Arca KICK ii / KicK iii/ kick iiii


XL/Beggars (VÖ: 2.12.)

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Ist das Noise im Pop-Pelz? Oder Pop im Noise-Nerz? In jedem Fall ein wilder Ritt auf einem Trojanischen Cyborg-Pferd. Dieses Triptychon, oder man sollte wohl besser sagen: Triumvirat aus den zeitgleich erscheinenden KICK II, KICK III und KICK IIII ist das kolossale Bombast-Bauteil für Arcas endgültige Superstar-Werdung.

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Abzusehen war diese 2015, als Arca das Meisterinnenwerk VULNICURA von Björk (die ihrerseits Arca animierte, doch mal zu singen – welch ein Glück!) produzierte, nur bedingt: dass Arca Arthouse und Autorinnen-Techno draufhat, wurde an den ausgeklügelten Beats, die sie auf Björks filigrane Streicher legte, schon klar. Aber dass sie auch Chartspop kann wie nun mit Sia in „Born Yesterday“, der Vorab-Single zu KICK II? Surprise!

Sound-Feuerwerk, Sex und Suspense

Wobei die feinfiletierenden Beat-Salven, die Alejandra Ghersi Rodriguez, 32, alias Arca, gleich zu Beginn von KICK II abfeuert, ohnehin jede binäre, also dualistische Trennung zwischen Innen und Außen, Mainstream und Nische, Oberfläche und Kern wegballern. Wie ein perfekter Blockbuster-Film (der alle abholt, nicht weil er gefällig ist, sondern weil er alles zusammendenkt) liefert der auch von vorneherein als Vierteiler konzipierte KICK viel Sound-Feuerwerk, Sex und Suspense, aber verliert dabei nicht das Timing für stillere Momente aus den Augen, pardon, Ohren.

Immer wieder schält Arca Songs, ach was, Superhits aus ihren arty Klangkunsttexturen heraus, um damit von Transformation, wohl auch ihrer ganz persönlichen Transformation zur nichtbinären Trans-Frau zu erzählen. Oft weiß man nicht: Sind wir noch ausschweifend auf der kinky Kickdrum-Sexparty, Kastagnetten-klackernd in der futuristischen Flamenco-Arena oder schon beim Abspann im psychedelischen Pornokino spät nach Mitternacht = kurz vor Frühstück auf Freuds Sofa, oder hören wir amorphen Androiden dabei zu, wie sie 4D-Klang-Tetris spielen?

Ein tollkühner Ritt auf dem Reggaeton

Eine gewisse Struktur lässt sich aber doch erkennen; so man denn analysieren und nicht nur der Hypnose anheimfallen will: Nachdem KICK I (2020) als Exposition schon mal das ganze Klangspektrum aufgefächert und viele Themen angetriggert hat, ist KICK II ein tollkühner Ritt auf dem Reggaeton, dieser (traditionell nicht eben für seine Queerphilie berühmten) Tanzlokal-Mixtur aus Reggae und HipHop, die auch Arcas Teenagerjahre in Venezuela den Klangstempel aufgedrückt hat.

Notiz am Rande: Auch der andere große Superqueero, Lil Nas X, krallt sich zurzeit Reggaeton-Zutaten. Doch geht es Arca mitnichten darum, mit ihrer Herkunft abzurechnen – sondern sie umarmt sie geradezu und spannt sie dann für ihre Zwecke ein; wie auch, wenn sie die traditionelle Folklore-Reibtrommel Furruco spielt, der sie, wie es sich gehört, per Stab brummende Sub-Bass-Sounds entlockt.

Ein 1A-Gespür beweist Arca auch bei der Wahl ihrer Feature-Gäste

KICK III, der widerspenstigste Part, steigt in die queeren Kellerclubs – wo Arca ja auch einst ihr Handwerk gelernt hat, bis (so munkelt man) selbst das Berghain ihre exorbitanten Gagen nicht mehr zahlen konnte und Arca stattdessen öfter auf Haute-Couture-Catwalks anzutreffen war. Ein 1A-Gespür beweist Arca auch bei der Wahl ihrer Feature-Gäste (schon auf KICK I erste Sahne: Björk, Sophie und Rosalía). Stellvertretend seien diesmal die Duette mit Planningtorock und No Bra genannt. Spätestens seit Beyoncés LEMONADE (2016) wissen wir: Zum Megastardasein gehört auch die Kunst zu kuratieren.

All dies ist aufregend, dringlich und ein gigantischer, ja, Klang-Blockbuster, der einen unglaublich euphorisieren kann – und den Begriff Popstar völlig neu definiert. Eine seichte Fahrt ist all dies meistens nicht. Man muss sich die feierlich-kuschelige Katharsis, die sich im finalen KICK IIII einstellt, gemeinsam mit Arca erkämpfen, que(e)r durch Klippen, Klappen und Kaskaden.


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