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Popkolumne, Folge 84

Musik, die selbst Corona nicht verdient hat – Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von

LOGBUCH KALENDERWOCHE 39/2020

Als Schüler bin ich auf einem Austauschtrip in den USA tatsächlich mit einer Looping-Achterbahn gefahren. Keine Ahnung, welches Gottvertrauen mich in jener Zeit durch die Welt führte, heute denke ich jedenfalls beim Kettenkarussell oder beim vibrierenden Plastik-Esel vor dem Supermarkt, dass es sich hierbei um schlecht gewartete Todesfallen handelt.

Mit diesem toxischen Mindset kann ich eigentlich keine Kirmes-Fahrgeschäfte mehr bestreiten. Eigentlich! Denn eine weitere liebenswerte Eigenschaft von mir ist Geiz. So sah ich es nicht ein, die 21,50 EURO Eintritt ins Taunus Wunderland nur darauf zu verwenden, drinnen zwischen schreienden Kindern zu flanieren. Habe mich daher in die Wilde Maus gesetzt. Im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler. Aber urteilt selbst anhand des Fotos, auf dem ich scheinbar während der Fahrt weine …

ALBUM DER WOCHE: DEUTSCHE LAICHEN

Wäre dieses Mini-Album nicht auf bandcamp, sondern eine Vinyl-Veröffentlichung, sie wäre kaum so groß wie ein After Eight. Drei Stücke, das längste davon nicht mal zweieinhalb Minuten. Doch diese Verknappung ist nicht Geiz, sondern Konzentration. Deutsche Laichen haben ihren BRD-Ekel auf „Team Scheiße“ eingekocht. Das Ergebnis reißt fünf Minuten raus aus allem. Laut, schrill, abgemischt auf einer Baustelle möglicherweise. Diese Band steht kurz vor der Explosion und adressiert ihren Zorn nicht nur wohlfeil an irgendwelche Politiker*innen, sondern wendet den Blick auch in die eigenen Reihen, „Szeneputzen“.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: SEBASTIAN JANATA

Einen der letzten großen Sehnsuchtsorte für dissidente Popmusik stellte diese WG dar, die die geschlossen von Wien nach Berlin gezogene Band Ja,Panik für ein paar Sommer gemeinsam bewohnte. Band und WG sind längst Geschichte, von Sänger Andreas Spechtl hört man immer wieder mal was, aber darf ich euch hier nun für den Schlagzeuger begeistern? Sebastian Janata. Mit seinem Vater führte er dessen Austropop-Band ins nächste Jahrtausend – unter dem Namen Worried Man & Worried Boy entstanden zwei Platten und in Zusammenarbeit mit dem Nino aus Wien auch dieser Hit hier.

Jetzt veröffentlicht Janata seinen Debüt-Roman „Die Ambassadorin“ (Rowohlt). Eine verstörende, berührende Erzählung aus dem österreichischen Hinterland. Nicht nur wer die Serie „Braunschlag“ mochte, ist hier gut aufgehoben, denn zwischen all der klug beobachteten Tristesse hat der Autor die Welt noch längst nicht aufgegeben. Das hört man schon am Tonfall – und das ist schön.

Sebastian, was waren die Momente im Lockdown dieses Frühjahr, an die Du Dich tatsächlich gern erinnerst?
SEBASTIAN JANATA: Ich habe die ersten zehn Tage des Lockdowns im hintersten Winkel des Burgenlandes mit Andreas Spechtl und seiner Mutter verbracht. Wir haben jeden Tag gekocht und viel Wein getrunken. Im Burgenland läuft es sich auch sehr gut, weil es sehr flach ist. Ich habe unendlich viele Großtrappen gesehen und gelernt, was ein Steinkäuzchen ist – google it!

Debüt-Roman: Was fiel Dir leicht, was schwer im Prozess?
SEBASTIAN JANATA: Mir fiel es relativ leicht, kleinere und größere Passagen wegzuschmeißen, wenn es sein musste. In manch dunklerer Stunde fiel es mir tatsächlich schwer, nicht das ganze Buch auf die Müllhalde zu verfrachten.

Stefanie Sargnagel steuert auf dem Buchrücken ein Zitat bei, in welchem sie auch sagt, dass Du einst ihr Tourbegleiter warst. Was guckst Du Dir von ihrer Live-Perfomance ab für Deine eigenen Lesungen? Und was lieber nicht?
SEBASTIAN JANATA: Stefanie beherrscht es so gut, zwischen den gelesenen Passagen frei zu erzählen und ist dabei so witzig und charmant. Das könnte ich auch gerne. Sie ist extrem professionell und tritt meistens relativ nüchtern auf die Bühne. Das wiederum ist leider nix für mich.

