Caribou Our Love


City Slang/Universal

von

Man kennt Dan Snaith unter vielen Namen. Seine ersten beiden – noch etwas richtungslosen – Platten veröffentlichte der heute 36-jährige Kanadier Anfang der Nullerjahre unter dem Projektnamen Manitoba. Erst nach einem vom Sänger der US-Punk-Band The Dictators, Richard „Handsome Dick“ Manitoba, erzwungenen Namenswechsel kam Leben in die Sache. Dan Snaith spielte ab dem Jahr 2004 als Caribou psychedelisch aufgeladene Folktronica, die man so vorher noch nicht gehört hatte.

Im Lauf der Zeit und der weiteren Alben wurde die Caribou-Musik mehr und mehr tanzbar. Vorläufiger Höhepunkt: das 2010er-Album SWIM – damals die Konsensplatte bei Kritik und Publikum und die liebste Elektronik-Platte für Menschen, die sonst eher Gitarrenbands hören wollten. Gleichzeitig intensivierte Snaith, der im Leben außerhalb der Musik mit einem Doktor der Mathematik ausgestattet ist, die elektronischen, clubbigen Feldversuche unter dem Alter Ego Daphni. Diese mit Afro-Funk und Disco infizierte House-Musik trug er gern bei achtstündigen DJ-Sets in die Welt, mit diversen 12-Inches und 2012 dann mit dem Album JIAOLONG. Das war formal zwar „nur“ eine Sammlung von Vinyl-only-Tracks, inhaltlich aber war es der Ausweis der sich diversifizierenden elektronischen Musik zur Wende der Jahrzehnte, Musik, die gleichermaßen funktional und deep sein wollte. So wie die Musik von Snaiths Freund Kieran Hebden alias Four Tet, die in die gleiche Kerbe schlägt.

Die Aufgabenverteilung war bisher also klar: Caribou, das Einmann-Studio- und Band-Live-Projekt für elektronisch infizierte (weitgehend vokale) Musik, die für den Publikums-Crossover gemacht war; Daphni, das Einmannprojekt mit elektronischer (weitgehend instrumentaler) Musik für den Club-Kontext. Das vierte Caribou-Album, OUR LOVE, nun bestätigt den Anfangsverdacht, den die Schon-lange-vorab-Single, der Soundcloud-Wundertrack „Can’t Do Without You“ (bei Redaktionsschluss mehr als 1,3 Millionen Mal gespielt), angedeutet hatte: Die Caribou- und Daphni-Musiken nähern sich an, finden zuei-nander, die Grenzen verschwimmen, die beiden Alter Egos morphen zusammen zu einem musikalischen Charakter.

Das Endprodukt dieser Metamorphose könnte unter Umständen bei den Menschen, die in der Indie-Disco zu Songs wie „Odessa“ und „Bowls“ verzückt ihre Körper bewegt haben, für leichte Verwirrung sorgen. OUR LOVE ist Musik, die sich vom Indie-Rock entfernt, eine Art Hyper-House, dessen Alleinstellungsmerkmale sich der begnadeten Hand Dan Snaiths verdanken: perlende Analog-Synths, verhaltene Basslines, hiphoppige Beats, Gesangssamples von alten Soul-Platten, die Snaith wer weiß wo aufgetrieben hat, Minimalismus mit funky, souly Vibes, kurze Streichersätze, von Snaith-Freund Owen Pallett arrangiert, Bezüge auf den zeitgenössischen Electronic-Soul, Richtungs- und Stimmungswechsel zur rechten Zeit. Und dieses Gespür für poppige, melancholische Melodien, die wahrscheinlich dafür verantwortlich sind, dass die Caribou-Musik auch außerhalb der Club-, House- und Elektronik-Zirkel gemocht wird.


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