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Mount Kimbie im Interview: „Unsere Ernsthaftigkeit haben wir abgelegt“

Viel unberechenbarer als das, was man vor Jahren Post-Dubstep nannte, war der Freistil-Elektro von Mount Kimbie schon immer. Auf der dritten Platte nehmen die Briten wieder eine neue Abzweigung: hin zu kulturellen Ausgrabungsarbeiten und einem neuen Optimismus.

Eisbär und Indianer

Was ist eine gute Videokulisse für die Single einer britischen Elektro-Band? Club oder Nebelwald? Kai Campos und Dominic „Dom“ Maker halten die staubigen Räume einer Bibliothek für ein gutes Setting. Ein Ort, an dem man graben muss, um tief verschüttete Geschichten zu entdecken. Im Clip zu „Blue Train Lines“ lassen sie zwischen zerknautschten Aktenkartons und schrottigen Microfilmgeräten die Geschichte des letzten Yahi-Indianers wiederauferstehen, der 1916 in Kalifornien starb. Im Motorik-Rhythmus ackert anthropologisches Anschauungsmaterial vorbei und King Krule krächzt mit seiner Raubeinstimme Postpunk-Kram über „another fuckin’ fight“.

Kurzum: This is not your usual EDM! Klarer als auf der dritten Platte, LOVE WHAT SURVIVES, kann diese Message nicht mehr werden. Eigentlich bewegten sich Kai und Dom aber auch schon auf dem Vorgänger COLD SPRING FAULT LESS YOUTH weit außerhalb der Grenzen jener UK-Bass-Szene, aus der sie hervorgegangen sind und die man um das Jahr 2010 Post-Dubstep tauft. Mount Kimbie sind suchende und tastende Musiker.

Vier Jahre haben sie sich nach COLD SPRING Zeit gelassen. Jahre, in denen im Leben der beiden viel passiert ist: Sie sind 30 geworden, haben sich Zeit für Dinge genommen, die der ewige Tour-Alltag vorher unmöglich machte, Dom ist nach L. A. gezogen, wo er 8000 Kilometer von London entfernt die kalifornische Kultur auf sich einprasseln ließ und mit Kumpel James Blake an ein paar Sounds für Jay-Z schraubte. Seit dem Umzug sei er aber auch ein echter „Jetlag-King“, sagt er müde lächelnd und beugt sein Gesicht über eine dampfende Tasse Tee.

Kai erklärt derweil den Albumtitel: „Für mich ist er ein Kommentar auf die Zeit, auf die wir zurückblicken. Dinge verändern sich, auf dem Weg geht manches verloren, anderes bleibt. Es geht um das, was übrig bleibt, wenn man den oberflächlichen Bullshit wegnimmt.“ Haben sie beim Wörtchen „Survive“ auch an den Irrsinn von Brexit bis Trump gedacht? „Ich würde nicht sagen, dass die Platte Antworten auf die Frage gibt, wie man in diesem unbeständigen politischen Klima überleben kann. Aber es geht um die Idee weiterzumachen und nach essenziellen Dingen zu suchen.“

Das Ende der Ernsthaftigkeit

Auf LOVE WHAT SURVIVES zeigt sich, dass man wohl noch lange nicht die volle Bandbreite des Mount-Kimbie-Stils kannte. Man hört kühle Industrial-Sounds, krautrockige Drumcomputer, Rumpel-Gitarren und wässriges Ambient-Fließen. Bevor sie sich an die Arbeit machten, kuratierten sie für das hippe Online-Radio-Netzwerk NTS Sendungen mit Gästen wie James Blake, Warpaint und Julia Holter und mit wunderbar eklektischen Playlists, die von Scritti Politti und Gladys Knight, über Actress und Serge Gainsbourg bis hin zum NDW-Hit „Eisbär“ reichten. „Die Vielfalt dieser Shows hat uns dazu gebracht, auch für das Album nach neuen Sounds in unserem Werkzeugkasten zu suchen“, sagt Dom.

Neu ist auch das Gefühl von Gemeinschaft: Viel stärker als vorher hat das Duo andere Musiker eingebunden: Neben King Krule vereint LOVE WHAT SURVIVES die Stimmen von James Blake, Micachu und Andrea Balency. „Im Vergleich zu den letzten beiden Platten fühlt sich diese in meiner Erinnerung viel heller an“, sagt Dom. „Ich bin mir sicher, dass es an den Freunden liegt, mit der wir sie geteilt haben.“ Der Musik hört man diese neu gefundene Leichtigkeit an: Die Beats sind weniger mechanisch, sondern für einen EDM-Act ziemlich lebendig. Beim Begriff Leichtigkeit nickt Dom.

„Ich glaube, diese Leichtigkeit kommt daher, dass wir jetzt einen anderen Zugang zur Musik haben. Bei der zweiten Platte haben wir uns selbst und die Musik noch ein bisschen zu verbissen betrachtet. Diese Ernsthaftigkeit haben wir abgelegt.“ Das Ergebnis sind Tracks, die elaboriert klingen wie Musique concrète und cool wie UK-Clubmusik. Die Melancholie der Sounds mag von den Vintage-Synthesizern kommen. Aber der Optimismus, der zwischen den Tönen sitzt, ist ganz von heute.

ME-Klubtour 2018 in München:

25.10.2018
Blitz Club
MOUNT KIMBIE (DJ-SET)
WEVAL (DJ-SET)
KID SIMIUS (LIVE)
PEREL (HYBRID)

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Alle Infos zur Klubtour findet Ihr außerdem auch auf unserer Themenseite unter musikexpress.de/klubtour


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