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Oliver Sim von The xx: „Die Lage ist so beschissen wie Ende der 70er“


ME: Oliver, euer Jahr endete gerade mit einem letzten Gig in Mexiko …

Oliver Sim: … aber schon Anfang 2018 geht es weiter nach Australien, Neuseeland und Asien.

Harte Kalenderplanung.

Ja, 2017 war irre, und 2018 wird zumindest in der ersten Hälfte nicht viel ruhiger.

Gibt’s bei euch erste Abnutzungserscheinungen?

Nein, im Gegenteil, ich brenne darauf, wieder live zu spielen. Wir werden die Shows ein bisschen anders konzipieren; wir haben diese Stücke jetzt drauf und können uns um ein paar andere Dinge kümmern. Außerdem habe ich gerade ein paar Wochen Pause hinter mir, die längste Auszeit, die ich in diesem Jahr hatte.

Wofür hast du sie genutzt?

Für nichts. (lacht)

Was passiert mit dem Gehirn eines Musikers, wenn es nach der Aufnahme einer neuen Platte, der Promo und der langen Tour zur Ruhe kommt?

Mein Gehirn musste sich zunächst daran gewöhnen, dass es tatsächlich nichts zu tun gab. Ich habe die Pause wirklich sehr ernst genommen, habe abgehangen, Serien geguckt, ein paar Filme. Das Gehirn auf null zu stellen – das war das Ziel.

Hast du Musik gehört?

Zunächst nicht. Wenn wir eine Platte aufnehmen oder auf Tour sind, dreht sich alles um Musik. Überall ist Sound. Und wenn mal Ruhe ist, schwirren dir die eigenen Songs im Kopf herum. Abschalten heißt also auch, diese innere Klangtapete auszuschalten. Aber nach ein paar Tagen hatte ich wieder Lust auf Musik.

Auf alte oder neue Sachen?

Ich fand, dass 2017 ein sehr gutes Musikjahr war. Umso mehr freue ich mich darüber, dass wir zum zweiten Mal eure Liste anführen. Ich habe das Album von Perfume Genius gehört, das war schon über das Jahr unser gemeinsamer Soundtrack der Band, nun habe ich es noch intensiver entdecken können. Und dann die neue Platte von The National, die mich sehr gefangen genommen hat.

Die 50 besten Platten des Jahres 2017

The-National-Sänger Matt Berninger sagt, sie sei halb privat, halb politisch. Trifft diese Formel auch auf I SEE YOU zu?

Ich sehe die politische Dimension bei unserer Platte nicht. Obwohl ich keinem Hörer ausreden will, dass es diese gibt, wenn er sie gefunden hat.

Euer zweites Album hieß COEXIST. Siehst du diesen Begriff heute positiv oder negativ?

Eher negativ, er beschreibt, in welche Richtung sich die Beziehungen innerhalb der Band damals entwickelt hatten. Wir existierten nebeneinander. Mich erinnert das daran, was sich in den sozialen Medien abspielt. Ich will diese Netzwerke nicht verteufeln, aber ich habe den Eindruck, viele Menschen interagieren dort – aber fühlen sich eigentlich nicht richtig verbunden.

The xx
The xx beim Loolapalooza Berlin. I SEE YOU ist das Album, das wieder gemeinsames Reden ermöglicht hat, so Oliver Sim.

Was hat sich mit dem dritten Album für euch geändert?

I SEE YOU ist das Album, das wieder gemeinsames Reden ermöglicht hat. Für mich ist diese Platte das Symbol dafür, dass wir den schleichenden Entfremdungsprozess stoppen konnten, der uns auseinanderdriften ließ.

Wie ist das gelungen?

Wir drei kennen uns seit der Schulzeit, sind wirklich untereinander vertraut. Trotzdem war ich nicht in der Lage, diesen Prozess, der uns verändert hatte, zu benennen. Aber ich konnte Songs darüber schreiben. Sie sind mein Beitrag, die anderen haben sie aufgenommen und ihrerseits Texte und Musik geschrieben. Wir haben so unsere gemeinsame Sprache wiederentdeckt. Deshalb wird I SEE YOU für The xx immer eine zentrale Platte bleiben.

