Bosse Alles ist jetzt


Vertigo/Universal (12.10.2018)

Hey, die Metapher war doch gut! Also, warum nimmt man sie nicht gleich zwei Mal? Der Hüftschwung, der zurückkommt, als Bild für neue Lebensfreude, den benutzt Bosse auf seinem neuen Album sowohl in „Ich warte auf Dich“ als auch im Titelsong von ALLES IST JETZT.

Diese Lebensfreude „schmeckt nach Rotwein und Zungenkuss“ oder klingt nach Rollkoffer auf Asphalt, den der Protagonist von „Wanderer“ hinter sich herzieht, während er um Sympathie für seine Verbürgerlichung wirbt. Wahlweise wird sie auch gewürzt mit griffigen Weisheiten wie „Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht“. Man darf das als inhaltliches Programm identifizieren, denn gleich zum Auftakt des Albums hatte der niedersächsische Liedermacher getönt: „Ich habe gelernt, das Leben zu genießen.“

ALLES IST JETZT ist also fest im Griff des Hedonismus, auch wenn der oft getarnt daherkommt als leicht esoterische, irgendwie linke, windelweiche Manufaktumwohlfühligkeit. Ja, man kann sich gut vorstellen, wie Tausende Festival­besucher, die Mate-Flasche in der Linken, das Ablass-Afro-Food vom Geflüchteten-Stand in der Rechten, mitsingen: „Was du träumst, das musst du machen, all die besten Supersachen, alle machen, alle machen!“

Selbst wenn Bosse in „Robert de Niro“ politisch wird und über „den Nazi-Scheiß“ singt, dann sind die Beobachtungen oberflächlich und die Einsichten gefühlig: Als Fazit wähnt er sich bloß „im falschen Film“. So wie die Texte macht sich auch die Musik auf vom Indie-Rock zum Mainstream-Pop und verbreitet einen nachgerade zwanghaften Optimismus.

Selbst die Melancholie des Heimaturlaubs verkommt in „Hallo Hometown“ dermaßen zum Pathos, dass man Aki Bosse fast mit Thees Uhlmann verwechseln könnte. Aber das Pathos des Tomte-Chefs ist gnadenlos, eine Haltung mit Leidenschaft, das von Bosse wirkt im Vergleich verklemmt und wie in Weichspüler getaucht.

Hier kannst du „ALLES IST JETZT“ von Bosse bestellen.

ALLES IST JETZT hier im Stream hören:


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