Hirnflimmern-Kolumne

Von ABBA bis zu den Stones: Wie Rockbands „in Würde altern“ können

von
Josef Winkler
Josef Winkler

Ich habe in meinem Erwachsenenalter als Musikfreund seit Anfang der 90er-Jahre erlebt, wie so ziemlich alle einmal aufgelösten Bands sich letztlich zu einer irgendwie gearteten Reunion zusammenrauften. Am Ende waren nur noch die Big Three übrig, bei denen man akzeptiert hatte: Von denen kommt nix mehr, und es ist auch gut so. Die Smiths, weil sie sich nicht mögen und auch Morrisseys Verstand ja inzwischen winkewinke gemacht hat. Die Beatles, eh klar – wobei es da 1995 zur „Anthology“ zwei nach alten Lennon-Tapes nachbereitete und bald gnädig vergessene Singles gab, über die wir uns doch wie Kinder freuten.

Und ABBA. 40 Jahre lang das wiederkehrende Gemunkel über eine mögliche Reunion, Dementi, Gerüchte, Kaffeesatzleserei, die irgendwann selbst eine Art Retro-Folklore wurden. Nun plötzlich dies: Abbaalbum- und Abbaavatartour, riesen Aufschlag – und dann sind die zwei neuen Songs total lahm! Für mich noch überraschender als die Veröffentlichung selbst. Man nenne mich naiv, aber ich hatte tatsächlich erwartet, WENN die das noch mal machen, dann haben der Benny und der Björn aber ein paar Börner am Start, die jede Diskussion ersparen. Tja. Man lernt nie aus. Wieder ein Mythos im Eimer. Viele haben wir ja nicht mehr.

Die Stones haben „in Würde Altern“ auf ein ganz neues Level gehoben

Die Rolling Stones mussten sich nie wiedervereinigen. Als ich die Stones im Juni 1990 in München zum ersten Mal live sah, war Charlie Watts just 49 geworden, genauso alt wie ich jetzt. Wir MUSSTEN damals zu dem Konzert, weil davon auszugehen war, dass es die letzte Tour der Stones sein würde. Bitte: Die waren ja alle Ende 40, und irgendwann musste ja mal Schluss sein! Das war auch noch die Lesart, als ich Mitte der 90er beim ME anfing: Es gehörte zum gut-sarkastischen Ton, sich über „Rock-Dinos“ lustig zu machen, gern mit spießigem Kritikerdünkel: „Ts ts ts, mit Mitte 50 noch so rumhopsen!“

Ja, ja, die Stones haben immer weitergemacht, und das inflationär zitierte „in Würde Altern“ auf ein ganz neues Level gehoben. Ich darf sagen, dass ich dann bald kapierte, dass das okay bis toll und in vielerlei Hinsicht auch hochinteressant war. Im Sommer 2021 ist man nun geschockt, dass die Band durch den Tod von Charlie Watts quasi mitten aus dem Leben gerissen wird – wo sie doch gerade eine Tour angefangen haben, die, äh, Jungs, und man begonnen hatte, sich vorzustellen, dass die vielleicht einfach wirklich unsterblich sind.

Dass die anderen jetzt weiter touren, wie verwerflich das ist, um wie viele Millionen es da geht und/oder ob sie es tun, weil sie einfach den Boogie im Blut haben (gähn) – geschenkt. Irgendwie schert’s einen nicht mehr. Und, ganz ehrlich, ich ertappe mich selber bei dem Gedanken, sie möchten doch bitte weitermachen. Die alte Welt geht dahin. Man nenne mich naiv: Ich hänge an ihr.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 11/2021.


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