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Nachruf auf Holger Czukay (Can): „Ich möchte Musik hören, nicht schreiben“

Holger Czukay war das Gesicht von Can. Mit seinem imposanten Schnauzbart und der schon früh kahl gewordenen Stirn wurde der Bassist zum Markenzeichen einer der international einflussreichsten Bands aus Deutschland. Als Holger Schüring wurde Czukay am 24. März 1938 in Danzig geboren, seine musikalische Karriere begann er 1960 in einer Amateur-Jazz-Band. Von 1963 bis 1966 studierte er an der Musikhochschule Köln unter Karlheinz Stockhausen Komposition. Zusammen mit seinem Kommilitonen Irmin Schmidt (Keyboards) gründete er schließlich 1968 die Band Can, die mit Sänger Malcolm Mooney (später ersetzt durch Damo Suzuki), dem Gitarristen Michael Karoli (1948–2001) und dem im Januar verstorbenen Schlagzeuger Jaki Liebezeit eine musikalische Revolution lostreten sollte. In einer Zeit, in der Progressive Rock, „Classic-“ und Hard-Rock das Maß aller Dinge gewesen sind, standen Can mit ihrer Musik außerhalb der Zeit und der Rock-Tradition, was ihnen vor allem im Ausland Anerkennung und Wertschätzung einbrachte. Bands und Künstler wie The Fall, Johnny Rotten, Sonic Youth, Radiohead, The Mars Volta, Stereolab, Spacemen 3 und Dutzende andere beriefen sich auf die Musiker aus Köln.

Can beeinflussten Punk, New Wave und den Post-Rock der 90er-Jahre. Sie spielten eine eigenartige Mischung aus Free-Jazz, Krautrock, Minimal Music, Jamsessions und freien Kollektivimprovisationen mit stark perkussivem Charakter, elektronischen Effekten und repetitiven Passagen, sie nahmen den Geist des Punk um ein paar Jahre vorweg. In einem Interview mit dem Musikexpress aus dem Jahre 2003 erinnerte sich Czukay an die Anfänge der Band. „Stockhausen war für Can verantwortlich. Das Kompositionsstudium ist ein Studium der strategischen Künste. Stockhausen war ein regelrechter Traditionalist. Er notierte alles und andere Leute führten das dann aus. Bei Can ging es eher um Spontaneität. Ich persönlich hasse das Schreiben. Ich möchte Musik hören, nicht schreiben. Bei Can habe ich mich für den Bass entschieden, weil ich sehr schüchtern war und dachte, auf den Bass würde keiner hören. Dann machten wir die ersten Aufnahmen.“ Und über die Arbeitsweise bei Can: „Wir verstanden uns als Team, bei dem es eine Grundregel gab: Ball abgeben und Ball annehmen und nicht lange bei sich behalten und auf diese Weise Räume schaffen – ähnlich wie beim Fußball. Und dem Ball eine Richtung verschaffen. Das war die Can-Strategie. Komponiert waren gut und gern 50 Prozent, alles wurde spontan aufgenommen. Was man dann braucht, ist Zeit, um über die Dinge nachzudenken. Musik ist nicht das, was man spielt, Musik ist die Summe aller Entscheidungen, die man trifft.“

Holger Czukay war auch ein begnadeter Soundmanipulator

1977 verließ Czukay Can und konzentrierte sich auf seine Solokarriere, bevor es 1986 zu einer kurzen Wiedervereinigung kam. Czukay war nicht nur Bassist und bildete zusammen mit Jaki Liebezeit eine der ungewöhnlichsten Rhythmusgruppen der Nicht-Rockmusik, er war auch ein begnadeter Soundmanipulator, der mit Kurzwellenempfängern und Tonbändern arbeitete und damit eine frühe Form des Samplings betrieb. Seine Soloalben MOVIES (1979), ON THE WAY TO THE PEAK OF NORMAL (1981) und DER OSTEN IST ROT (1984) gehören zum Kanon der experimentellen Musik aus Deutschland. Czukay arbeitete u.a. mit Brian Eno, Jah Wobble (Public Image Ltd.), David Sylvian (Japan) und Dr. Walker (Air Liquide) zusammen, experimentierte mit frühen Formen des Ambient und mit weltmusikalischen Einflüssen.



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