Kanye West DONDA


Good Music/Def Jam/VÖ: 29.08.

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Es strengt an, bei immer mehr Künstler*innen zunächst einmal mühevoll die Person vom Werk trennen zu müssen, um überhaupt damit klarzukommen. Ist es nicht eigentlich die Aufgabe von Kunst, uns von solchen Kategorisierungen und Entscheidungen zu befreien? Um für die Dauer eines Albums, Buches, Films, Museumsbesuchs mal nicht darüber nachzudenken, was von Zuschüssen für Lastenfahrräder oder der Ausrüstung der Bundeswehr mit Kampfdrohnen zu halten ist?

Und damit zu Kanye West: DONDA, auf dem Papier sein zehntes Album. Es hätte schon im Juli 2020 erscheinen sollen, dann startete das zu erwartende und daher entsetzlich langweilige Hin und Her, bevor das Werk endlich erschien, selbstverständlich an einem Sonntag. Selbstverständlich deshalb, weil DONDA vertonte Sonntagsschule ist.

Reli bei Mr. West: Jesus und damit Gott steckt in allen Dingen (vgl. Joan Osborne: „One Of Us“). Gott steckt in Messi, wenn er kickt. Er steckt in Stürmen und Fernbedienungen, und natürlich steckt er ganz besonders intensiv in Kanye West, der deshalb US-Präsident werden will, weil er, der Auserwählte, es den Amerikaner schulde.

Irritierende Gäste: Marilyn Manson und DaBaby

Zum Rattenschwanz des mehrteiligen Veröffentlichungsgeweses zählte ein Streaming-Event, bei dem Marilyn Manson und DaBaby irritierende Auftritte hatten. Manson hat eine Vielzahl von Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs am Hals, DaBaby motivierte sein Publikum bei Gigs zu homophoben Spielchen. Was auch immer Kanye West geritten hat, die beiden Typen in seine Performance zu integrieren (wahrscheinlich eine neutestamentliche Fehlinterpretation): Der Auftritt sei „unmöglich zu vergessen – zu vergeben“, schreibt die „Guardian“-Autorin Roisin O’Connor in ihrem Review und vergibt null Sterne. Nicht nur für Kanye West, sondern für die Popindustrie, die diese Inszenierung durchwinke – und damit einen Charaktertest nicht bestanden habe.

West liefert teilweise großartige Musik – wenn man die Augen vor dem Drumherum verschließt

Mit diesen Argumenten vor Augen, kann man DONDA losgelöst davon hören? Sollte man das tun? Anstrengend. Dennoch ein paar Fakten und Einordnungen: 108 Minuten und 48 Sekunden lang, 27 Tracks. Das Editing ist katastrophal, weil dem Album jede Struktur fehlt. Die Lyrics sind größtenteils pseudo-religiöser Erlöser-Quatsch, inklusive der bereits erwähnten Fehlinterpretation, nach der Jesus ein naiver Typ war, der jeder Sünderfigur eine Absolution erteilte. Die Musik – sorry, jetzt passiert es doch – ist in vielen Passagen total gut: Kanye-Kitsch und Autotune, jenseitige Chöre und Synthies, tiefste Bässe und großartige Melodien. Oft ist MY BEAUTIFUL DARK TWISTED FANTASY nicht weit entfernt. „Moon“ ist ein beruhigend simples Gutenachtlied, „Come To Life“ baut auf Samples fanatischer Kirchenredner auf, West singt mit echter Dringlichkeit, ein Klavier klingt wie aus dem 80s-Radio – wer die Anstrengung aufnimmt, die Augen zu verschließen, hört hier großartige Musik. Wer sich das ersparen will, vernimmt zynische Scheinheiligkeit im gehobenen Luxus-Sound.

Unsere Sterne-Bewertung:

Augen auf: * 1/2
Augen zu: siehe oben

Kanye Wests neues Album DONDA hier im Stream hören:


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