Konzerterlebnis

Micky Beisenherz über die Foo Fighters in Hamburg: „Sie sind die Anti-Guns-N’Roses“

Was Kurt Cobain wohl gesagt hätte, hätte man ihm erzählt, dass der Typ hinter dem Schlagzeug in rund 25 Jahren als Sänger der wohl größten Rockband des Planeten von 60.000 Fans gefeiert werden würde?

„Jaja, sicher. Und Trump ist Präsident.“

Foo Fighters. Trabrennbahn Bahrenfeld in Hamburg. 10. Juni 2018.

Es ist grundsätzlich immer ein gutes Zeichen, wenn man sein Smartphone mal gerade nicht raus holt. Das deutet stark daraufhin, dass man ganz im Moment lebt und nicht einmal daran denkt, ihn mit den anderen in sozialen Netzwerken zu teilen, sondern nur mit sich selbst. Vielleicht hat man auch einfach nur keine Hand frei, weil man beidhändig Bier schleppt, wer weiß das schon. Es ist Sommer, es ist warm, es wäre verrückt, sich nicht zu betrinken, während der Soundtrack der letzten zwei Jahrzehnte spielt.

geil. #foofighters #hamburg

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Tatsächlich habe ich mich nur einmal dabei erwischt, wie ich ein kleines Filmchen (hochkant!) für Instagram erstellt habe. Erfreulicherweise in dem Moment, in dem Dave Grohl über die ersten Akkorde von „My Hero“ der amüsierten Masse süffisant erzählt, dass er sich endlich mal wie Beyoncé fühlen darf. Und er muss dafür nicht einmal mit Jay Z schlafen.

Er ist wirklich ein sehr guter Typ, der Grohl. Irgendwo, da ganz weit hinten auf der Bühne. Gottseidank haben die da in Hamburg riesige Videowände und eine anständige Kameraführung, so kriegt man auch von weiter weg das Gefühl, ganz nah dran zu sein. Die Bild-Ton-Komposition verdient sich ein paar Extrapunkte. Dann geht der Song los, und spätestens jetzt stellt sich das ein, was auf Howard Carpendales CDs für gewöhnlich unter „Gänsehautfeeling pur“ firmiert.

Die Foo Fighters hatten sich zu vernickelbackt

Ich muss zugeben, dass mir die Foo Fighters in den vergangenen Jahren ein wenig egal wurden, ja, nach ECHOES, SILENCE, PATIENCE AND GRACE haben sie sich mir persönlich zu vernickelbackt. Das kann aber durchaus ein persönliches Problem sein – sie wurden schlicht zu populär, als dass ein Invidudalistendarsteller wie ich sie noch hätte lieben dürfen. Sei´s drum. Ich hab die Karte geschenkt gekriegt, also gehe ich mit meinem Bruder hin, der immerhin die weite Anreise aus dem Ruhrgebiet angetreten hat und tagelang schon nix anderes mehr gehört hat, als eben diese Band. „Let It Die“ in Dauerschleife. Für so viel jungenhafte Euphorie bin ich eigentlich zu elitär, das soll sich aber schnell ändern.

Abgesehen von uns ist auch ganz Hamburg anwesend. Ich treffe permanent Bekannte am Bierstand. Zumal der hinten mittig der einzige ist, der noch was im Fass hat. Von meiner antrainierten Lässigkeit ist jetzt schon lange nix mehr da. Ich grinse schief und spiele Phantasieakkorde zu „Everlong“, „The Pretender“ und „Best Of You“. Soll cool aussehen, kommt aber bestimmt rüber wie Gottschalk, wenn er bei „Wetten, dass..?“ zu Status Quo mitrockt.

Das Beste daran: Es ist mir völlig egal. Ich habe: Spaß. Und zwar so richtig. Was in erster Linie daran liegen dürfte, dass die Männer auf der Bühne Bock haben, eine gute Show zu liefern. Insofern sind sie heute so etwas wie die Anti-Guns-N’Roses. Sie fangen pünktlich an und spielen über zweieinhalb Stunden. Alle Hits und die neuen Sachen (, die ich jetzt auch geil finde). Alles außer „Let It Die“. Aber das hat mein Bruder auch schon ausreichend beim Vortrinken bei mir zuhause penetriert.

https://www.youtube.com/watch?v=OD8nzV7_wWE

Irgendwo in der Mitte, ich will jetzt auf jeden Fall Fanartikel, stellt Grohl die Band vor. Also, die Typen, die neben ihm und Taylor Hawkins (der Vergleich mit dem Tier aus der „Muppet Show“ ist vermutlich alt, deshalb behaupte ich nun, er sieht aus wie einer aus „Gefährliche Brandung“ und der junge Barry Gibb) noch dabei sind. Das Ganze geschieht über ein Medley großer Partyschlager wie „Blitzkrieg Bop“ und „Another One Bites The Dust“, bei dem jeder in dieser Top-40-Band mal Solist sein darf. Als Taylor Hawkins auch noch bei „Under Pressure“ vorne am Bühnenrand steht und singt, während Grohl hinten den Springer an der Trommel gibt, bin ich endgültig ein bisschen verknallt.

„Was für ein geiler Abend. Was für eine geile Band“

Ich finde das einfach alles nur gut, will alle Fanshirts kaufen und überhaupt alle Songs nachholen, die ich in den letzten Jahren meines Foobaticals verpasst habe. Was für ein geiler Abend. Was für eine geile Band. Unglaublich, was sich in den Jahren da für eine Menge an Hits angesammelt hat.

Ich kriege feuchte Augen, weil neben mir ein Mann seine elfjährige Tochter auf den Schultern hat. Das will ich mit meiner auch unbedingt machen. Hoffentlich hört die später nicht nur Kollegah oder sowas. Die trommelfellschonenden Micky Mäuse auf den Ohren hätte das kleine Mädchen aber gar nicht gebraucht – will man nöhlen, so kann man sagen, dass der Sound der Spielfreude nicht ganz gerecht wurde. Bei einer Location wie der Trabrennbahn streut die Akustik ein wenig, sodass es am Ende noch ein bisschen mehr Ooomph hätte sein dürfen.

Jamme (r) n auf hohem Niveau.

Ker, was is das Leben schön.

Was für ein Rausch.

Grohl statt Groll.

Nach diesem Abend willst du sofort Gitarrenunterricht nehmen.

Nach Guns N’Roses sagst du den Termin beim Zahnbleaching ab.

***

Micky Beisenherz ist Autor, Moderator, Gagschreiber („Dschungelcamp“), Kolumnist bei Stern.de, in den sozialen Netzwerken sehr aktiv – und fand das Konzert der Foo Fighters so gelungen, dass sogar er vergessen hat, ein Selfie zu schießen.


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