Highlight: Tote Musiker, Schauspieler und Co.: Die verstorbenen Persönlichkeiten 2019

Popkolumne, Folge 45 | Jahresrückblicks-Edition

Was uns 2019 alles angetan hat: Linus Volkmann reicht seinen Kritikern die Hand (und die Pistole)

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 50

2019, mit dessen Ende werden ja nicht weniger als die kompletten Zehner Jahre in die Garage geschoben. Bisschen gruselig, wie schnell das alles rumging, oder? Vor allem auch betrachtet hinsichtlich der eigenen Endlichkeit. Allerdings: Wenn viel passiert und die Zeit rennt, langweilt man sich wenigstens nicht – und was will man mehr? Also außer Reichtum und endlich mal seine Ruhe vielleicht! Diese Ausgabe hier jedenfalls sei der Rückschau gewidmet. Was war, was bleibt, was kann sich verpissen?

DINGE, DIE MAN 2019 HASSEN MUSSTE

  • Hubraum for future

Die ganze Wut auf die Klimabewegung, die ganze Arroganz gegenüber der Jugend … im deutschsprachigen Internet hatte er einen besonders heruntergekommenen, moralisch verwahrlosten Meeting Point: die Seiten und Gruppen unter dem bereits megalahmen Contra-Claim „Hubraum for future“.

  • Der Videobeweis in der Bundesliga

Speziell wenn er sich gegen die eigene Mannschaft richtet, versteht sich!

  • Koriander

Im Jahr 2019 wurden dieses seifige Unkraut und seine Fürsprecher dahin verwiesen, wo sie hingehören: ins gesellschaftliche Abseits. Finally!

  • Die Fressen, die die Leute machen, wenn man mit dem Rollkoffer durch ihr verblödetes Berlin poltert

Ey, ich bin kein Tourist, ich wohne auch in keinem AirBnB, das Euch den Wohnraum klaut und seid versichert, wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich keinen Fuß in Eure zugige Hundestadt setzen. Außerdem: Wenn Euch der ewige Rollkoffersound so stört, dann ebnet halt dieses verdammte Kopfsteinpflaster ein, Ihr seid doch nicht die Altstadt von Heidelberg – Ihr seid Berlin, die letzte Toilette vor der Autobahn nach Polen.

  • Die Kommentarspalten zum „dritten Klo“

Wie konnte sich bloß die Diskussion über Rechte von Trans*-Personen auf diesen geifernden Bierzeltaspekt verengen? Vorschlag zur Güte für alle, die sich tatsächlich über diesen Aspekt echauffierten: Geht fummeln mit den „Hubraum for future“-Heinis und dann löscht Euch.

MEIN URLAUBSFOTO DES JAHRES

Für eine österreichische Seite, auf der man sich nackt auf Instagram mit seinem Lieblingsbuch ablichtet (@literakt), habe ich mich auf die Klippen Dalmatiens (Kroatien) gepackt. Und natürlich kamen auch auf dem hinterletzten Felsen plötzlich andere deutsche Touris und wollten genau dahin, wo ich gerade peinlich berührt mit blankem Arsch versuchte, auf spitzen Steinen sinnlich und intellektuell zu wirken.

Das von mir gewählte Buch war „Neujahr“ von Julie Zeh.

Foto: Katharina Schmidt

ALBUM DES JAHRES: DEUTSCHE LAICHEN

Wenn ich es mir hätte aussuchen können, hätte ich mir von der übertrieben guten Punk-Platte „Deutsche Laichen“ der gleichnamigen Band als Videoauskopplung das Selbstermächtigungsstück „Emanzenlesbenschlampe“ gewünscht. Doch auch „Du bist so schön, wenn du hasst“ bringt das auf den Punkt, was man an diesem Act aus Göttingen schätzen muss: Schluss mit Wohfühl-Feminismus, es kann nicht mehr jeder abgehängte Idiot abgeholt werden, der es doch nicht will.

CLIP DER JAHRES: „MOTHER’S DAUGHTER“ VON MILEY CYRUS

Hand hoch, wer es auch schade fand, dass Lady Gaga musikalisch nie mehr anknüpfte an ihre Platte „The Fame“. Man denke nur ans Video zu „Bad Romance“. 2019 schließt einem überraschend Miley Cyrus die Lücke. Na, warum nicht! Gern genommen – gerade auch mit diesem fantastischen Clip. Don’t fuck with my freedom.

