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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Popkolumne, Folge 118

Hot girl summer, mein Oasch – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Der Sommer ist da!!! Es wird wieder in Hauseingänge gekotzt, in Sträucher gestrullert und die Ärmel werden kürzer. Gestern trug ich zum Beispiel ein Nicki und hatte die Haare gewaschen! Hot girl shit! Mein ganzer Körper schrie offensichtlich „ICH WILL SEX!“ Verständlich, dass irgendwelche Typen mich anglotzten, anquatschten, mir einer seine Nummer aufdrängte. Nee, Quatsch, das passiert auch, wenn man fettige Haare und Kapuzenpulli trägt. Hab ich wieder einen Bock auf diese Straßenbelästigungen.

Liebe es aber leider viel zu sehr draußen zu sein und Leute zu treffen, Dilemma. Man vergisst (lies: verdrängt) es manchmal im Winter wieder. Dann geht es im Frühling los. Man ist naiv, irritiert, hin und wieder sogar amüsiert. teilt die Erfahrungen mit Freundinnen oder Fremden im Internet. Empörend und schockierend, ja ja. Dann dieser eine Moment, irgendwann im Juli, spätestens August, wo man sich heulend kurz vor seinem Zuhause wiederfindet, weil dieses eine Mal von gerade eben doch nicht so cool an einem abperlen wird, weil es ziemlich brenzlig wurde und es einen an das eine Mal oder die Male erinnert, wo eine Situation komplett außer Kontrolle geraten ist oder fast. Na ja, überleben, weitergehen, Tür abschließen, nächster Winter, nächstes Nicki.

Also sorry, wenn „hot girl summer“ nicht nur Positives in meinem Kopf auslöst, wäre nais, wenn wir einfach geile Klamotten tragen könnten und uns den Sekt gönnen ohne die Typen, aber wie wir das erreichen, erzähle ich euch mal lieber privat.

Hypeenttäuschung der Woche: Bo Burnhams „Inside“

Ich wolltewollte es gut finden, wirklich, ich schwöre! Ich will nicht die sein, die ein beliebtes Kulturprodukt, in dem sich viele liebe Leute wiederfinden, doof findet, echt nicht. Also kaufte ich mir meinen Lieblingssnack, einige Milchschnitten, schenkte mir ein Glas Wasser ein, drückte auf den Netflix-Button der Fernbedienung und los ging es mit dem Special „Inside“ von dem Komiker Bo Burnham. Da war ein junger, weißer Typ, der in seiner Wohnung darüber sprach und sang, dass er ungern rausgeht, Angst hat, viel im Internet ist, dieses uns nicht gut tut und deutete immer wieder an, dass das mit Corona das alles jetzt verschärft und Kapitalismus ein Problem ist und … Ich schlief beinahe ein. Auch wenn es natürlich genial gemacht ist, er hat das ja alles in Eigenregie gemacht, auch mit den Songs (wirklich beeindruckend!!) Aber: Das kenne ich doch alles schon von JEDEN TAG IM INTERNET? Okay, gut, dann hat es halt mal jemand gebündelt thematisiert, okay. Aber auch diese Bündelung gibt es doch schon JEDEN TAG IM INTERNET?

Burnham kann nichts dafür, er stört mich nicht. Es ist die Rezeption, die irritiert. Humoristische Annäherungen an die Themen Kapitalismus, social media, Männlichkeit, Weiblichkeit, Depression und anxiety, das gab es schon so und besser in der Serie „Crazy Ex-Girlfriend“, auf Satireplattformen wie „Reductress“ und bei unzähligen Frauen und queeren Leuten auf Twitter, TikTok und Co. Aber nun hat es ein weißer Typ gemacht und deswegen geht es diesmal die ganze Generation an. Von Leuten, die das nicht sind, wird es immer Nische bleiben.

Das ist auch genau das, was mich an den Twitterstars nervt. Sie wiederholen Witzschemata, die diskriminierte Menschen aus ihren Verletzungen heraus geprägt haben und haben dafür natürlich ein viel breiteres Publikum, weil sie als DER MENSCH und nicht als DIE FRAU o.Ä. wahrgenommen werden. Natürlich sind sich diese Typen dessen auch bewusst, sie sind ja progressiv und cool, also muss auch thematisiert werden. Sie sagen „Ich bin ja auch ein privilegierter weißer Mann, darauf hat die Welt echt gewartet, höhö“ und dann geht es weiter mit ihren Podcasts, Tweets und Specials. Dabei distanzieren sie sich soweit von allem, stehen über allem, dass am Ende alles egal wird und auch das ist dann wieder irgendeine Metaebene. Mich langweilt es so, weil ich dabei nichts fühle. Meine Güte, Jungs, macht halt einfach euren Kram, dosiert eure Selbstironie mal neu und haut raus wofür ihr steht. Und der Rest kann sich fragen, warum wir immer noch nur ein Bild von Generationenvertretern zulassen. Vielleicht ist das ganze Konzept ja auch falsch.

