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Capital Bra über Trend-Droge Tilidin: „Ich schäme mich!“

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„Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen!“ lautet eine Zeile aus dem gemeinsamen Track von Capital Bra und Samra. Ist diese nun Schuld daran, dass gerade immer mehr Jugendliche der Droge Tilidin verfallen? In einem Interview nimmt Capital Bra nun Stellung dazu. Er berichtet zudem von seiner eigenen Sucht und warnt nachhaltig vor dem Medikament.

Nachfrage unter Jugendlichen steigt rasant an

Fakt ist: Das Geschäft mit dem Schmerzmittel boomt. Deutlich stärker als noch vor einigen Jahren. Das belegen auch die Daten der gesetzlichen Krankenkassen. Seit 2018 seien demnach allein die Verschreibungen des Medikaments bei 15- bis 20-Jährigen fast um das 30-fache angestiegen. Auch in den Musik-Charts wird Tilidin immer populärer. Von Capital Bra und Samra über Gzuz und AK Ausserkontrolle bis zu Bonez MC: Es scheint, als habe das Medikament Einzug in den Mainstream gefunden.

Kultiviert Deutsch-Rap die Droge?

Das funk-Format „Str_F geht in einer neuen Folge der Frage nach, welchen Einfluss Rap auf das wachsende Tilidin-Interesse unter Teenager*innen hat. Darüber hinaus deckt die Reportage auf, wie die Konsument*innen an die Droge kommen. Denn auch im Darknet blüht offenbar das Geschäft mit dem Opiat. Dort kursieren unter anderem diverse Angebote an Fake-Rezepten, die sogar den „Umweg“ über die Krankenkasse sparen. Am 8. September, legte Strg_F mit einem weiteren Video nach. Der Kanal veröffentlichte ein ausführliches Interview mit Capital Bra – dem Rapper, der Tilidin wohl so häufig wie kein zweiter in seinen Songs thematisierte. Seit 2016 hat er sich in ganzen 16 Songs dem Medikament gewidmet. Zwar setzt er sich hin und wieder auch kritisch mit der Droge auseinander. In den meisten Songs kommt Tilidin jedoch gut weg.

Capital Bra bezieht Stellung und berichtet: „Du sitzt da wie ein vercrackter Junkie“

Capital Bra sei von sich aus auf das funk-Team zugekommen, nachdem diese ihre „Tilidin“-Reportage veröffentlicht hatten. Er wolle auf den Film reagieren und Stellung beziehen. In dem Gespräch zeigt sich der Musiker selbstkritisch. Er erzählt von seiner Sucht nach dem Schmerzmittel, die ihn lange begleitete. Schon als 15-jähriger sei er erstmals mit Tilidin in Berührung bekommen. Was folgte, war direkt ein schlimmer Absturz. Zwei Tage lang habe er sich übergeben müssen. Dennoch wurde er süchtig: „Du gehst nicht schaukeln mit 15. Einer holt Gras, einer holt Tilidin, dann chillst du halt den ganzen Tag. Und jeden Tag von vorne“, berichtet der Rapper. „Du kannst nicht ohne, weil es dich dann fickt. Du sitzt dann da wie ein vercrackter Junkie.“

Als Teen sei er auf die Droge aufmerksam geworden, weil sie billig war. Doch auch als erfolgreicher Artist sei er nicht von ihr losgekommen. Tilidin habe ihm dann bei der Stress-Verdrängung geholfen. „Auf einmal bist du Rap-Star. Wir haben das genommen zum Klarkommen. Weil alles ist zu viel“, gesteht er. Trotzdem hat Capital Bra es mittlerweile geschafft, sich von seiner Tilidin-Sucht zu befreien. Eine Motivation war für den zweifachen Vater die Vorstellung, seine Kinder vom Kindergarten abholen zu können. Ganz normal, ohne benebelt zu sein. Über seinen Entzug sagt er: „Die ersten zwei Tage denkst du, es ist schlimm, aber dann wird es erst schlimm.“ Wenn man einen Monat durchhalte, habe man es geschafft.

Was ist eigentlich Tilidin?

Bei Tilidin handelt es sich um ein künstliches, opiumartiges Schmerzmittel. Es wirkt stark betäubend und geht direkt aufs zentrale Nervensystem. In erster Linie wird das Medikament Krebs- und Rheumapatienten verschrieben. Die psychische Abhängigkeit setzt schnell ein, da es schon in niedrigen Dosen ein großes Wohlbefinden auslöst – bereits ab 25 Milligramm. Zunächst wirkt es verlockend: Das Medikament baut Hemmungen ab, unterdrückt Angst und erhöht kurzfristig die sexuelle Leistungsfähigkeit. Allerdings macht es mitunter auch aggressiv und leichtsinnig. In der Kombination mit Alkohol kann es im schlimmsten Fall sogar zum Atemstillstand führen.

Junge Menschen gestehen: „Man will den Rappern näher sein“

Der Zusammenhang zwischen Deutschrap und dem ansteigenden Konsum an Tilidin ist zwar nach wie vor nicht eindeutig bewiesen. Die Reportage von funk legt eine Verbindung jedoch nahe und auch die Jugendlichen selbst, die zu Wort kommen, untermauern diese Vermutung „Man will den Rappern näher sein, indem man sich dieselben Sachen antut wie die“, erzählt ein Jugendlicher im STRG_F-Interview. Ein anderer meint: „Tilidin kam groß durch Deutschrap. Da steckt dieser Lifestyle dahinter: ‚Ich nehme Drogen und chill den ganzen Tag.‘ Das ist schon erstrebenswert.“

Darauf angesprochen schüttelt Capital Bra den Kopf. „Auf keinen Fall kommt ihr den Künstlern näher, wenn ihr Tilidin nehmt“, sagt er. „Es ist nichts Cooles. Macht es nicht!“ Im Nachhinein bereue er, die Droge mit populär gemacht zu haben. „Sieht man, dass ich mich schäme?“, fragt er. In Zukunft wolle er Tilidin keine Bühne mehr geben. Generell solle es in seinen Tracks nun weniger um Drogen gehen. „Ich will diese Sachen nicht weiter verarbeiten. Ich will versuchen, das wegzudrängen.“ Das Interview selbst hingegen hat er direkt im Anschluss verarbeitet. Der Beitrag schließt mit einer Audioaufnahme, die der Rapper nachträglich an das Reportage-Team schickte. Darin heißt es unter anderem: „Die Kids nehmen die Scheiße um uns näher zu sein. Glaubt mir, ich schäme mich!“


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