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Popkolumne, Folge 82

Pizza Hawaii, Dream Nails und Sex: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von


BEVOR ES LOSGEHT: LESBOS / MORIA

Es musste erst in Flammen stehen, um wieder in den Blickfeld Europas zu rücken. Die Geschehnisse um das Auffanglager Moria auf der Insel Lesbos lassen die Hilf- und Empathielosigkeit bezüglich der Geflüchteten-Schicksale gleichermaßen spüren. Bei einer Erhebung auf abgeordnetenwatch.de kann man sehen, wie die einzelnen Parlamentarier in der Frage gestimmt hatten, Geflüchtete aufzunehmen. Das Ergebnis wird euch (nicht) überraschen – und steht in etlichen Fällen im direkten Kontrast, wie sie sich jetzt gerade wohlfeil zugunsten der Betroffenen äußern.
Doch vor dem Rechner resignieren rettet auch keinen, ein paar Euro mögen nicht die Lösung sein, aber in der Summe sind sie eine konkrete Hilfe. #leavenoonebehind

Zum Beispiel hier: www.proasyl.de/spenden/

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 37/2020

Kochen mit Ananas. Wer hätte gedacht, welche Brisanz in diesem Thema steckt? Die ganzen hysterischen Memes über die vermeintliche Obszönität von Pizza-Hawaii-Konsum haben zumindest mich an schlechten Tagen im Netz (und davon gibt es viele) aufgeheitert. Ein frecher Koblenzer YouTuber (@Mutantelevision) hat zu diesem Internet-Phänomen nun eine äußerst unterhaltsame Mockumentary beigesteuert. Ich habe darin einen Cameo-Auftritt als Koch abbekommen, wurde sinnentstellend geschnitten und zum Obst gemacht. Aber für einen guten Gag ist kein Preis zu hoch.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: LYDIA MEYER

Kann mich noch an meine Aufklärung erinnern, die bestand ganz klischeehaft für die damalige Zeit aus BRAVOs Doktor Sommer und den paar Random-Stunden Sexualkundeunterricht in der fünften und sechsten Klasse. Besonders ergiebig war das jetzt nicht. In „Sex und so“ (200 Seiten, 11,99 EUR) erfährt man, dass es der Autorin Lydia Meyer (@meyermeyermeyerrr / u.a. tätig für den Video-Blog „Auf Klo“) nicht viel anders erging. Aus diesem Defizit hat sie nun bei Ullstein ein buntes und inklusives Aufklärungsbuch auf der Höhe der Zeit rausgebracht. Mit Zeichnungen von Clara Fridolin Biller (@fffridolin_). Doktor Sommer war ja einst nur eine eher creepy Chimäre, Lydia Meyer dagegen ist real, lest selbst:

Lydia, wenn man Dir vor zehn Jahren gesagt hätte, 2020 kommt dein Aufklärungsbuch raus, hättest Du damals gedacht: „Klar, natürlich läuft alles darauf hinaus!“ oder eher „WTF?“
LYDIA MEYER: Vor zehn Jahren hab ich im dritten Semester Kulturwissenschaften studiert und war fest davon überzeugt, damit eh nie irgendwas anfangen zu können. Also ja, WTF hätt ich wohl gedacht, wenn man vor zehn Jahren schon WTF gesagt hätte. Allerdings hielt ich 2010 auch zum ersten Mal ein „Missy Magazine“ in der Hand und habe angefangen, mich mit queerfeministischen Themen auseinanderzusetzen. Aber ja, ehrlich gesagt: WTF. Denk ich immer noch.

Das Buch ist die Antithese zu dem Ausschluss, den klassische Aufklärungsbücher produzieren. Hast Du beim Schreiben Sorge gehabt, auch selbst etwas zu übersehen?
LYDIA MEYER: Klar, die Sorge hab ich immer noch und die ist auch berechtigt. Ich bin kein schwuler Mann und keine trans Frau, ich kann nicht für eine Person sprechen, die inter ist und auch nicht für eine, die sich vor einer konservativen Familie geoutet hat. Ich hab mir also ein paar Leute dazugeholt, die mir von ihren Coming Outs, ihren Menstruationspannen oder ihren Operationen erzählt haben, und habe Umfragen im Freundeskreis gestartet, nach Peniswaschtipps gefragt oder was man am besten gegen ungewollte Erektionen tut. Vollständig ist das Buch aber trotzdem auf keinen Fall und es gibt tausend weitere Dinge, die da rein gehören. Aber es ist vielleicht ein Anfang.

Was hast Du bei der Arbeit an dem Buch über Sex gelernt, was du noch nicht wusstest vorher?
LYDIA MEYER: Ich habe die Pubertät noch mal ganz anders zu betrachten gelernt. Dieser krasse und intensive Verwirrungszustand, in dem ganz viel passiert und alle Gefühle durcheinander fliegen und irgendwie aber auch alles möglich und alles erlaubt ist. Wenn da nicht diese Erwachsenen wären. Und diese Heteronormativität. Und dieses Zwei-Geschlechter-System. Wie starr das ist und welche Rolle Sprache dabei spielt, hab ich bei der Arbeit am Text auch noch mal krass gemerkt: dass der Begriff nicht-binär zum Beispiel nur durch diese Verneinung funktioniert und dass etwas außerhalb von „m“ und „w“ scheinbar so schwer vorstellbar ist, dass der Begriff dafür nur funktionieren kann, indem dem ein „nicht“ davor gesetzt wird, finde ich schon crazy. Das ist nichts Neues und mit Binarität habe ich seit meiner Kindheit Probleme, aber wenn man dann selbst so einen Text schreibt, der an Binarität eigentlich vorbeisneaken und möglichst viel umfassen möchte, fällt einem die Begrenztheit der deutschen Sprache noch einmal stärker auf.