Umso schöner, dass sie auch erfolgreich war.

Ich empfinde es als wahnsinniges Glück, von dieser Art von Freundschaftstherapie leben zu können.

Die neuen Songs sagen etwas aus, was du nicht aussprechen konntest: Ist das nicht eigentlich schon eine politische Dimension?

Kann schon sein, ja. Mein Vater hat dazu etwas sehr Tröstliches gesagt. Er meinte, die Zeit heute erinnere an die Punk-Jahre Ende der 70er, damals regierte Thatcher, ihre Politik stank zum Himmel, weltpolitisch war die Erde ein Pulverfass, kurz: Die Lage war so beschissen wie heute. Als Gegenreaktion darauf ist dann eben eine neue Art von Musik und Kunst entstanden.

Nun ist Punk dreckig und roh. Selbst der Protest scheint heute elegant und eher still zu sein …

Ich war vor Kurzem auf einem Konzert von Solange, ihr Album A SEAT AT THE TABLE zählt ebenfalls zu den vielen großen Platten dieser Zeit. Ein Protestalbum, man merkt die Wut auf der Aufnahme – und bei dem Gig spürte ich ihn noch mehr. Solange ist wütend, bleibt aber elegant. Ich finde das großartig. Mir gefällt es, wenn Protest und Schönheit zusammengehen. Vielleicht ist das eine Entwicklung, die das schwierige Jahr 2017 später einmal charakterisieren wird.

Was war denn rückblickend eure schönste Erfahrung in diesem Jahr?

Die Woche, in der wir sieben Tage am Stück in der „Brixton Academy“ gespielt haben.

Ihr hättet auch mit weniger Aufwand eine größere Arena füllen können …

Aber darum ging es uns nicht. Die „Brixton Academy“ war in unserer Jugend ein wichtiger Ort, schon als Kinder haben wir sehnsuchtsvoll auf die Plakate von den Bands geschaut, die dort gespielt haben. Und auch unsere ersten Konzerte haben wir dort gesehen.

Welche waren das?

Mein allererstes Konzert waren The White Stripes. Meine Mutter war Fan, aber keine ihrer alten Freundinnen wollte mit ihr dorthin. Also hat sie Jamie und mich mitgenommen, dafür bin ich ihr bis heute dankbar.

„Kein Krankheits-Talk – sonst enden wir wie Black Sabbath!“

I SEE YOU erschien im Januar. Haben die Songs im Laufe des Jahres ihren Charakter verändert?

„Performance“ hat sich sehr gewandelt, bei den neuen Shows spielt Romy das Stück ganz alleine. Der Song hat sich ihrem Wesen immer mehr angenähert, es ist jetzt: ihr Song. Sehr mysteriös finde ich bis heute „Replica“. Ich mag ihn sehr, will ihn unbedingt auf der Setlist sehen, jedoch: Er lässt sich nicht live spielen, wir bekommen es nicht hin. Als wäre dieser Song ein organisches Wesen, er gibt sich unnahbar und stur. Diese Widerspenstigkeit fasziniert mich.

Und bald stehen neue Shows an. Worauf freust du dich 2018 noch?

Erstens gibt es eine Menge Serien, die ich noch gucken muss. Das kann man gut auf langen Flügen. Ganz oben auf der Liste steht „The Handmaid’s Tale“. Zweitens sind Tourneen mit ein paar Offdays immer eine gute Gelegenheit, um unsere Freundschaft zu pflegen. Wir sind eben nicht nur zusammen in einer Band, sondern weiterhin alte Schulfreunde.

Tony Iommi von Black Sabbath hat erzählt, das sei ein Grund für die Auflösung der Band gewesen: Ozzy und er hätten sich einfach nichts mehr zu sagen gehabt – und als sie nur noch über ihre Krankheiten redeten, kam der Gedanke, dass es Zeit fürs Ende sei.

Absolut traurig, ich kann verstehen, dass das ein guter Grund dafür ist, eine Band aufzulösen. Ich werde Romy und Jamie sagen: Kein Krankheits-Talk – sonst enden wir wie Black Sabbath!

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