Highlight: Sigrid, Superorganism und Co.: Was wurde aus den Acts unserer Hotlist 2018?

Sudan Archives Athena


Stones Throw/Rough Trade (VÖ: 1.11.)

Mal angenommen, Sie wären ein Alien, das die Erde noch nie bereist hat. Sie hätten keine Ahnung, wie ein Baum oder ein Apfel ausschaut, irdische Gerüche wären Ihnen ebenso fremd wie Musik. Wie würden Sie sich, nachdem Sie ATHENA gehört haben, das Debütalbum von Sudan Archives, wohl eine Geige vorstellen? Vielleicht als großes, schillerndes Ding, als Wundermaschine, die zugleich hypnotische Rhythmen erzeugen und strahlende Melodiebögen aufspannen kann? Mit Sicherheit wäre Ihnen nichts so fremd wie der Gedanke, dass man das Instrument gemeinhin mit formaler Strenge verbindet: mit Frackträgern in schicken Konzerthallen, mit (sprechen wir es halt aus) weißer Hochkultur, die ihre Manierismen und Ausschlüsse pflegt.

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Brittney Denise Parks, wie Sudan Archives wirklich heißt, veranstaltet mit der Geige, was ihrer Musikerkollegin Kelsey Lu mit dem Cello gelingt: Sie stellt das Instrument völlig in ihren Dienst, spielt es, als hätte sie allein es erfunden. Was ja irgendwie auch stimmt. Als Kind machte sie aus der Not (kein Geld für Geigenunterricht) eine Tugend (eigenwillige Spieltechnik) und bewahrte sich den anarchischen Geist der Autodidaktin zum Glück auch dann, als sie längst Noten lesen konnte.

Parks kommt aus Cincinnati, lebt in L. A. und ist, wie ihr Künstlerinnen-Alias nahelegt, eine Archivgräberin. Auf ihren Streifzügen durch die Musik­ethnologie entdeckt sie Instrumente, Techniken und Sounds, die der eurozentristische Blick nicht einmal streift, zum Beispiel Folk aus Westafrika oder eben dem Sudan, wo die Geige gern als Rhythmusinstrument genutzt wird. Bereist hat Parks den Sudan nie. Das Land wird bei ihr zum Sehnsuchtsort, in dessen Musiktradition sie zu finden scheint, was ihr im Geburtsland so oft verweigert wird: das Gefühl von Zugehörigkeit.

ATHENA umkreist Themen wie Liebe und Religion, aber auch Parks’ Identität als schwarze Frau in den USA, ihre Erfahrungen mit Entfremdung und Ausgrenzung. „There is a place that I call home / But it’s not where I am welcome / And if I saw all the angels / Why is my presence so painful?“, singt sie in „Confessions“, einem der – so viel Superlativ darf mal sein – schönsten Stücke des bisherigen Jahres: Schlicht wundervoll, wie der Song erst zur großen Ouvertüre anschwillt und dann plötzlich abbricht, um einer erhabenen Geigenfigur Raum zu geben. Dazu klackern feine Percussions und klopft ein wuchtiger Beat. Identitätssuche klingt bei Sudan Archives wehmütig und beflügelnd, als sei das Wissen um die eigene kulturelle Fluidität, um das Nirgendwo-Reinpassen zugleich Bürde und Geschenk.

Auf dem Fundament von Soul und zeitgenössischem, trick- und wendungsreichem R’n’B baut Sudan Archives Songs, die elegant zwischen den Aggregatzuständen wechseln: Die zärtliche Break-Up-Nummer „Iceland Moss“ klingt pur und kühlend wie vertonte Morgenluft. Lieder wie „Coming Up“ ziehen hypnotisch ihre Kreise, lassen manchmal sogar eine Verwandtschaft zur sedierten Schwere des TripHop erkennen; die „Black Vivaldi Sonata“ knistert im verschleppten Rhythmus. Und in „Glorious“ geigt Parks zu Bassgitarre, tieffrequentem Brummen und den Lines des Rappers D-Eight aus Cincinnati den Rhythmus zur Selbstermächtigungszeremonie: In einem schamanischen Tanz scheinen sich alle (Selbst-)Zweifel zu entladen, mit denen sie die Reise auf ATHENA angetreten war.

„I realize I lost my mind“, hatte sie im Opener „Did You Know“ gestanden, und resigniert erklärt: „When I was a little girl, I thought I could rule the world.“ Bitte glaub’ doch weiter dran, wollte man ihr da am liebsten zurufen – wenn man nicht selbst so gut wüsste, wie verlogen das Märchen ist, jeder (und jede) könne alles erreichen. Dass Parks heute vielleicht nicht mehr meint, die Welt regieren zu können, aber trotzdem weiß, wie man Gewissheiten erschüttert, beweist ihr Debütalbum, von der Soundästhetik bis zum Cover, auf dem sie selbst als Athena posiert. Wenn wir eine Göttin der Weisheit erdenken können, scheint Parks da in triumphaler Pose zu fragen – warum sollte sie eigentlich nicht schwarz sein?

ATHENA im Stream hören:


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