Album der Woche

Fiona Apple Fetch The Bolt Cutters


Epic/Sony Music (VÖ: 17.4.)

von

Man muss für gewöhnlich sehr lange auf neue Alben von Fiona Apple warten, dieses Mal waren es acht Jahre, so viele wie noch nie. Fiona Apple, die keinen Führerschein besitzt, hat das Zeitgefühl einer Spaziergängerin. Aber wenn sie dann wieder da ist, dann erkennt man sehr schnell, wozu das Warten gut war.

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Welcome back, Fiona Apple!

„I Want You To Love Me“ heißt das erste Stück der neuen Platte, ein Klavierstück, nichts Besonderes eigentlich. Fiona Apple singt die erste Strophe, den ersten Refrain –alles schon mal gut. Doch im zweiten Durchgang erhöht sie die Intensität, das Lied schwappt von der zweiten Strophe in den zweiten Refrain, aus einer Sehnsucht wird eine Forderung – ein kurzer C-Teil mit Pauken, dann spielt das Klavier verrückt und die Sängerin gleich mit. Welcome back, Fiona Apple!

Übrigens passiert diese Rückkehr früher, als das Label sich das vorgestellt hat: Die Corona-bedingte Verschiebung in den Herbst war schon ausgemacht, da legte die Künstlerin selbst den VÖ-Termin mitten in die Krise. „Hol den Bolzenschneider!“ lautet der Titel des Albums auf Deutsch, Fiona Apple hat ihn aus einer englischen Serie geklaut: Eine Ermittlerin (gespielt von Gillian Anderson) gibt dieser Aufforderung, nachdem sie einen verschlossenen Raum entdeckt hat, hinter dem sie ein gefoltertes und sexuell missbrauchtes Mädchen vermutet.

Apples Schrottplatzblues klingt fast wie Tom Waits

Fiona Apple wurde mit zwölf das Opfer einer Vergewaltigung, doch singt sie keine Lieder über diese Erfahrung, sie hat früh gesagt, diesem alten, unstillbaren Schmerz wohne keine Poesie inne. Jedoch textet sie hier über das, was anderen Mädchen und Frauen passiert, besonders explizit in „For Her“: „Good morning, good morning / You raped me in the same bed your daughter was born in.“ Die Stimme ist rau, die Percussion poltert, der Schrottplatzblues klingt fast wie Tom Waits.

Sowieso ist auf vielen dieser Lieder der Rhythmus zentral: Apple lässt ihn pulsieren und rumpeln, ein normales Schlagzeug gibt es nur selten, ein Song heißt exemplarisch „The Drumset Is Gone“. Stücke wie „Newspaper“ oder „On I Go“ rücken in Richtung HipHop, „Cosmonauts“ besitzt diese orchestrale Post-Rock/Neo-Folk-Hymnik, die Justin Vernon mit Bon Iver konstruiert. Es passiert so viel, dass man gar nicht merkt, was hier fehlt: das Piano. Der erste Song wird noch von ihm dominiert, dann verschwindet es in die hinterste Ecke. Man vermisst es nicht. Schade nur, dass es ein Wiederhören wohl erst in einigen Jahren geben wird.

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