The Beatles Revolver (Super Deluxe)


Capitol/Universal (VÖ. 28.10.)

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In der sehenswerten DVD-„Anthology“ der Beatles gibt es jene denkwürdige Szene: Die Band spielt gerade „Paperback Writer“ in TokiosBudokan- Halle und hat aufgrund kreischender Japaner*innen und einer rudimentären Monitoranlage gelinde Probleme, die A- cappella-Passage unfallfrei über die Bühne zu bringen. Weshalb George Harrison hektisch ins Publikum winkt, auf dass es noch lauter schreie – und die leichten Intonationsprobleme im allgemeinen Lärm untergehen.

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Die künstlerischen Ambitionen der Band standen 1966 eben zweifellos im Missverhältnis zu den technischen Gegebenheiten, was die Beatles letztlich dazu bewog ein neues Kapitel einzuläuten – zusätzlich befeuert vom alltäglichen Irrsinn des Tourbetriebs, von wachsenden Sicherheitsbedenken und einer zunehmenden Lustlosigkeit, für ein Publikum zu spielen, das sie kaum hören konnte. Die Ära ihrer Live-Shows endete im August 1966, kurz nach Erscheinen ihres siebten Studioalbums REVOLVER.

Denn eines war offensichtlich: Neue Stücke wie das Streichoktett „Eleanor Rigby“, der Motown- Soul von „Got To Get You Into My Life“, das indisch inspirierte „Love You To“ oder der Acid-Folk von „I’m Only Sleeping“ mit seinen rückwärts laufenden Gitarrensolos war ohne Gastmusiker oder Playbacks anno ’66 live nicht mehr reproduzierbar – vom schwer psychedelischen „Tomorrow Never Knows“ mit seinen Samples und Loops ganz zu schweigen.

Die Lust auf mitunter zeitraubende Experiment erhob REVOLVER zum bislang komplexesten Beatles-Werk

Das Studio war, wie kurz zuvor bei PET SOUNDS der Beach Boys, zur eigentlichen Bühne geworden, und Bands, die etwas auf sich hielten, folgten diesen Beispielen. Womit ein Trend geboren wurde, der im Laufe der Siebzigerjahre manche Produzenten und Plattenfirmenbosse an den Rand des Wahnsinns treiben sollte. Alben wurden nicht mehr binnen weniger Tage oder Wochen aufgezeichnet, sondern brauchten mitunter Monate oder gar Jahre bis zur Fertigstellung. Die Aufnahmen zu REVOLVER verliefen noch vergleichsweise zügig, sie dauerten, mit Unterbrechungen, vom 6. April bis zum 21. Juni. Die Lust aufs mitunter zeitraubende Experiment erhob REVOLVER jedoch zum bislang komplexesten Beatles-Werk.

Das Zeitalter potenzieller Studio-Exzesse war hiermit angebrochen. File under: SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND. Nur war die Bastelei in der Abbey Road eben kein Selbstzweck, sondern zeitigte erstaunliche Resultate: Die indische Musik, bei „Norwegian Wood“ im Jahr zuvor noch dezente Klangfarbe, war bei „Love You To“ ein tragendes Element, während das epochale „Tomorrow Never Knows“ den Schulterschluss mit der elektronischen Avantgarde suchte. Beat-Musik, wie man seinerzeit sagte, war damit nicht mehr zwangsläufig Teil einer unter generellem Banalitätsverdacht stehenden Jugendkultur, sondern konnte sogar progressive Kunst sein. Die in manchen Teenie-Köpfen gewiss mehr als drei Fragezeichen evozierte und nahelegte, dass auch Drogen im Spiel waren.

In der Kunst, Alben zu erschaffen, die einerseits stringent klangen, andererseits genügend Abwechslungsreichtum boten, waren die Beatles bekanntlich geübt, wovon bereits die von Giles Martin neu gemischten Standard-LPs und -CDs Zeugnis ablegen. Die CD erscheint optional auch als Deluxe-Doppelpack, eine Vinyl-Picture-Disc ist ebenfalls erhältlich. Am interessantesten sind natürlich die „Super Deluxe“-Pakete, sei es als 4-LPBox mit Bonus-Single oder als 5-CD-Ausgabe mit 100-seitigem Buch, den neuen Stereo- und Mono-Mixes, einer Bonus-EP sowie zwei Scheiben mit diversen Session-Outtakes.

REVOLVER atmet Aufbruchsstimmung und den Mut zur Grenzüberschreitung

Letztere bestätigen zwar erneut, dass die Beatles stets die besten Versionen auf ihre Werke packten, geben aber interessante Einblicke in die Werdegänge. Bei „Yellow Submarine“ beginnt es sogar mit einem herzzerreißenden Demo, das mit dem späteren Stimmungs-Schunkler rein gar nichts gemein hat. Zudem wird deutlich, etwa bei der Single-B-Seite „Rain“, wie kreative Studioarbeit die gewünschten Ergebnisse überhaupt erst ermöglichte.

Dass die nachträgliche Beurteilung einzelner Beatles-Alben zeitgeistbedingten Schwankungen unterliegt, dürfte bekannt sein. Nun kristallisiert sich seit einiger Zeit heraus, dass die „Übergangswerke“ RUBBER SOUL und REVOLVER in Sachen Publikumsgunst die Alben der Hippie- und Spätphase abzulösen scheinen, wofür es auch durchaus gute Gründe gibt. Vor allem REVOLVER atmet zwar Aufbruchsstimmung und den Mut zur Grenzüberschreitung, ist aber als Werk einer Band zu verstehen, die (noch) fröhlich an einem Strang zieht und sich Ego-Trips sowie provokante, aber letztlich nährstoffarme „Revolution #9“-Spielereien verkneift. Was es qualitativ auf eine Stufe mit ihren besten Werken stellt. Ohne jeden Zweifel.


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