Szenen gestrichen, Twin Towers retuschiert: Wie die Filmwelt auf 9/11 reagierte

Alarmbereitschaft in New York. Kriminelle nehmen Geiseln und rauben eine Bank aus, anschließend steigen sie siegessicher in einen Helikopter und fliegen durch die Häuserschluchten Manhattans. Plötzlich kommt der Hubschrauber ins Schleudern, der Pilot verliert die Kontrolle und bemerkt, dass die ganze Maschine samt Insassen nach hinten gezogen wird. Am Ende die Auflösung: Die Verbrecher sind in einem gigantischen Spinnennetz gefangen, Spider-Man hat sie Hunderte Meter über dem Erdboden dingfest gemacht.

Mit genau dieser Szene wurde weit vor dem Kinostart im Jahr 2002 der Superheldenfilm „Spider-Man“ von Sam Raimi und mit Tobey Maguire beworben, mit dem sogenannten Teaser startete Columbia Pictures schon 2001 die gigantische Werbekampagne für den Blockbuster. Der beeindruckende Shot mit dem ins Netz gegangenen Helikopter musste schlussendlich aber aus dem Film geschnitten werden, weil Spider-Man die Schurken ausgerechnet zwischen den beiden Twin Towers dingfest gemacht hat. Der Werbespot erschien nur wenige Wochen, bevor Terroristen Flugzeuge in die Türme steuerten und diese zum Einsturz brachten.

„Spider-Man“: Teaser-Trailer

Nicht nur die mit viel Geld und Aufwand gedrehte Helikopter-Sequenz musste Sam Raimi aus seinem Film streichen, auch diverse Poster, auf denen sich die Twin Towers in den Augen von Spider-Mans Augen spiegeln, mussten zurückgezogen werden. Viele Produktionen sahen sich nach 9/11 mit der Herausforderungen konfrontiert, die bis zum 11. September 2001 im Stadtbild New Yorks omnipräsenten Türme verschwinden zu lassen. Zwar war die Filmwelt in Anbetracht der weltpolitischen Folgen nur ein kleiner Nebenschauplatz zu dieser Zeit, speziell in den USA reagiert die Bevölkerung aber sehr sensibel auf Popkultur und andersherum.

Neue Poster, gestrichene Szenen

Man entschied sich also, die Türme aus Gründen der Pietät weitestgehend aus bereits abgedrehten Filmen zu tilgen, zumindest für eine Zeit lang. In der Komödie „Zoolander“ wurde das World Trade Center digital aus einigen Szenen retuschiert, in „Serendipity“ mit John Cusack wandte man dieses Prinzip ebenfalls an, während man sich bei „Sidewalks of New York“ zumindest darauf verständigte, die Türme aus dem offiziellen Poster zum Film zu streichen. Auch in „Stuart Little 2“, „Kissing Jessica Stein“ wurden Szenen mit den Gebäuden vor dem Kinostart gekürzt.

Die Rücksicht der Studios auf die Gefühlswelten der Zuschauer ging so weit, dass sogar weitaus ältere Filme verändert wurden. Als der 1998er Katastrophenfilm „Armageddon“ mit Bruce Willis und Ben Affleck 2002 beim Sender ABC ausgestrahlt wurde, verzichtete man lieber auf den Moment, in dem ein Asteroid in einen der Türme einschlägt. Und eine Zeit lang wurde der Weihnachtsklassiker „Kevin – Allein in New York“ nur ohne die Szene gezeigt, in der Macaulay Culkin sich das World Trade Center anschaut und auf dem Dach Fotos schießt.

„Home Alone 2“: Twin Towers

Einige Zeit nach den Anschlägen drehte sich der Spieß um, die Twin Towers mussten der Stadt durch digitale Tricks wieder hinzugefügt werden. Historische Genauigkeit erfordert diesen Schritt logischerweise bis heute. Sein offizielles großes Kino-Comeback feierte das World Trade Center 2008 dann mit der Dokumentation „Man on Wire“, in der Regisseur James Marsh die Geschichte des Franzosen Philippe Petit erzählt, der 1974 ungesichert auf einem Seil von einem Turm zum nächsten lief. Marsh gewann 2009 den Oscar für den besten Dokumentarfilm des Jahres. Und die Twin Towers gewannen vielleicht auch ein bisschen mit ihn.


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