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Album der Woche

LCD Soundsystem American Dream


DFA/Columbia/Sony

Was ist los im Staate Pop? Wenn Arcade Fire im Sound von Abba aufleben und LCD Soundsystem aus dem Geist von Arcade Fire zu spielen beginnen, funktionieren fundamentale Zuschreibungen nicht mehr. In den artistischen Anverwandlungen des eigentlich Fremden bricht sich auch die Lust an der Irritation Bahn. Oder ist es die überfällige Bekanntgabe von lange geheimen Liebschaften? Im Zweifelsfall ein bisschen von beidem beim LCD Soundsystem, und James Murphy gibt dem eine gemeinsame Headline: „You can change your mind“.

Die Ankündigung hätten wir schon auf THIS IS HAPPENING (2010) im Track „Home“ hören können: „Forget your past, this is your last chance now. And we can break the rules, like nothing will last“. Dass Murphy in der Auseinandersetzung mit dem Regelwerk des Pop en passant den traditionell um Jugend buhlenden Disco- und Party­betrieb für Erwachsene öffnete, ohne sich Erwartungen für erwachsene Musik zu beugen, kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden. Das war der Dance-Rock-Shift der Nullerjahre.

In „American Dream“ berichtet Murphy jetzt vom Hangover nach dem Party-Rausch, von der Morgendämmerung, die das wahre Alter des Erzählers an den Tag zaubert, vielleicht weil er die Endlichkeit des Glücks erfahren muss – in der Geschichte des von ihm so verehrten und vor gut einem Jahr verstorbenen Alan Vega, auf dessen Bühnenpräsenz Murphy hier mit leather und chains anspielt.

Kooperation

Überschrieben wird diese Nahaufnahme erst einmal von der Frage: Was ist eigentlich passiert, mehr als sechs Jahre nach dem Aus, das der LCD- und DFA-Label-Chef seinem Projekt verordnet hatte? Jetzt also die nicht ernsthaft erwartete Wiedergeburt. Die zehn Songs auf diesem Album erzählen noch im Geburtskanal von ihrer Herkunft. Sie spielen aufreizend oft mit dem, was schon vor der Zeit des gro­ßen Murphy und in den frühen Jahren des Soundsystems passierte. Wenn man so will, ist mit AMERICAN DREAM jetzt ein Prequel erschienen, eine Enzyklopädie der Urgewalten, die einen relativ alten Sack in die Lage versetzten, die Disco mit dem gesunden Ingrimm des Punk zu bespielen.

Ein Typ mit Wampe und wahnsinnig viel Wissen um die Popkultur, der seine Songs in mächtigen Danceformaten verabreichte und die erst einmal abstrakten Räume mit wiedererkennbaren „Bildern“ von Gitarren füllte und am Ende so oft die Ekstase auf seiner Seite hatte. Mit einem Track wie „Other Voices“ nimmt er die Beatspur aus seinem ersten LCD-Leben auf und transferiert sie in den Talking-Heads-Kosmos circa 1980. Diesen Track wird man auf den Decks demnächst direkt hinter „Once In A Lifetime“ platzieren können, und sein Ur­heber jubiliert ob dieser tribalen Wunderminuten im Zustand vollkommen regressiven Glücks: „You’re just a baby now“. Bei „Change Yr Mind“ kommt noch eine Robert-Fripp-Gitarre hinzu, die sich in Schlangenlinien um den Sänger windet.

„How Do You Sleep?“ im Anschluss ist der erste Wink Richtung Pathos auf dem Album, Murphys Stimme geistert wie ein fernes Echo von Jim Morrison durch einen Trommelworkshop, beim Titelstück gibt sich das Soundsystem dem pastoralen Indie-Rock aus der Arcade-Fire-Schule hin. „Call The Police“, der zweite vorab veröffentlichte Titel, klingt, als würde Peter Hook noch einmal eine Bassrolle vorwärts für New Order machen.

Murphy und sein Soundsystem spielen sich durch diese Verweise mit den gerade mal coolsten Songs der Welt. Und kommen rechtzeitig wieder runter. „Black Screen“, der Zwölfminüter zum Finale, der uns knapp die halbe Zeit mit Wummer-Keyboards und tiefvioletten Pianosequenzen heimleuchtet, ist so etwas wie ein rauschender Appendix, halb Filmsoundtrack, halb unfertiges Manuskript. Musik, die auf der Straße liegt und darauf wartet, aufgelesen oder weitergeführt zu werden. Musique nonstop eben, der Traum vom endlosen Paradies, der nun wirklich nicht amerikanisch sein muss.


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