Drake Certified Lover Boy


OVO/Republic/Universal/VÖ: 03.09.

von

Kanye, ABBA, Drake – würde RTL diese Veröffentlichungen präsentieren, es wäre vom „Spätsommer der Giganten“ die Rede. Einen knackigen Beef gibt es auch, die beiden Rapper zoffen sich, zuletzt hat Drake einen Track von Ye geleakt, ABBA kümmert das eher wenig.

Bevor es um den Klang von CERTIFIED LOVER BOY geht, ein Blick auf das Design: Sah Kanye Schwarz und setzten ABBA auf Avatare, lässt sich Drake sein Cover vom englischen Pop-Künstler Damien Hirst entwerfen. Der hatte einen solchen Job auch schon für die Babyshambles und die Chili Peppers übernommen; Ed Sheeran wurde von Hirst dazu angeleitet, selbst das Sleeve zum Album DIVIDE zu erstellen. Hundertprozentig geschmackssicher ist der Künstler bei seinen Pop-Arbeiten also nicht. Seine Idee für CERTIFIED LOVER BOY: zwölf Emojis von schwangeren Frauen, in verschiedenen Pullover-, Haar- und Hautfarben. Pop-Art für die Smartphone-Ära: Hätte jeder machen können, aber auf die Idee muss man erst mal kommen!

Selbstverständlich möchte Drake mit seinen Werken etwas Bleibendes erschaffen. Er versteht sich in erster Linie als Künstler, erst dann als Popstar unter den Rappern. Als den größten Popstar unter den Rappern, versteht sich. Was wiederum einiges über sein Kunst-Selbst-Verständnis aussagt. Mit seinen 21 Tracks passt das Album zeitlich nur knapp in ein Fußballspiel, so richtig hoch und runter geht’s auf CERTIFIED LOVER BOY jedoch nicht.

Warum müssen Drakes Alben immer so schrecklich lang sein?

Dabei beginnt die Platte ganz oben: „Champagne Poetry“ rüttelt am Thron des besten Beatles-Mashups, auf dem bislang ungefährdet Danger Mouse mit seinem GREY ALBUM saß. Später bedient sich Drake beim Euro-Trash-Hit „I’m Too Sexy“ – Right Said Fred, Beatles, Emojis, alles dient ihm als Material, im Feld der HipHopPopArt gibt es keinen besseren als ihn. Wenn nur die Selbstreflexionen, die er daraus ableitet, nicht so langatmig wären.

Drake verzweifelt am Dilemma, wie sich grenzenloser Ruhm, bedingungslose Intimität und ehrlicher Umgang miteinander verbinden ließen. Daran sind schon andere gescheitert, Drake überlegt aber länger, kommt auf bescheuerte Ideen (bei „Girls Want Girls“ erklärt er sich selbst als lesbisch), klingt niedergeschlagen und müde – was noch einmal zur Frage führt, warum Drake-Alben immer so schrecklich lang sein müssen?

Einen Vorteil hat die Sache: Wer immer mal wieder quer in die Platte einsteigt, findet Höhepunkte, wo man keine mehr erwartet. Zum Beispiel, versteckt im finalen Viertel, „You Only Live Twice“ mit Rick Ross und Lil Wayne: super Samples, kosmische Keys, fantastischer Flow – die Posse treibt Drake nach vorne, wenn der Eigenantrieb lahmt.

Hört Drakes neues Album CERTIFIED LOVER BOY hier im Stream:


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