Hirnflimmern-Kolumne

Was ein Bob-Dylan-Konzert und ein Schlaganfall gemeinsam haben (laut Josef Winkler)

von
Josef Winkler
Josef Winkler

„Josef, stoppen Sie die Verfütterung von Gensoja an unsere Tiere?“, fragt change.org. Was – ich? Puh. Mir fehlt da wohl grad der nötige Schwung … Aber hey, ohne billig von der Problematik ablenken zu wollen: Gensoja wäre ein hübscher Babyname! Gensòja. Gensòja Appleseed Flowerpoppy oder so. Ich höre, es gibt mittlerweile den Beruf des Babynamen-Beraters, und ich überlege einzusteigen. Mein vordringlichster Babynamenrat wäre: Bitte bedenken Sie, dass die Babynamen irgendwann auch von Kindern, Teenagern und Erwachsenen getragen werden müssen, die möglicherweise einen besseren Geschmack haben als Sie!

Ich lese gerade in einer betroffen machenden „People-Meldung“, dass die Tochter von Ed Sheeran viel weinen muss, wenn ihr Papi Lieder vorsingt. Das können wir natürlich nachvollziehen. Vielleicht spielt in die Bekümmertheit des Kindes aber auch mit rein, dass es allmählich spitzkriegt, dass es Lyra Antarctica Seaborn mit Vornamen heißt. Tja. Uns bleibt die Hoffnung, dass die kleine Antarctica nicht später selber Platten macht, das geht ja in den besten Familien schief. Adam Cohen und Jakob Dylan. Vornamen: top. Musik: so mittel. Und dann kämpfen die Buben immer darum, „aus dem Schatten der Väter herauszutreten“, aber die neue Wallflowers-Platte kommt zufällig raus, wenn grad groß der 80. von Papa Bob gefeiert wird.

Ein 80-Jähriger auf never-ending Tour

Überhaupt: Ein 80-Jähriger auf never-ending Tour. Ich weiß: normal bzw. super. Aber ich weiß auch noch, wie wir 1991 zum Dylan-Konzert nach München mussten, in der bangen Ahnung: Der kommt vielleicht nie wieder! Es war die Zeit, bevor die Popkultur quasi ins fortgeschrittenere Erwachsenenalter eintrat, die ersten der klassischen Sixties-Hero*innen die 50 erreichten und man irgendwie der konservativen Annahme war, die müssten sich jetzt alle nach und nach zurückziehen und sich einen Day Job suchen, auf die Yacht legen o.Ä. Als Bowie 1990 tönte, die „Sound+Vision Tour“ werde seine letzte sein, klang das für uns plausibel: Der Mann war 43 und schon seit über 20 Jahren unterwegs! Drum schnell noch mal hin!

Kennen Sie die Geschichte von dem Norddeutschen, der bei einer Familie in der Oberpfalz zu Gast ist? Man lernt sich kennen, verbringt einen fröhlichen Abend, und als er am nächsten Morgen die Treppe heruntersteigt, glaubt er ernsthaft, über Nacht einen Schlaganfall erlitten zu haben, weil er die Leute, mit denen er sich gestern den ganzen Abend unterhalten hat, in der Küche reden hört, aber kein Wort verstehen kann! Ein bisschen so ist es uns bei unserem ersten Dylan-Konzert gegangen. Das da vorn war wohl Dylan, und er spielte und sang irgendwas, was uns bekannt vorkam, aber wir konnten keinen Song erkennen. Was war mit uns geschehen? Die Welt war jung, und es gab noch viel zu lernen. Und heute? Gensoja, 40 Jahre Tote Hosen und „Böhmi brutzelt“ (why?). Seufz.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 08/2021.


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