Popkolumne, Folge 117

Schweighöfer und das Ende der Pandemie: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick (und am Limit)


In unserer Popkolumne präsentiert Linus Volkmann im Wechsel mit Paula „Ich glaube, ich muss cornern“ Irmschler die High- und Lowlights der Woche. Die Zeilen zur Kalenderwoche 22 können dabei direkt in den Bierhelm diktiert werden - denn Pandemie scheint ja over, oder? Es geht ansonsten um Zombies, Finna, Antilopen Gang, Fortuna Ehrenfeld, Tour D’Amour und einiges mehr. 

LOGBUCH KALENDERWOCHE 22/2021

Wann hat man eigentlich die „Tagesschau“-Ausgabe verpasst, in der das Ende der Pandemie verkündet wurde? Es muss sie gegeben haben, auch wenn ich sie in der Mediathek nicht finde. Denn hier auf den Straßen begehen Mensch, Tier und Maschine ein großes Fest nach dem anderen. Das dürfte in eurer Siedlung doch vermutlich nicht viel anders sein? Und so ist man drinnen im eigenen Turmzimmer nun hin- und hergerissen: Soll man heißes Pech die Burgzinnen herabrinnen lassen oder doch jetzt sofort mit Bierhelm statt Maske rausgehen?

Meine persönliche Entscheidung: besser Abwarten, das „Mit Leuten zusammen sein“-Ding habe ich mir ohnehin gerade erst mühsam abtrainiert. Dann lieber den Probemonat von der nächsten Screaming-Halde, um diese „Friends“-Reunion auf Sky zu schauen, die irgendwo zwischen Nostalgie-Overload und Fremdscham flimmert.

ZOMBIE DER WOCHE: „ARMY OF THE DEAD”

Zum Geleit: Natürlich liebe ich Zombies, ich meine, ich arbeite ja auch in der Musikbranche, in der fast noch jeder untote Musiker, der vor 40 Jahren mal einen Hit hatte, mit einem Best-Of-Album „geehrt“ wird. So war mir natürlich klar, dass ich den neuen Film auf Netflix von Regisseur Zack Snyder schauen wollte. Ein Film, dessen Titel „Army Of The Dead“ bereits wenig subtil an das Wording von „Altmeister George Romero“ („Grabstein Heute“) anschließt, dessen Klassiker unter anderem „Dawn Of The Dead“, „Land Of The Dead“, „Diary Of The Dead“ und so weiter heißen.

2 Stunden und 28 Minuten später…

Also, der Plot von „Army Of The Dead“ erinnert an eine Mischung aus „Asterix“ und „Ocean’s Eleven“: Die ganze Welt wird von Menschen bevölkert. Die ganze Welt? Nein, ein kleines Dorf in der amerikanischen Wüste (Las Vegas) trotzt dieser Hegemonie. Hier regieren neuartige halbclevere Zombies. Eine Gruppe menschlicher Draufgänger – bestehend aus unterschiedlichen Experten – muss in dieses untote Gallien nun nochmal rein, um Geld aus einem schwer gesicherten Casino-Tresor zu holen.
Klingt angenehm bekloppt, oder? Ist nur leider im Ergebnis tatsächlich ein knallbuntes Zombie-Bonbon geworden. Eines, das an allen Enden irgendwie nach Fuß riecht.

Das größte Defizit stellt dabei sicher ein viel zu großes Figuren-Ensemble dar. Um die seltsame Untoten-Eingreif-Gruppe (mit „unserem“ Matthias Schweighöfer, siehe auch „Meme der Woche“ in dieser Kolumne) aus knapp einem Dutzend teilweise recht ähnlicher Charaktere zu erzählen, bräuchte man den Raum von mindestens einer Staffel „The Walking Dead“. Auf Filmlänge muss das natürlich zu einer Nummernrevue schmelzen, bei der man die teils kitschigen, teils trashigen Backstorys im eigenen Hirn-Cache gleich wieder löscht, denn schließlich ahnt man, dass nicht gerade viele der Protagonisten durchkommen werden… So ist es dann ja auch.

Als Schauwerte-Porn und Materialschlacht besitzt „Army Of The Dead“ immer wieder unterhaltsame Passagen – aber Plot, Figuren und die kognitiv aufgebrezelten Zombies kriegt Snyder einfach nicht flüssig erzählt. Was unter’m Strich schade ist, denn das hier hätte für einen Genre-Film richtig geil werden können, biegt dafür aber einfach zu oft und zu konsequent falsch ab.