ENTDECKUNG DES JAHRES: AKNE KID JOE

Wer mein Social-Media-Game in der Gänze verfolgt (get a life!), wird möglicherweise denken: Oh, nicht nochmal, Spinner! Allerdings wusste schon Diedrich Diederichsen: „Musikhören heißt Wiederhören“. Also alle Augen auf Akne Kid Joe und noch mal (oder erstmalig) „Zündende Idee“ geballert. Vier junge tätowierte Leute aus Franken, die diesen Farsifa-Orgel-Swag von Jens Rachuts Band Alte Sau besitzen und ihn verbinden mit der sehr verkürzten Ich-scheiß-mir-nix-Attitüde, die aktuell die guten neuen Punk-Acts auszeichnet. Nächstes Frühjahr kommt die zweite Platte.

AUGE MACHEN BEI: JULIA LORENZ

Diese wöchentliche Popkolumne hier bespiele ich im Wechsel mit der Power-Journalistin Julia Lorenz. In ihrer Version gibt es eine Rubrik mit dem Titel „Verkannte Kunst“ – quasi die Antithese zu dem hier aufgestellten „Verhassten Klassiker“. In „Verkannte Kunst“ rehabilitiert Julia vermeintlich trashige Artists.

Mit folgenden ihrer Plädoyers gehe ich konform:

  • Tic Tac Toe
    Für mich die deutschen Spice Girls. Wer hier die Nase rümpft, hat nie gelebt.
  • Avril Lavigne
    Ihre unsolidarischen Texte sind natürlich ein No-Go. Immer wieder landen ihre Erzählungen an dem Punkt, dass es für Mädchen cool ist, mit den Boys abzuhängen – aber bitte nur als einziges Mädchen. Sollten noch andere auftauchen, erstmal anknurren! Schon der fulminante Debüt-Hit „Sk8er Boi“ schlägt in diese Kerbe. Doch darüber kann man bei all dem hübschen Bubblegum-Poppunklärm auch mal großzügig hinweghören – und wer Avril für ihre bitchy Art dennoch einen Dämpfer gönnt: Sie war mit dem Typen von Nickelback verheiratet. Das ist doch wohl Strafe genug.
  • Kelly Family
    Ach, komm. Denen hat man die 90er doch längst verziehen. So possierlich wie eine Horde unattraktiver Hamster.

Widerspruch indes bei folgenden Eintragungen in die „Verkannte Kunst“ der Kollegin:

  • Scooter
    Dieser ausgelutschte Kult-Scheiß, ich persönlich kann es nicht mehr hören. Die Möglichkeit, das alles ironisch zu goutieren, ist ja ohnehin schon fester Bestandteil der in Wahrheit völlig blutleeren Scooter-GbR. Fehlen nur noch die eingespielten Lacher.
  • Aqua
    Soviel möchte ich allein schon aus gesundheitlichen Gründen nicht trinken, dass ich beim Anhören von „Barbie Girl“ Genuss empfinden würde.
  • Mike & the Mechanics
    Bitte wer?

MEME DER WOCHE

DIE VERHASSTEN KLASSIKER: schmähen zurück

Unterhält man eine Kolumne, die es einzig darauf abzielt, Gefühle von anderen Musikfans zu verletzen, braucht man sich nicht wundern, dass der Ton manchmal rau wird. Ich danke daher jedem, der diese Rubrik auch mal mit Sportsgeist ertragen hat. Und genauso gehen Grüße an all jene, die mich dafür einfach nur lynchen wollten. Ein paar von den schönsten Reaktionen habe ich uns hier mal rausgesucht. Sie stehen natürlich mit Facebook-Namen unter den Postings, aber ich mache sie hier dennoch mal unkenntlich. Will doch nicht unsere potenziellen neuen Top-Fans shamen, die, wenn der Hass auf mich verraucht ist, ja vielleicht doch mitunter beim Musikexpress hängenbleiben…

Was man im Internet nicht alles über sich selbst lernen kann!

Kölner Stadtanzeiger? Ah, thanks for swinging by at my Wikipedia-Page mit all ihren alternativen Fakten zu mir. Und Ehrensache natürlich, dass ich auch alle 24 Liker notiert habe. Ey, wenn irgendwann mal „Purge Night“ ist, komme ich und richte jeden einzelnen mit meinen Mäusefäustchen!

Im Hipster-Spätherbst des Lebens? Wissen diese Rowdys denn nicht, dass auch Worte verletzen können?

Ja, ’schuldigung, Schweinerock ist einfach das Maß der Dinge! Sobald irgendwelche Penisköpfe die Klampfe auspacken und abgniedeln, kann ich einfach nicht anders und applaudiere auch noch auf den Gebeinen von Sigur Rós oder Arcade Fire weiter. True Story, sorry!

Ich nehme mal an, das bezieht sich auf Bono? Ein schönes Schlusswort!

Und allen ein wunderschönes Jahr 2020 – ernst gemeint.

+++

Zu Julia Lorenz‘ Popkolumnen-Jahresrückblicksspecial:

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


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