Internet der Woche: Furby Living

Aww, es ist so schön. Auf diesem Instagram-Account werden Popstars und ihre bekanntesten Plattencover zu Furbies gemacht. Ich hatte so ein Vieh nie und finde sie auch saugruselig, aber man kann irgendwie nicht nicht grinsen, wenn man die Ergebnisse sieht? Unter anderem dabei: SOPHIE, Adele, Nicki Minaj, FKA twigs und Lana Del Rey. Dahinter steckt ein schwedischer Künstler namens William Källback Winter. Danke, William Källback Winter. Du hast uns etwas beschert von dem wir nicht wussten, das wir es brauchen, doch es ist so.

Am geilsten finde ich glaube ich dieses Björk-Bild:

 

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Album der Woche:  Olivia Rodrigo – SOUR

Für die meisten scheint es ein Hitalbum auf den ersten Blick zu sein, für mich war es in den letzten zwei Wochen eher ein „Grower“. Zu kindisch war selbst mir die Thematik des Liedes „Drivers License“, das die erste Single von Rodrigo war, die ich mitbekommen hatte. Sie hatten sich so gefreut, dass sie den Führerschein macht, aber jetzt fährt sie allein rum? Ich hab keinen Führerschein und wollte nie einen, ich kann mich damit nicht identifizieren. Dann das Lied „Good 4 U“ und ich dachte mir, als wär ich meine eigene Mutter: Ja, nett, aber das gab es doch schon zu meiner Zeit. Kelly Clarksons „Since U Been Gone“ Teil 2, oder was?

Und dann kam das Album. Viele sagen ja, dass keine Sau mehr Alben hört, aber hier lohnt es. Es ist einmal ein kompletter Liebeskummer mit allen peinlichen Gedanken (Eifersucht, Rachegedanken, eigene Unzulänglichkeiten, Billy Joel) die man dabei hat, nur dass sich Rodrigo nicht schämt, sie auszusprechen. Und plötzlich funktionieren die Singles für mich komplett und laufen hier seit Tagen auf repeat. Auch richtig toll ist der Song „1 step forward, 3 steps back“, in dem es um eine ungesunde Beziehung geht, in der man Spielball der Launen des anderen ist. Und dann ist da noch der Opener „Brutal“, indem Rodrigo daran erinnert, dass man mit 17 ganz bestimmt nicht die Zeit seines Lebens hat, sondern wahnsinnig unsicher ist und sich das meiste ziemlich scheiße anfühlt. Hoffentlich verrät ihr niemand, dass sich das in Bezug auf Liebeskummer nicht mehr ändern wird.

Zur rassistischen Dummheit der Woche

Aaalso: Teyana Taylor wurde von der Zeitschrift Maxim zur „Sexiest Woman Alive“ gekürt. Auch wenn es sich um eine misogyne Quatschauszeichnung handelt, ist es natürlich bemerkenswert, dass diese Auszeichnung zum ersten Mal eine Schwarze Frau erhalten hat. Also bemerkenswert im Sinne von wasfüreinebekackteWeltbewohnenwireigentlich. Jedenfalls: Taylor, die ohne Frage großartig und wunderschön ist, freut es, also alles gut. Dann bekamen Medien eine große Herausforderung: darüber berichten und die Berichte bebildern. Klingt erstmal alltäglich. Ich würde jetzt denken, man guckt bei dpa oder imago oder was, gibt da den Namen der Künstlerin ein und holt sich dort das Bild für den Artikel. Aber offenbar kann dabei etwas schiefgehen. Klar, manchmal sind Bilder falsch getaggt. Nur könnte es einem vielleicht schon auffallen, dass man die völlig FALSCHE Person erwischt hat? So geschehen bei ein paar deutschen Medien im Fall von Teyana Taylor (die nun wirklich kein geheimer Indiestar ist):

Schludrigkeiten können natürlich passieren, sie passieren jedoch besonders häufig, wenn die abgebildete Person nicht weiß ist. Weil: irgendeine Schwarze Frau? Wird schon passen. Muss man nicht googlen. Oder kennen.

Also los. Nachsitzen. Taylors Musik anhören. Videos gucken. Gesicht einprägen:

Nö Angels

Regelmäßige Leser*innen der Kolumne könnten es schon bemerkt haben: Meine Ansprüche an Popmusik sind nicht die höchsten. Ich mache jeden Scheiß mit, mir kann man Vieles andrehen. 20, das Jubiläums-Album der No Angels, ist aber selbst mir zu schäbig.

Wenn ihr schon so scharf auf Kohle seid (vollkommen verständlich!), verarscht mich bitte besser. Gebt mir wenigstens einen guten neuen Song, wenigstens eine gute neue Version eurer alten Hits, wenigstens eine kalkulierte Gefühle auslösende Produktion. Stattdessen: nichts. Wirklich nichts. Keine Neuauflage ist besser oder nur annähernd gut wie eine Alte, kein neuer Song bleibt hängen. Ihr wollt nur unser Geld!!! Habe ich mir trotzdem Tickets für das No-Angels-Konzert nächstes Jahr in Berlin besorgt? Ja.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Koksspaß und Bumslaune – Paulas Popwoche im Überblick
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