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DAS INTERVIEW DER WOCHE: FINNA ÜBER „TOUR D‘AMOUR“

Man sieht verkürzte politische Statements in Insta-Slides, sie werden natürlich nicht selbst verfasst, sondern repostet und finden sich wieder irgendwo zwischen zwei Memes gepackt. Diese Form von „politischem“ Insta-Storytelling gehört mittlerweile zum ernüchternden Social-Media-Erlebnis einfach dazu. Umso schöner, dass es in all diesem grellen wie folgenlosen Hashtag-Aktivismus auch Leute gibt, die sich nicht zufrieden geben wollen mit wohlfeilen Kacheln aus zweiter Hand. Mit der Hamburger Rapperin Finna spreche ich über die „Tour D’Amour“, die diese Woche schon in die zweite Runde geht – und die sich ganz analog und konkret einmischt.

Liebe Finna, schön, dass Du Zeit hast für ein paar Fragen. Also, wer’s noch nicht kennt, was ist „Tour D’Amour“?

FINNA: Die „Tour d’Amour“ nutzt die durch Corona brachliegende Club-Struktur als aktives Solidaritäts-Netzwerk für Schutzsuchende an den EU-Außengrenzen. Wir fordern die sofortige Evakuierung der Lager, den sofortigen Stopp der Aufnahmeblockade der Bundesregierung und dass Menschenrechte auch für alle Menschen gelten. Da dies im Moment noch sehr weit von der Realität entfernt ist, sammeln wir mit Hilfe des Bündnisses #grenzenlosehilfe und der Kampagne #leavenoonebehind bundesweit in Clubs Sach- und Geldspenden und verschaffen durch die über 200 supportenden Artists unseren politischen Forderungen Gehör.

Das Projekt wird von den unterschiedlichsten Personen gestützt. Was eint Euch mit der „Tour D’Amour“?

FINNA: Wir wollten alle nicht mehr tatenlos zusehen, während Menschen an den europäischen Außengrenzen entrechtet werden und nicht mal die allernötigsten Grundbedürfnisse in Bezug auf Hygiene, Essen und Privatsphäre gedeckt bekommen. Wir möchten die Menschen in den Lagern unterstützen, aber auch diese Tour wieder nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, was dort gerade an Menschenrechtsverletzungen täglich stattfindet. Die deutsche Politik muss endlich handeln und sich für die sofortige Evakuierung der Lager einsetzen, denn wir haben Platz genug.

Was sind Deine persönlichen Erinnerungen an die erste „Tour D’Amour“?

FINNA: Ich persönlich fand es krass, dass wir es nach ewig langer Planung geschafft haben unsere Idee tatsächlich erfolgreich in die Tat umzusetzen und wie viele wunderbare Menschen, Organisationen, Artists und Clubs uns geholfen haben alles zu realisieren! Doch gleichzeitig hat es mir gezeigt, dass es nicht reicht, „einfach“ eine Aktion zu machen und dann ist gut, sondern wir alle aufgefordert sind weiterhin solidarisch zu handeln, damit sich endlich was ändert.

Über diese Initiative konnten zuletzt 1300 Kartons an Sachspenden und 50.000 Euro gesammelt werden. An diesem Samstag, 5. Juni 2021, werden in 13 Clubs – von Rostock bis Augsburg – Sachspenden für die Lager entgegen genommen. Was genau gebraucht wird und wo die Tour Station macht, erfahrt Ihr hier: https://tourdamour.eu/informationen/

VIDEO DER WOCHE: FORTUNA EHRENFELD

Selbst als beinharter Kolumnist kommt man ja doch nicht ohne Feelings aus. Mein sogenannter Soft Spot ist dabei alles, was Martin von Ehrenfeld mit seiner Band macht. Ich habe aufgegeben, mir das abtrainieren zu wollen und umarme es stattdessen. Der jüngste Clip von Fortuna Ehrenfeld soll dabei eine Persiflage auf das Prinzip Rock-Oper sein, aber wer mag (wie ich), kann das alles auch 1:1 nehmen. Auch wenn Fortuna Ehrenfeld einen dann am liebsten mit der Stola auspeitschen würden…

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FANZINE DER WOCHE: Hansa Zeneca

Er ist Labelmacher, Punk-Entrepreneur, Fanzine-Survivor und nicht zuletzt: Mensch. Maks Rilkowski aus dem Ruhrgebiet. Sein jüngstes Heft verbindet im Titel bereits Impfbock mit preiswertem Szenebier – und so ähnlich sieht es dann auch drinnen aus. Es geht um Punk, Saufen, Musik – aber das eben alles auch vor einer emanzipierten Kulisse. Maks lässt schreiben über die vielleicht wichtigste Kölner Band des neuen Jahrtausends, Mülheim Asozial („Dir fällt‘n Bier auf‘n Boden, ey die Hunde!“), und interviewt selbst die fünf Musikerinnen von Pussyliquor aus Brighton und Lola Rosa, die von AZ-Bühnen wie von der eigenen Transition erzählt. Dazu kommt viel Tagebuch-artiges und alles ist immer schön in Courier New gehalten. Dass viele Wege zur Aufklärung führen, beweisen diese 72 Seiten voller Fun und Weltverbesserung für 2,50 Euro. Zu beziehen unter www.rilrec.de.

