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Mine Hinüber


Caroline/Universal (VÖ: 30.4.)

von

Die Streicher, abgehackt und bösartig, zerschneiden eine bedrohliche, kaltblaue Stimmung. Der Beginn von HINÜBER erinnert wahrscheinlich nicht umsonst an einen anderen großen Moment der deutschen Popgeschichte, an STADTAFFE, Pierre Baigorrys einziges Soloalbum als Peter Fox. Der ist erklärtermaßen der größte Held von Jasmin Stocker alias Mine, aber mit diesem, ihrem fünften Album tritt die Wahlberlinerin endgültig aus dem Schatten aller Vorbilder.

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Dass die studierte Jazzsängerin weiß, wie sie ihre Stimme einsetzt, war schon lange klar, auch ihre Produktions-Skills sind nicht erst seit gestern souverän, aber nun demonstriert sie auch als Texterin Fähigkeiten, die sie den bisweilen arg selbstreferenziellen Baigorry überholen lässt. Wo dessen Reime selten über HipHop-Interna, Berlin-Representen oder Liebesdinge hinaus weisen, entwirft Mine ein komplett-komplexes Stimmungsbild einer modernen Großstadtbewohnerin.

Und zu der gehört dieser Tage eben auch die gesellschaftliche und (klima-)politische Dimension. „Ich bin der Mensch und bin ein Tier / In voller Scham, in voller Gier / Such nach dem Glück, das ich zerstör‘ / Nichts davon hat mir gehört“, singt Mine schon im das Album eröffnenden Titelsong zusammen mit Sophie Hunger, und dieses Thema, die Verantwortung des Einzelnen im Angesicht globaler Herausforderungen, zieht sich wie ein roter Faden durch HINÜBER.

Themen sind Flucht und atomare Bedrohung, Verteilungsungerechtigkeit, White Privilege und der Sinn des Lebens, aber niemals explizit und holzschnittartig, sondern gleichberechtigt neben anderen drängenden Themen wie: „Eiscreme“. Die große Kunst von Mines Pop ist es, nicht nur im Hohelied aufs Speiseeis das Schwere wie das Leichte ganz selbstverständlich klingen zu lassen.


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