Kraftwerk Remixes


Parlophone/Warner (VÖ: 25.3.)

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Die schönsten Wahrheiten sind die, die irgendwann zur Legende werden: In einer Nacht des Jahres 1977 besuchten die beiden Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider einen Afterhours-Club in der New Yorker Bronx. An den Turntables: Afrika Bambaataa, einer der ersten Electro-Funk/HipHop-DJs, der später selbst zur Legende wurde.

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Irgendwann in dieser Nacht mixte Bambaataa die beiden Kraftwerk-Tracks „Trans Europe Express“ und „Metal On Metal“ zu einem über 20-minütigen Monster, das die Crowd auf die Tanzfläche trieb. Die beiden Urheber der ursprünglichen Songs waren beeindruckt. Sie waren Zeuge eines der ersten Live-Mixe ihrer eigenen Musik geworden. Die DJ-Kultur war damals noch eine junge Kunst, die Disco-Musik noch weit davon entfernt, zu House zu werden, und die meisten Remixe waren „Extended Versions“, Edits der Original-Songs, die von den DJs mühsam mit Tonband, Rasierklinge und Klebeband hergestellt wurden.

Dass Kraftwerk externe Remixe in Auftrag gaben, geschah relativ früh in der noch jungen HouseÄra. Die Singles zum 1991er-Album THE MIX, das ja auch eine Art Remix-Album mit neuen Versionen klassischer Kraftwerk-Songs ist, wurden vom britischen House/Downtempo-Veteranen William Orbit und dem Franzosen François Kevorkian bearbeitet, der als DJ in der Paradise Garage und im Studio 54 in New York einer der Architekten der House-Musik war. Diese frühen Neubearbeitungen von „Radioactivity“, das zeigt die Compilation, sind stark in der Zeit ihres Entstehens verhaftet, während die Kraftwerk-eigenen „Kling Klang Mixe“ von „The Robots“ mehr in Richtung Zukunft weisen.

Remix-Alben sind fast so alt wie ihr Objekt selbst

30 Jahre später sind Remixe zum Pop-Alltag geworden, die neben der Ur-Intention, die tanzbaren Bestandteile eines Songs stärker herauszuarbeiten, auch die Funktion erfüllen können, in vollkommener kreativer Freiheit eine künstlerische Neuinterpretation eines Stückes zu erschaffen. Schwierig hat es der Remix manchmal, wenn er aus seinem natürlichen Habitat – dem Club, oder meinetwegen auch dem Wohnzimmer – gerissen wird und unter Seinesgleichen auf ein Album gepackt wird.

Remix-Alben sind fast so alt wie ihr Objekt selbst. LOVE AND DANCING aus dem Jahr 1982 von The Human League, die hier als The League Unlimited Orchestra auftraten, dürfte das erste in der Geschichte der modernen elektronischen Musik gewesen sein, mit mehrheitlich instrumentalen, dubbigen Versionen der Songs des 1981 erschienenen Albums DARE. Worunter LOVE AND DANCING nicht litt, was aber das größte Problem der meisten Remix-Alben ist: Sie werden nicht als Alben konzipiert, sondern eher als Mittel zur Historisierung, als eine Art Klangarchiv, bei dem das Sequencing der Tracks keine Rolle zu spielen scheint.

Das Beste kommt hier zum Schluss

In der Downtempo-Szene in den 1990ern gehörten Neuvariationen von ganzen Artist-Alben zum guten Ton, leider aber auch das Phänomen, dass sich häufig verschiedene Produzenten auf denselben Track versteift hatten und ihre Neubearbeitungen um dieselbe Hookline dieses einen Tracks aufgebaut hatten. Was eine ermüdende Hörerfahrung sein kann. Das gilt teilweise auch für die Kraftwerk-REMIXES: Sieben Variationen von „Expo 2000“ am Stück sind, bei aller Kunstfertigkeit der individuellen DJs und Produzenten (Underground Resistance, Orbital, François Kevorkian und Rob Rives), nur schwer zu hören.

Dass Kraftwerk traditionell damit fremdeln, die Kontrolle über ihr Werk abzugeben, lässt sich daran ablesen, dass nur elf von 19 Remixen hier von „fremden“ Produzenten stammen, von denen einige seit Jahren freundschaftlich mit den Düsseldorfern verbunden sind. Der Rest: Kraftwerkeigene Überarbeitungen. Das Beste kommt hier zum Schluss: die beiden Bearbeitungen von Hot Chip („Aéro Dynamik“, „La Forme“) bringen auf seltsame Weise die Fusion der hier eigentlich unvereinbaren Soundwelten von Remixnehmer und
-geber perfekt zusammen und stellen gleichzeitig die am meisten zeitgemäßen Neubearbeitungen von Kraftwerk-Songs dar.

Die Gewinner der hauseigenen Remixe sind „Non Stop“, die achtminütige Version eines 30-sekündigen Sound-Clips, der ab 1994 die MTV-Sendung „Music Non Stop“ einleitete, und „Home Computer“, dessen deutschsprachige Version als exklusive Vinyl-Single der Musikexpress-Ausgabe vom Juni 2021 beilag. Die Compilation REMIXES wurde bereits 2020 digital auf allen Streaming-Plattformen veröffentlicht, jetzt ist sie erstmals physisch erhältlich: als Doppel-CD, als Dreifach-LP, sowie als limitierte Dreifach-LP auf farbigem Vinyl, die exklusiv über den Kraftwerk-Webshop vertrieben wird.


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