Album des Monats

Kendrick Lamar MR. MORALE & THE BIG STEPPERS


Aftermath/Interscope Records (13.05.2022)

von

Zwei Jahre lang hatte er eine Schreibblockade. Wen wundert’s, wenn das bisher letzte Album DAMN. nicht nur zwei Arme voll Grammys gewann, sondern auch noch – als erstes HipHop-Album ever! – mit dem Pulitzer Preis geehrt wurde. Wie macht man nach so einem Karrierehöhepunkt weiter? Indem man erstmal 1855 Tage zwischen zwei Alben vergehen lässt und sich mit anderen Dingen beschäftigt. Dem Soundtrack für „Black Panther“ etwa. Oder Features mit Cousin Baby Keem. Oder Schauspielerei als Gast in der von 50 Cent co-produzierten Serie „Power“. Oder man kriegt zwei Kinder, rettet die Beziehung zur Frau, geht in Therapie und sammelt, laut einem Statement vom August 2021, alte Fahrräder.

Aber es hilft ja nichts. Während die Welt brannte (Trump, Klimakatastrophe, globale Pandemie, BLM, Krieg…), warteten in ihm Geschichten, die erzählt werden mussten. Mitte April kündigte er die Rückkehr an, einen Monat später war es auch schon soweit: MR. MORALE & THE BIG STEPPERS erschien – ohne die nur eine Woche zuvor veröffentlichte Single „The Heart Part 5“, die zu einem anderen Projekt gehört. Kendrick Lamar ist vor allem: kompromisslos in seiner Vision.

Kendrick Lamars neues Album ist ein Rundumschlag

Und so lässt sich MR. MORALE & THE BIG STEPPERS am besten beschreiben: visionär. Das bedeutet nicht, dass er wie einst Kanye in neue, bislang ungehörte Welten vorstößt. Nein, Kendrick Lamars Talent besteht in seinen Lyrics, die genau dahin gehen, wo es wehtut, und das persönliche und strukturelle miteinander verbinden. Auf MR. MORALE & THE BIG STEPPERS geht es um transgenerationales Trauma, Sucht und Transformation („Mother I Sober“ mit Beth Gibbons von Portishead), um Trauer („United in Grief“), das Gefühl, nicht der Kendrick sein zu können, den die Welt sehen will („Crown“, „Savior“), um das Patriarchat und Beziehungsprobleme („We Cry Together“ mit der Schauspielerin Taylour Paige und seiner Frau Whitney Alford) und trans Familienmitglieder und seine eigene Homo- und Transphobie in der Vergangenheit („Auntie Diaries“) und immer wieder und dauernd um seine eigenen Defizite – kurz, es ist ein Rundumschlag.

Mit 18 Songs und 73 Minuten Spielzeit schafft es Lamar trotz der vielfältigen Themen, genickbrechenden Tempiwechseln und einer Vielzahl an Soundexperimenten ein dichtes Netz zu weben. Wir hören Opern und Kammermusik, Choräle und Straßenlärm, Pop-Versatzstücke von Florence & The Machine (die wie es der Zufall will, am gleichen Tag ihr neues Album nach langer Pause veröffentlichte) bis hin zur Afrorock-Band The Funkees. Und trotzdem ist klar: Alles hängt mit allem zusammen. Musikalisch, aber auch in den Geschichten, die er uns erzählt.

Kaum überraschend, dass Lamar immer wieder auf seine Therapie verweist und ausgerechnet auch auf Eckhart Tolle, einen deutschen Autor diverser Selfhelp-Bücher, der großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint. MR. MORALE & THE BIG STEPPERS ist nicht weniger als Lamars Magnum Opus – ein großartiges, widersprüchliches und immer wieder zutiefst problematisches Meisterwerk. So lädt er beispielsweise den verurteilten Sexualstraftäter Kodak Black auf das Album ein, verwendet die Deadnames seiner trans Familienangehörigen und verbreitet Zweideutigkeiten zum Thema Covid. Lamar weigert sich, unsere Hitmaschine zu sein, unser Held und Heilsbringer. Er weiß noch nicht mal, ob er Kendrick sein will. Und genau deswegen brauchen wir ihn so sehr.

Die fünf besten Songs: 1. Auntie Diaries 2. Crown 3. Mother I Sober 4. United in Grief 5. We Cry Together

Klingt wie: Kanye West: „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ (2010) / Eminem: „The Marshall Mathers LP“ (2000) / The Dresden Dolls: „Yes, Virginia“ (2006)

Kendrick Lamars neues Album hier im Stream hören:


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