit, Cruella als mitleidserregende und sympathische Person darzustellen, als ihren Zuschauer:innen zu erklären, wie aus einer aufstrebenden Modedesignerin eine Welpen-schlachtende Furie werden konnte. Und damit wird deutlich, worin das Problem vieler OG-Filme über Antagonist:innen liegt: Der Fokus liegt weniger darauf, ihre bösen Handlungen zu erklären – sondern sie vielmehr zu entschuldigen.

Der moderne Bösewicht: Den grausamen Handlungen liegt häufig eine gute Absicht zugrunde

Die Rolle des „Anti-Villain“ ist ein modernes Phänomen. Wo sich Cartoon-Bösewichte früher noch diabolisch die Hände gerieben haben, wenn sie einen bösen Plan ausgetüftelt haben, liegt der Fokus seit Anfang der 2010er-Jahre mehr auf Dreidimensionalität der Charaktere. Das bedeutet: Den grausamen Handlungen der modernen Bösewichte liegt häufig eine gute Absicht zugrunde – sie wollen das Richtige, sind aber dabei vom falschen Weg abgekommen. Ein meisterhaftes Beispiel dafür ist der Joker: Sowohl Heath Ledger als auch Joaquin Phoenix haben aus dem wohl stereotypischsten Cartoon-Schurken ein Spiegelbild der postmodernen Gesellschaft erschaffen. Der Joker ist von politischer Ungerechtigkeit gequält, ein sensibler Geist im eiskalten Kapitalismus – was bleibt ihm da auch anderes übrig, als sich dem Wahnsinn und dem Chaos hinzugeben?

Auch die Rolle der Amy Dunn in „Gone Girl“ (gespielt von Rosamund Pike) reiht sich in die Liste der modernen „Anti-Villains“ perfekt ein: Was sie ihrem Ehemann antut, ist mehr als grausam – doch hätte sie all dies auch gemacht, wenn er sie nicht hintergangen, gedemütigt und betrogen hätte? Die Schurk:innen der Postmoderne möchten die Welt zerstören, die sie kaputt gemacht hat – und dabei unser vollstes Verständnis haben.

Auch die Filmanalyse-Plattform „The Take“ hebt in einem Video hervor, dass sich viele der Filme, die Bösewichte vermenschlichen oder als Opfer darstellen, einem größeren Narrativ bedienen: Anstatt einer individuellen Leidensgeschichte werden vermehrt gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Sexismus und Klassismus als Ursache für ihre Zerstörungswut gewählt. So heißt es in dem Video zu „The Sympathetic Villain“: „Die heutigen Schurken-als-Opfer-Geschichten spiegeln oft ein umfassenderes Bild davon wider, wie unsere Gesellschaft Menschen einer bestimmten Klasse, Hautfarbe oder eines bestimmten Genders grausam misshandelt, um unser Gefühl für Ungerechtigkeit auszulösen.“ Weiter heißt es: „’Maleficent‘, ‚Birds of Prey‘ und ‚Gone Girl‘ erklären die Schurkerei ihrer weiblichen Protagonisten damit, dass ihnen von Männern Unrecht getan wurde. In ‚Joker‘ und ‚Spider-Man: Homecoming‘ treten Bösewichte auf, die von der Klassenungleichheit geprägt sind.“

Häufig werden die Schurk:innen nur noch weichgespült

So spannend und gut diese Entwicklung auch ist, so häufig wird sie von Filmstudios falsch verstanden. Eine:n komplexe:n Anti-Held:in zu erschaffen bedeutet nicht, ihnen ihre Verdorbenheit abzusprechen. Im Gegenteil: Ist es nicht eigentlich viel perverser, wenn sich Zuschauer:innen kurz – und wirklich nur ganz kurz – bei dem Gedanken ertappen, dass sie die Beweggründe der Antagonist:innen nachvollziehen können? Weil man sich dann ultimativ die Frage stellen muss: Wäre ich auch zu solchen Taten imstande, wenn mein Leben einen anderen Lauf genommen hätte? Anstatt solche psychologisch abgründigen Gedankenexperimente zuzulassen, kommt es neuerdings aber leider immer häufiger vor, dass Schurk:innen einfach komplett weichgespült werden – so weich, das man sie am Ende des Films noch für die heldenhaften Protagonist:innen hält. Es ist Hollywoods generische Plüschschmiede, die vermitteln will: Hey, schau mal, Harley Quinn ist eigentlich ein total lieber Mensch, sie ist nur ein bisschen crazy und gemein – so wie du manchmal auch! Die modernen Bösewichte sind demnach nicht mehr grausam; sie sind edgy.

Sollen wir wirklich Mitleid haben mit einer Frau, die später Dalmatiner-Welpen schlachtet?

So wird schnell klar: Bei Filmen wie „Maleficent“, „Birds of Prey“ oder „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ wird nicht wirklich die Geschichte erzählt, wie eine „gute“ Person „böse“ geworden ist. Stattdessen soll vermittelt werden, dass jede:r ach so fiese Schurk:in eigentlich doch ein gutes Herz hat. Wir sollen Mitgefühl haben, die Figuren sympathisch finden – und vielleicht sogar eine Träne verdrücken, wenn ihnen etwas Schlimmes zustößt. Für jede noch so monströse Tat wird eine absurde Rechtfertigung herangezogen, warum wir doch bitte Mitleid haben sollen mit Hannibal Lecter, dem armen Kannibalen, oder Norman Bates, dem traumatisierten Muttersöhnchen.

In „Cruella“ wird dies auf die Spitze getrieben: Emma Stones Rolle ist in dem neuen Film nicht einfach cartoonesk bestialisch wie das Original – sie ist missverstanden, genial und vor allem: menschlich. Man kann das gutes Storytelling nennen, oder auch emotionale Manipulation. Denn mal ganz ehrlich: Sollen wir wirklich Mitleid haben mit einer Frau, die später Dalmatiner-Welpen schlachtet und häutet, um sich daraus einen Pelzmantel zu machen? Bitte nicht.


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