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„Tote Mädchen lügen nicht“-Staffel 2 auf Netflix: 13 Stunden Nachsitzen

Die finalen Episoden der heftig diskutierten ersten Staffel „Tote Mädchen lügen nicht“ hielten viele Schläge in die Magengrube bereit – für die Figuren sowie die Zuschauer. Nicht nur wurde Hannah, deren Gründe für Selbstmord in Rückblenden erzählt werden, von ihrem Schulkameraden Bryce vergewaltigt und nahm sich anschließend das Leben. Auch eine weitere Katastrophe bahnte sich bereits an: „Alex Standall shot himself last night“, hieß es kurz vor dem Abspann, die Enthüllungen der längst toten Hannah hatten über viele Umwege anscheinend einen weiteren Teenager das Leben gekostet.

(Eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse finden Sie hier)

Neben einer öffentlichen Debatte über die vermeintliche Romantisierung von Suizid und Mobbing an Schulen hinterließ „13 Reasons Why“, so der Originaltitel der Serie, ungelöste Rätsel. Was ist am Ende geschehen? Schulfotograf Tyler wurde mit einer Waffe gezeigt, ein Mord oder gar Amoklauf wird dadurch angedeutet, würde eine solche Tat doch der Dramaturgie der Serie folgen. Hat er etwa Alex erschossen oder geht die Geschichte schlichtweg mit einem weiteren tragischen Suizid weiter?

Die Antwort auf diese Fragen gibt „Tote Mädchen lügen nicht“ in der zweiten Staffel direkt nach wenigen Minuten. Eine neue Katastrophe wurde verhindert, durch pures Glück: Alex hat sich in den Kopf geschossen, überlebte nach Wochen im Koma aber seinen Selbstmordversuch. Kein weiteres Kind stirbt, und wenn Zuschauer diesen Umstand und das dadurch fehlende neue Drama enttäuschend finden, dann spielt „Tote Mädchen lügen nicht“ vielleicht ganz bewusst eine moralische Überlegenheit aus. Denn es war auch alltägliche Sensationslust und der rücksichtslose Hang nach Drama, die Hannah näher an den seelischen Abgrund brachten, in den sie dann im Endeffekt stürzte.

Warnungen vor jeder Episode

Kehrt nach gescheitertem Selbstmordversuch an die Schule zurück: Alex.

Die Produzenten der Serie, die nun sogar vor jeder Episode und im Abspann Warnungen für Zuschauer mit psychischen Problemen aussprechen, halten den Publikum mit dem anfänglichen Verzicht auf eine neue Tragödie eventuell geschickt den Spiegel vor. Vielmehr werden nun 13 weitere Episoden darauf verwendet, alle Ereignisse aus der ersten Staffel erneut zu sezieren. Parallel dazu hat ein Elternverband in den USA Netflix schon aufgefordert, die Serie aus dem Programm zu nehmen. 

Hannah hat vor ihrem Tod Kassetten aufgenommen und den Personen zugespielt, denen sie eine Mitschuld an ihrer Trauer und ihrem Unglück gab. Jede Episode drehte sich um ein Tape, eine der Personen. In der zweiten Staffel sitzen diese Personen – der Schulfotograf, die ehemalige beste Freundin, die erste Liebe, der Vergewaltiger, der Vertrauenslehrer – nun im Zeugenstand. Hannahs Familie klagt gegen die Schule, zugleich soll die Tat von Bryce aufgedeckt werden. Die Mitschüler und Erziehungsberechtigten erzählen also weitere Details aus den Monaten vor dem Selbstmord.

Mehr Einzelheiten aus Hannahs Leben kommen ans Licht, parallel dazu spielt jemand an der Liberty High neue Spiele. Polaraids werden den zentralen Figuren zugespielt, Hinweise auf mehr Opfer von Bryce tauchen auf, Zeugen im Prozess werden mit Vandalismus und dem Ausplappern von Geheimnissen bedroht.

Die tote Hannah erscheint in Rückblicken und als Vision für den trauernden Clay.

Das Feingefühl ist weg

Auf dem Papier liest sich die Handlung der zweiten Staffel fast wie ein spannender Gerichtsthriller, in dem die Ereignisse um den Tod des jungen Mädchens aufgeklärt werden. In der Umsetzung geht das aber schief, weil sich „Tote Mädchen lügen nicht“ zu wenig für juristische Einordnung und die Gerichtsszenen interessiert. Sondern die Verwicklungen um Hannah und all die anderen Kids aus der ersten Staffel einfach quälend bemüht weiterspinnt. Justin taucht wieder auf und ist jetzt ein Junkie, Clay droht an seiner Liebe zu der Toten zu zerbrechen (und vernachlässigt dadurch eine weitere Hilfesuchende), die Sportlerclique ist weiterhin mies zum Rest der Welt. Derweil hantiert Tyler immer öfter mit Waffen herum und betreibt stundenlanges Foreshadowing, was nun als Ersatz für den effektiven Suspense der älteren Folgen herhalten soll.

Das psychologische Feingefühl der ersten Staffel wird an vielen Stellen durch überhöhten High-School-Schnulz und teilweise sogar durch Schülerermittlungen im TKKG-Stil ausgetauscht. Irgendwann münden alle Konflikte in einer kindischen, mit Feelgood-Rock unterlegten Massenschlägerei in den Gängen der Schule.

Es deutet sich trotzdem eine erneute Katastrophe an, die emotionale Wucht der ersten Staffel kann „Tote Mädchen lügen nicht“ dennoch nicht mehr erreichen. Damals wurde anhand der toten Hannah aufgezeigt, wie grausam die Schule, wie ignorant die Gesellschaft sein kann. Und diese muss jetzt eben noch einmal zum Nachsitzen antreten und sich 13 Stunden lang noch einmal die eigentlich schon bekannten Lektionen anhören. Die finale Zuspitzung aller Konflikte fühlt sich in der zweiten Staffel fast wie eine Belohnung für geduldige Zuschauer an, und dadurch im Kontext speziell dieser Serie sehr falsch.

Die allerletzte Szene der Staffel scheint dann aber doch dafür geschrieben worden zu sein, um der US-Jugend einen Schimmer der Hoffnung mitzugeben. Hier erklären wir (Vorsicht: Spoiler) die Sequenz.  Am Tag der Premiere der Staffel ereignete sich in den USA dazu eine Tragödie, die Netflix zur Absage der Premierenfeier der zweiten Staffel zwang. 

„Tote Mädchen lügen nicht“: Staffel 2 ist seit dem 18. Mai auf Netflix abrufbar.

 

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