MINDFUCK DER WOCHE: „I’m Thinking Of Ending Things” – Das hat David Lynch aus den Menschen gemacht

Was soll bitte dieser Über-Quatsch, der wirkt, als wären die deepen Selbstgespräche eines prätentiösen Kiffers nach seiner ersten Philosophie-Einführungsveranstaltung in das schlimmste Drehbuch des Jahres geronnen? Aber Moment, um mich als seriöser Feuilleton-Autor zu qualifizieren, der dann auch mal für eine TV-Kritik in der Süddeutschen Zeitung angefragt wird, muss man solche Qualitätstexte doch etwas anders angehen. Also erstmal eine Inhaltsangabe und grundsätzliche Bemerkungen, damit es auch für jene verständlich wird, die mit dem behandelten Sujet gar nicht vertraut sind:

„I’m Thinking Of Ending Things“ ist eine Mischung aus Mystery-Thriller und Kammerspiel und neu auf Netflix. Ein Pärchen reist im Auto und Schneetreiben zu seinen Eltern und dann noch ein bisschen weiter. Das Ganze sieht sich inszeniert als großes Gleichnis, jede Szene, jede Diffusion in der Zeitebene trägt unheimlich viel Bedeutung.

Sehr gut, feuilleton-tastisch geradezu, dann endlich zur Wertung:
Die Figuren begegnen sich also in unterschiedlichen Stadien ihres Alterns, es ist nicht klar, wessen Eltern es überhaupt sind und spätestens ab der Mitte des Films kann man sich sicher sein, all die Andeutungen und Verweise steuern auf keine Auflösung zu, sondern sind völlig random, einfach bloß Selbstzweck. Das hat David Lynch aus den Menschen gemacht. Und so gibt es tatsächlich gegen Ende kein Ende, wenngleich der Schluss den eigenen Hirnriss noch mal auf die Spitze karikiert.

Wer fand, dass es bei der Serie „Lost“ noch zu linear zuging, könnte hier ja mal reinschauen.

SCHLIMM DER WOCHE: SILBERMOND

Es gibt ein neues Genre, das noch viel Leid über die Musikhörer*innen bringen wird. Ich nenne es: Pandemie-ploitation. Und wer zieht diesen gruseligen Karren ganz vorne? Selbstverständlich unsere Lehramts-Emo-Lieblinge von Silbermond aus Bautzen. Die haben uns mit ihrem „Machen wir das Beste draus“ bereits den Lockdown versaut – und weil das so gut klappte, geht es hier nun weiter. „Silbermond – you give Corona a bad name!“
Auch diesmal nicht ohne die bandeigene Lieblingsvokabel: „Dankbar“ und nur echt in Schwarzweiß. Viel Spaß mit „Ein anderer Sommer“…

 

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.15): H-Blockx

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 15: H-Blockx

HERKUNFT: Münster
GENRE: Crossover
DISKOGRAPHIE:
7 Studio-Alben, eine Live-Platte, eine Best Of
ERFOLGE: Über 300.000 verkaufte Einheiten des Debüt-Albums „Time To Move“, Gold gab’s dafür in Deutschland, Schweiz und Österreich.
TRIVIA: Für eher kurze Zeit hieß der Schlagzeuger der Band Steffen Wilmking, er hatte vorher bereits bei der deutschen Crossover-Band thumb gespielt. 2011 produzierte Wilmking das Durchbruchs-Album „XOXO“ von Casper und gilt spätestens seit dieser Zeit als einer der gefragtesten hiesigen Plattenproduzenten.
TRIVIA II: Wer den Film „Bang Boom Bang“ von 1999 schätzt, sollte wissen, dass der Soundtrack von den H-Blockx stammt.

PRO
Der Crossover-Trend bekam auch eine deutsche Entsprechung, mit pfiffig cartoonigen Videos und viel Energie hechelten sich die Münsterländer für ein paar Augenblicke ganz hoch auf den Zenit des damaligen Zeitgeistes.

CONTRA
Das Gesicht von Sänger Henning Wehland. Diese kunstlose Verbraucherzentrums-Mucke zeigt, wie in Deutschland kraftvolle Rockmusik missverstanden wird: als eine Art Sport. Beflissene BWLer hobelten sich versehentlich in die Charts und brauchten sechs Flop-Alben, um zu kapieren, dass sich ihr seltsames Momentum niemals wiederholen würde. Schwer von Begriff in Dur.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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