PODCAST DER WOCHE (#06): UND DANN KAM PUNK

Apropos, wenn ich eh schon beim Thema Punk bin… Zwei freundlich freche Dudes (Christopher und Jobst) laden sich in diesem Podcast Gäste ein, deren Punk-Sozialisation in epischer Breite offengelegt und diskutiert wird. Oft geht es übersteuert (inhaltlich und vom Sound her) los, findet dann aber recht schnell einen guten Flow und den richtigen Ton. Die Auswahl der Gäste und die undogmatische Haltung der Hosts tut ein Übriges, dass man in „Und dann kam Punk“ oft komplett reingesogen wird. Zuletzt habe ich tatsächlich den mehr als drei Stunden dauernden Talk mit Koljah und Panik Panzer von der Antilopen Gang gehört – und am Ende gedacht, ach, die vierte Stunde hätten sie von mir auch auch noch voll machen können. Zudem tauchen auch viele Frauen in der Gästeliste auf, auf so viele weibliche Protagonistinnen wie „Und dann kam Punk“ in zwei Dutzend Ausgaben kommt das Punker-Magazin Ox in einem ganzen Jahrgang kaum. Das ist – gerade in diesem etwas betagten Genre – echt schon eine Leistung.

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MEME DER WOCHE

DER VERHASSTE KLASSIKER: THE WHITE STRIPES

The White Stripes, das ist spannende Konzeptkunst in R.O.C.K.! Das sind die Musiker:innen Jack White und Meg White – ein genialisches Paar, das mega fresh diesen vorher unbekannten Colour Code Rot/Weiß auf sich anzuwenden weiß.

So oder ähnlich lehrten es einem leicht schorfige Lehramtsstudenten, mit mäßig sitzender Jeans und Frisur auf irgendwelchen WG-Partys in den Nuller Jahren.

Man selbst wollte das alles gern glauben. Schließlich lag in jener Epoche jener frühen Nuller das Thema Rock komplett in Scherben. Oasis hatten gerade ihr schimmliges STANDING ON THE SHOULDER OF GIANTS veröffentlicht, frickelige Laptop-Elektronik galt als cool und HipHop in Form von selten lustigem Penis-Reeanctement à la Massive Töne, Afrob oder Eimsbush stand noch höher im Kurs.

Um in dieser Kulisse als Retter des Rock herzuhalten, benötigte es also eher wenig – und genau das brachten die White Stripes mit.

Jack White und Meg White sollten gleichsam Eheleute wie auch Geschwister sein – was allerdings keine perfide Kritik an Ehe oder Familie darstellte, sondern lediglich ein bloß halbherzig verfolgter PR-Stunt war. Der Mann jedenfalls laberte stets Bedeutsames, die Frau dagegen schwieg beharrlich – auch insofern konnte sich der Rock-Fan in der Welt dieser Band wiederfinden. Der trockene Sound und die kantige Rhythmik galten als sperrig, was sehr wichtig fürs Image der beiden war. Schließlich möchte man sich als Rock-C.O.N.N.A.I.S.S.E.U.R. immer auch ein wenig exklusiv fühlen, immer auch ein wenig besser sein als die einfachen Gitarren-Heinis mit Bierzeltrock-Hintergrund. Nein, man hatte schon Geschmack als White-Stripes-Hörer. Das war nicht einfach grundstumpf, sondern minimalistisch. Und – wer weiß? – am Ende des Tages möglicherweise große Kunst.

So große Kunst, dass „Seven Nation Army“ bald auch in Fußballstadien lief. Natürlich nur bei besonders sperrigen, minimalistischen Toren, immer dann wenn Scooter einfach zu prollig gewesen wäre. Diese Band steht für das etwas coolere Schunkeln ab einem Promille aufwärts. Tja, und so offenbart sich das vermeintlich so stilbildende wie einmalige Rot/Weiß von The White Stripes bei aller Inszenierung eben doch nur als Pommes Schranke.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

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Koksspaß und Bumslaune – Paulas Popwoche im Überblick