Red Hot Chili Peppers I’m With You


Warner VÖ: 26.08.

von

Die Antwort auf die wichtigste Frage zuerst: Nein, man hört ihn nicht wirklich. Der ein oder andere Adrenalinstoß ist zu registrieren, aber so richtig macht sich Josh Klinghoffer nicht bemerkbar. Das ist natürlich keine gute Nachricht. Klinghoffer ersetzt ab sofort seinen Intimus John Frusciante, der auf allen wichtigen Platten der Red Hot Chili Peppers dabei gewesen ist. Er war es, der die Initiative an sich riss, wenn alles zu glatt wurde. Frusciante ist einer der bedeutenden Gitarristen der Gegenwart und mit einer beachtlichen kreativen Energie gesegnet. Er fehlt diesem Album, ganz klar. An seiner Stelle übernehmen erwartungsgemäß die beiden Urgesteine der Band die Führung. Anthony Kiedis testet die Elastizität seiner Zunge mit der ihm eigenen, dem Rap nicht unähnlichen Wortakrobatik. Aber man fragt sich wieder einmal, was er eigentlich sagen will. Den Verdacht, dass Kiedis manche Worte willkürlich wählt, weil sie sich mit anderen kombiniert irgendwie schräg und originell anhören, kann er nicht ausräumen. Warum er einen Song mit dem viel versprechenden Namen „Ethiopia“ mit enervierend banalen Vokallauten nach Italo-Disco-Art versetzt („ E.I.O.E.R.A.“), erschließt sich überhaupt nicht. Nachvollziehbar wird sein Vortrag nur, wenn er ein Liebeslied singt oder wenn er an den verstorbenen Veranstalter und Biografen Brendan Mullen erinnert, der dem Quartett in Los Angeles einst erste wichtige Auftritte ermöglicht hat.

Auch Flea bringt sich mit seinem Bass schnell in Position. Er spielt vereinzelt Soli, die eigentlich von Klinghoffer kommen müssten, und legt mit seiner ganzen Erfahrung von 30 Jahren Berserkerei satte Funk-Grooves hin. Insgesamt hat sich die Band bemüht, ein Album abzuliefern, dass einen fließenden und zugänglichen Eindruck macht. Der Patchwork-Charakter von Stadium Arcadium gehört der Vergangenheit an. Es ist schon paradox: Obwohl die Chili Peppers nichts zu verlieren haben und so oder so eine der größten Bands der Gegenwart bleiben, trauen sie sich nicht, ein paar Mätzchen zu machen. Obwohl sie auf ihren Pressefotos wie freakige Berufsjugendliche mit rasierschaumverschmiertem Gesicht dastehen, halten sie sich im Studio zurück. Ist Rick Rubin schuld, der auch dieses Album wieder produziert hat und dem man zuletzt generell Sicherheitsdenken anmerkte? Kleine Überraschungsmomente schleichen sich ja schon ein, nur fällt auf, dass sie überhektisch abgebrochen werden. Spannend sind der Latin-Break in „Did I Let You Know“, die bei Supertramp (!) abgekupferte Grundierung in „Even You Brutus?“ und der tropische Afrobeat-Vibe in „Dance, Dance, Dance“ auf jeden Fall. Davon könnte man viel mehr vertragen. Aber die Red Hot Chili Peppers liefern nicht mehr. Sie bleiben bei dem stehen, was man von ihnen erwartet. Give the people what they want. Schon blöd.
Key Tracks: „Monarchy Of Roses“, „The Adventures Of Rain Dance Maggie“, „Did I Let You Know“


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