FILM DER WOCHE: „KINGSMAN – THE GOLDEN CIRCLE“

Dieser Franchise explodiert gerade. Zurecht. Nach dem Überraschungserfolg von Teil 1 im Jahre 2014, kam drei Jahre später diese Fortsetzung hier – und das Prequel ist bereits angekündigt für 2021. Fun Fact: Den ersten Teil habe ich lange Zeit nicht geschaut, weil ich ihn auf Netflix für „The King’s Speech“ hielt – und ja, ich habe eine Aufmerksamkeitsstörung, wieso fragt ihr?
Anyway, mit etwas Verspätung bin ich also auf den Hype des ersten Films eingestiegen – und nun steht „The Golden Circle“ also auf Netflix. Ob er die hochästhetische Materialschlacht des Originals würde neu interpretieren können? Die Antwort dürfte große Teile der Bevölkerung verstören: Er kann diese sogar noch überflügeln.

Der britische Super-Agent mit Schirmmütze und Cockney-Charme Eggsy (Taron Egerton) sieht sich der fast völligen Vernichtung seiner Secret-Intelligence-Behörde mit Schneiderei-Background ausgesetzt, die amerikanische Dependance (mit Whiskey-Fabrik-Background) springt ein. Der Rest ist betörend comichafte Gewalt, als wären „Itchy und Scratchy“ zu einem Bondfilm geronnen. „Kingsman“ ist mit diesem Teil DER State-Of-The-Art-Agentenfilm gelungen, das hier ist der Rebirth of Cool. Da wird kein 007 mehr dran kratzen können.

ALBUM DER WOCHE: DREAM NAILS – „Dream Nails“

Extrem destillierter Punkrock mit dem Uplifting-Stakkato von Le Tigre – hier ist wirklich nicht mehr viel Platz für den dritten Refrain oder kunsthandwerklichen Scheiß auf der Gitarre. Das sind Dream Nails aus London, das ist pointierte Musik mit Haltung und Stil. Neues Album jetzt auf bandcamp (und darüber hinaus).

VIDEO DER WOCHE: TOMAS TULPE

Schräger Pop als Kunstform, das hat die Menschen schon zu Zeiten des Düsseldorfer Dada-Labels Atatak in den 80ern gekickt. Nun, vielleicht nicht DIE Menschen, aber doch eine stattliche Zahl von Nerds mit Blick fürs Detail und fürs Skurrile. Der Berliner Tomas Tulpe hätte gut in diese Welt gepasst. Etliche Jahrzehnte später fabriziert er trashige kleine Pop-Hits und liebevoll durchgeknallte Videos in erstaunlicher Menge. Seiner jüngsten Platte „Der Mann im Pfandautomat“ (Bakraufarfita Records) entreißt er immer noch weiteres Oktavbass-Katzengold und so erscheint jetzt „Bier auf’n Weg“ als Clip. Wer mit besoffenen Kinderliedern und höllischem DIY-Charme etwas anfangen kann, dem kann man kaum anderes empfehlen. Ich lieb’s total.

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.14): CRASH TEST DUMMIES

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 14:
Crash Test Dummies

HERKUNFT: Winnipeg (Kanada)
DISKOGRAPHIE:
Neun Studio-Alben und 4 Live- bzw. Best-Of-Platten

ERFOLGE: Deutschland liebt kitschige Folk-Bands. Zumindest ereilte das Schlüssel-Stück „Mmm Mmm Mmm Mmm“ der Crash Test Dummies in keinem anderen Land ein Nummer-Eins-Hit, in Deutschland schaffte dies auch noch das dazugehörige Album „God Shuffled His Feet“. Der weltweite Erfolg bleibt trotz des Peaks in unseren Bockwurst-Charts unbestritten. Die Platte erhielt drei Grammy-Nominierungen und setzte über 5 Millionen Exemplare ab.
TRIVIA: „Dumm und Dümmer“ – Die Band steuerte eine Coverversion („The Ballad Of Peter Pumpkinhead“ im Original von XTC) zum Soundtrack jenes Films mit Jeff Daniels und Jim Carrey bei. Gesungen wurde er von Keyboarderin Ellen Reid.

PRO
In den frühen Neunzigern war Grunge das Maß aller Dinge hinsichtlich Gitarrenmusik. Die Crash Test Dummies fischten an den Rändern des Sounds und holten hiermit auch konservativere Rockhörer in ein Beiboot des Zeitgeistes.

CONTRA
Würde der Englischlehrer, der auch die Theater AG leitet und so sackartige Jeans trägt, einem sagen, er habe eine Band… in den Neunzigern hätte sie garantiert so geklungen. Crash Test Dummies, das war die völlige Abwesenheit von Cool und ein Geruch von Fuß, der immer wieder herüberwehte.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

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