Hirnflimmern-Kolumne

Neil Young vs. Spotify: Bitte noch mehr Langeweile!

von
Josef Winkler
Josef Winkler

Haben Sie’s gehört? Grad sagen sie’s im Radio – dass jetzt demnächst auch die Diskotheken gegen Corona impfen dürfen! Niiiice! Das gibt den Super-Duper-Oberaffen-Dollybuster-Booster! Hier fliegen gleich die Impfquoten durch die Decke! Hey, Mrs. DJ, put a record on, würd ich sagen, leg ne heiße Rille unter die Nadel, und dann hau mir das Ding in den Bizeps, yeah!!! … Moment: die APOtheken? Ach so. Wie langweilig.

Aber das ist ja auch gut so. Sie kennen ja den Witz von der Touristin, die aus der Bergbahngondel in die Tiefe blickt und den Einheimischen fragt, ob hier schon einmal jemand hinabgestürzt sei – „Warum? Ist Ihnen langweilig?“ Kennen Sie nicht? Egal, you get the picture. Nichts gegen Langeweile, gern noch etwas mehr davon.

Dauerpandemie, Öko-Armageddon, Rechtsruck und weltweite Humanitärkatastrophen

Ich weiß ja nicht, wie’s Ihnen geht: Der Elefant steht im Raum, man hört ihn tröten auf allen Kanälen, aber wir machen einen Bogen um ihn, weil wir neben Dauerpandemie, Öko-Armageddon, Rechtsruck und weltweiten Humanitärkatastrophen gerade nicht noch ein weiteres apokalyptisches Thema in unseren Alltag integrieren können – dann fragt der 6-Jährige, ob jetzt eigentlich der 3. Weltkrieg kommt, und es wird klar: Vielleicht wär’s gut, mal wieder öfter rüber aufs Eskapismus-Hitradio zu schalten. Oder halt für die Psychohygiene Konflikte zu verfolgen, in denen die Guten noch zu Helden werden können.

Zum Beispiel: Neil Young vs. Spotify in der Causa Joe Rogan. Die alten Hippie-Granden halten noch dem Anstand die Stange. Der Rest muss mitspielen, weil’s halt nicht anders geht, gell. „Rock-Millionäre wie Neil Young können sich so eine Konfrontation natürlich leisten!“ Und Neil Young ist ja bekanntlich so einer der letzten großen Rockmillionäre, wie er sich immer auf seiner Yacht fläzt; aber die anderen müssen ihren Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt und sind den „Diensten“ der Streamer so hilflos ausgeliefert wie der Allgäuer Milchbauer dem Preisdiktat der Discounter. Dann kriegen sie 0,3 Cent pro Lied bzw. 32 Cent pro Liter – was eben übrig bleibt, nachdem die Rogans dieser Welt ihre Millionen kassiert haben.

Aber ach, was nützt ein Boykott. Ich zum Beispiel habe mich geweigert, Olympia in Peking zu schauen. Ha! Da haben sie sich schön geärgert, die Sponsoren! Ich mich auch. Bitte beachten Sie, dass ich als 24/7 Home Officer auf die turnusmäßige Wiederkehr solcher wochenlang dahinplätschernder und wohltuend egaler TV-Sportgroßereignisse eigentlich nervlich angewiesen bin. Nur haut das mit dem Geplätscher nicht mehr hin, wenn man weiß, dass die „Gastgeber“ zeitgleich mit dem Skizirkus einen Genozid durchführen. „Aber die Athleten haben sich doch so lange vorbereitet auf diese Spiele! Jahrelang drauf hingearbeitet!“ Ja, genau. Und jetzt hängen sie mit drin im miesen Geschäft. Wie die armen Popstars und Milchbauern. So ist das in der Marktwirtschaft. Und da hilft kein Impfen, nicht mal in der Disco.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 04/2022.


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