Max Giesinger mit #SEATSounds Live

Spezial-Abo

Lean, Xanax, Tildin: So finden Drogen im Deutschrap statt

von

Dass es im Deutschrap, sowie im Rap allgemein, immer wieder um Drogen geht, ist kein Geheimnis. Die Palette von Texten über Drogenkonsum reicht von Dynamite Deluxes Cannabis-Hymne „Grüne Brille“ aus dem Jahr 2000 bis hin zu aktuellen Capital-Bra-Songs über das Schmerzmittel Tilidin. Immer wieder landen Rapper*innen in den Schlagzeilen, wenn sie es mit der Glorifizierung von Drogen in der Öffentlichkeit zu weit treiben und die Grenze zwischen Kunst und Realität eingerissen wird. So kommen beispielsweise die Rapper der 187-Strassenbande wegen expliziter Instagram-Stories immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt.

Wer aber meint, dass Drogen in den Texten lediglich glorifiziert werden, irrt. Zum Einen dienen sie Rapper*innen zwar als Inspirationsquelle für Geschichten, auch wenn sie nur als Beobachtende agieren und zum Anderen werden sie auch mit Misserfolgen und persönlichen Lebenskrisen assoziiert. Manchmal wird sogar vor ihnen gewarnt. Im Folgenden geht es um verschiedene Ansätze von Rappern, die mit dem Thema Drogen unterschiedlich umgehen.

1) Glorifizierung: negatiiv OG – „PILL POPPER“

Der Braunschweiger Rapper negatiiv OG gehört zu einer jungen Generation von Trap-Rapper*innen, zu deren Vorbilder amerikanische Künstler wie Lil Xan, Future und Lil Uzi Vert gehören. Als Modedroge in dem Sub-Genre gilt Xanax, das in Deutschland als Tafil bekannt ist. Das verschreibungspflichtige Medikament, das bei Schlafstörungen und Panikattacken helfen soll, kann schnell abhängig machen. Seit dem Tod des Rappers Lil Peep, der eine gefährliche Mischung aus Xanax und Fentanyl zu sich nahm, gibt es aber auch viele kritische Stimmen aus der amerikanischen Szene. Auch negatiiv OG gibt in Interviews an, den Konsum des Medikaments mittlerweile kritisch zu betrachten und besser zu dosieren. In dem Song „PILL POPPER“ von 2018 rappt er allerdings noch:

„Baller Pharma wenn ich wieder mal zu wenig Schlaf hab. Popp wie die Hoe ja, popp mir die Xanny in’s Koma.“

2) Gewohnheit: YIN KALLE – „LILA RACKS“

Ein weiterer aufstrebender Trap-Star ist der Berliner Rapper Yin Kalle. Seine Texte handeln, ähnlich wie bei seinen musikalischen Vorbildern Lil Pump und Smokepurpp, von teuren Markenklamotten und natürlich auch von Genussmitteln. Neben den bereits erwähnten Xanax, geht es auch um Lean oder Purple Drank, womit eine Mischung aus verschreibungspflichtigem Hustensaft und Limonade gemeint ist. Das „Partygetränk“, das bei Trap-Rapper*innen oft erwähnt und zelebriert wird, kommt mit einigen Risiken wie Verstopfung, Karies, Harnproblemen und Gewichtszunahme daher. Für Yin Kalle gehört der Konsum von Lean und Xanax aber zum Rapper-Lifestyle standardmäßig dazu und so rappt er auf „LILA RACKS“:

„Ich will lila Racks (Racks), ich hab‘ lila in mein’m Cup (ich will lila, lila). Ja ich poppe eins, zwei, drei Pill’n oder vier (Xan).“

3) Risiken und Nebenwirkungen: Samra & Capital Bra – „Tilidin“

Das Schmerzmittel Tilidin, das aus der Gruppe der Opioide stammt, wurde in letzter Zeit vor allem durch Songs von Capital Bra und Samra, aber auch durch den Rapper Gzuz von der 187 Strassenbande bekannt. Auch wenn Capital Bra sich mittlerweile kritisch zu dem Arzneimittel äußert, was er beispielsweise in einer Dokumentation des Funk-Format „Str_F“ öffentlich tat, kam die Droge in seinen Songs bisher einigermaßen gut weg. In ihrem gemeinsamen Song „Tilidin“ ließen Capital Bra und Samra allerdings durchblicken, dass sie nicht nur gute Zeiten mit dem Konsum verbinden.

„Paar Tropfen Tili, seh‘ den Film an mir vorbeifahr’n. Lieber Gott, ich fühle mich so einsam.“

4) Kalter Entzug: Bonez MC – „Tilidin weg“

Und noch einmal geht es um Tilidin. Dass es sich bei dem Interpreten eines Anti-Drogen-Songs, der gleichzeitig die Vorzüge eines gesunden Lebens hervorhebt, gerade um den 187-Strassenbande-CEO Bonez MC handelt, mag beim ersten Blick zugegebenermaßen etwas verwundern. Schließlich drehten sich dessen Textzeilen oft um Pillen, Cannabis und verschreibungspflichtigen Hustensaft – drei Dinge, die auch immer wieder in seinen Musikvideos und in seinen Instagram-Stories auftauchten. Die Idee mal zur Abwechslung mit einer positiven Botschaft an die Jugend zu treten, kam angeblich von Bonez MCs Mutter, die ihm klargemacht haben soll, dass er auch einmal ein Vorbild sein sollte.

„Kipp‘ das Tilidin weg. Bin voll am Ende, bitte gib mir ein Bett. ‚Ne Flasche Stilles auf Ex.“

5) Abstinenz und Abrechnung: Antilopen Gang – „Lied gegen Kiffer“

Songs, die den Drogenrausch oder Menschen, die sich ihm hingeben, aufs Korn nehmen, gibt es im Deutschrap kaum. Der Konsum von Rauschmitteln scheint in der HipHop-Kultur so sehr verwurzelt zu sein, sodass er zumindest flächendeckend toleriert und akzeptiert wird. Doch können Konsument*innen auch über sich selbst lachen? Dass sie mit ihrem „Lied gegen Kiffer“ die Gemüter vieler Rap-Fans erhitzen, war den Rappern der Antilopen Gang wahrscheinlich bewusst. Dass sie mit ihrem Song jedoch einen regelrechten Shitstorm in Form von Hass-Kommentaren auf YouTube auslösten, brachte die Band, die für ihre ironischen und politischen Statements bekannt ist, vermutlich aber selbst zum Staunen.

„Frag nie wieder, ob wir einen mit dir rauchen wollen. Kiffer sind verhaltensgestört, wir ha’m die Schnauze voll.“


#Diss-Connect – Bei diesem Rap-Contest wird die Gesellschaft gedisst
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €