Zinnschauer Das Zimmer Mit Dem Doppelten Bestand


Kapitän Platte (30.12.2020)

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Ein Kind in einem Zimmer, das zu klein ist, um nur den geringsten Hauch an Erwartungen zu heben: „Das rote Band am Baum und um den Hals herum.“ Dem Kind gibt der Würgegriff einen Halt im Leben und doch weiß es: „Wenn ich jetzt nicht geh, komm ich nie mehr weg.“ Davon handelt „Beim Laternenaustreten“ und davon handelt genau genommen auch das Epos, das Zinnschauer nach sechs Jahren Stille mit DAS ZIMMER MIT DEM DOPPELTEN BESTAND herausgebracht haben. Orchestraler Indie und Märchen-Emo, so beschreiben die Macher Jakob Amr, auch Sänger der Indie-Pop-Band Leoniden, und Sjard Fitter ihre Platte passend selbst.

Es sind die Wände, die das Kind festhalten, es ist das rote Band, das immer wieder in einen neuen Raum führt und es ist die Tür, die dich anstarrt, als würde sie etwas erwarten. Das Gehen fällt schwer, egal wie schlecht die Lebensbedingungen sind. Wessen Schuld ist es, dass man sich nicht mehr versteht? Im Song „Ein Sturz (Bisse)“ folgen auf dahin geschmetterte Gitarren-Akkorde, wie man sie von Zinnschauer nur zu gut kennt, präzise gezupfte Töne. Es entsteht das Gefühl, schon dieses eine Instrument würde im Zwiespalt mit sich selbst stehen. Und so führt auch die Liedstimme einen Kampf gegen die Background-Vocals, in denen sie im Refrain letztlich komplett untergeht.

 

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Zinnschauer: Sind es Schreie oder doch Gesang?

Auf ihrem Albumdebüt HUNGER.STILLE (2014) wusste Jakob Amr noch keine andere Emotion über die Lautstärke seiner Gitarre rüberzubringen als Wut. Sechs Jahre später erschaffen er und Sjard Fitter an den Percussion-Elementen einen Raum voller Emotionen innerhalb dieser plötzlichen Ausbrüche. Jene Lautstärke ebbt zu Beginn des Albums noch nach ein paar Sekunden ab, in „Eine Chance (Umzug)“ bricht sie jedoch aus sich heraus. Die Violinen streichen immer lauter, ein Xylophon ist immer deutlicher zu erkennen und schließlich stellen sich die Lyrics selbst die Frage: „Sind es Schreie oder doch Gesang?“ Der Umzug könnte für das Kind mit dem roten Band eine Chance sein, doch letztlich wird es immer wieder weiter nach einem Zuhause suchen.

Das eigene Schicksal scheint besiegelt, in jedem Falle nach dem Song „Was vorher gilt und auch danach“. In überraschenderweise ruhige Gitarre-Akkorde mischt sich Getuschel. Das Instrument spielt schneller, entwickelt nun noch mehr Eigenleben, bis kaum noch herauszuhören ist, was genau der Chor singt. „Wir sind das Gesetz“, mit diesen Worten bahnt sich Jakob Amr nach der Hälfte des Songs endlich den Weg ans Mikrophon. Doch ab diesem Punkt ist auch den letzten Zuhörer*innen klar, dass genaueres Hinhören nicht der Schlüssel zum Verständnis das Albums ist. Was DAS ZIMMER MIT DEM DOPPELTEN BESTAND so genial macht, sind nicht die Momente, in denen alle Elemente klar klingen, es sind solche, in denen alles verschwimmt. Denn erst durch das Chaos fällt das Licht auf – und man spürt „Sonne im Gesicht“.

Der doppelte Bestand – ein Versuch einer Interpretation

Kaum noch damit gerechnet, löst sich die Geschichte des Kindes mit dem roten Band in Hoffnung auf. Wenn es jetzt nicht geht, dann kommt es niemals an. Irgendwo in der Mitte des Albums schleicht sich der Gedanke ein, dass der Tod der einzige Ausweg vor dem kalten Winter ist. Die Stimmen kommen dem Kind, weil es vor Schwäche halluziniert. Solch eine Deutung liegt womöglich am nächsten. Auf den letzten Metern drehen Zinnschauer jedoch die Message des Epos um 180 Grad. „Sonne im Gesicht“ eröffnet, dass ein Kind nichts vergisst, „vor allem nicht das Licht“. Alles hat seinen Platz am Firmament. Das zweite Album der Hamburger Indie-Band endet mit einem Aufatmen und dem Verlangen nach mehr hörbuchartigen Werken der Jungs, deren Bandgeschichte in einer St. Pauli-WG begann.


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